Von Tom Grünweg
Die Zukunft bietet für die Autohersteller womöglich mehr Risiken als Chancen. Zwar werden Menschen in Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien den Fahrzeugabsatz künftig wohl gewaltig ankurbeln. Parallel dazu lässt jedoch auf den etablierten Pkw-Märkten das Kaufinteresse dafür nach. Immer mehr Menschen in den großen Ballungsräumen werden nach den Prognosen von Zukunftsforschern künftig ohne eigenes Auto leben. Immobil werden sie deshalb aber noch lange nicht.
"Das Bedürfnis des Einzelnen nach flexibler, komfortabler und günstiger Mobilität bleibt bestehen", sagt zum Beispiel Daimler-Manager Michael Kuhn. Die These gilt bei Automobilherstellern als fundamental - und so denken immer mehr Unternehmen über Mobilitätskonzepte nach, die ohne starre Eigentumsverhältnisse auskommen.
Daimler beispielsweise startet am 18. September eine Internetplattform namens "car2gether". Dahinter verbirgt sich eine virtuelle Mitfahrzentrale - und die ist nicht auf Autos aus dem Konzern beschränkt. Twittern statt trampen könnte man das Projekt auch nennen, das zunächst auf Ulm begrenzt ist. Mitfahrgesuche und Streckenangebote werden per Kurznachricht an das System gesendet, das wiederum nahezu in Echtzeit die passenden Fahrpartner vermittelt.
Soziales Auto-Netzwerk
Das System soll nach Angaben der Schwaben ebenso schnell wie simpel funktionieren: Teilnehmer müssen sich lediglich einmal auf der "car2gether"-Website registrieren und eine Software auf ihr Mobiltelefon laden. Beides ist während der Startphase noch kostenlos, später jedoch will Daimler eine Vermittlungsgebühr kassieren.
Sind Benutzername und Profil samt Foto hinterlegt, genügen in der Folge Kurznachrichten für die Reiseplanung: Wer eine Fahrgelegenheit anzubieten hat oder eine solche sucht, gibt Start, Ziel und Uhrzeit via Handy oder Computer an und erhält den jeweils passenden Partner vermittelt. Stimmen beide zu, werden automatisch die Kontaktdaten ausgetauscht, und die gemeinsame Fahrt kann beginnen. Parallel dazu erscheinen alle Angebote und Gesuche im 15-Sekunden-Takt auch auf einem Live-Ticker, der sich laut Daimler am Micro-Blogging-Dienst Twitter orientiert.
Der Preis ist Verhandlungssache
Den Preis für die Mitfahrgelegenheit handeln die Fahrzeuginsassen selbst miteinander aus. Analog zur Grundidee des Ulmer Smart-Mietwagen-Projekts "car2go" empfiehlt "car2gether" keine Kostenbeteiligung auf Basis der Entfernung, sondern die Abrechnung nach Zeit: 9,5 Cent pro Minute sollte der Mitfahrer dem Chauffeur bezahlen, so der Vorschlag. In den ersten Wochen sollen die Geschäfte in bar abgewickelt werden, später ist eine automatisierte Zahlung über die Web-Plattform geplant.
Noch ist unklar, wie die Idee bei den Ulmern ankommen wird. Werden sich genügend Fahrer und Mitfahrer zusammenfinden und wie schnell funktioniert die elektronische Partnersuche tatsächlich? Sicherheitshalber wurde deshalb auch ein Link zur Taxizentrale auf die Seite gestellt; die Integration der Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs ist zudem in Vorbereitung.
"Die Pilotphase dient dazu, einzelne Funktionen des Systems sowie die Akzeptanz und das Nutzungsverhalten der Teilnehmer zu testen", heißt es bei den Machern. In enger Zusammenarbeit mit den Nutzern würden Erfahrungswerte für das System gesammelt und zur Weiterentwicklung von "car2gether" genutzt. "Bis Jahresende wird Daimler das Pilotprojekt von "car2gether" auf eine weitere Stadt in Deutschland ausweiten", sagt Projektleiter Kuhn.
Mobilitätsmärkte und Carsharing mit intelligenter Vergütung und flexibler Nutzung kommt - mit Angeboten wie Mu by Peugeot in Paris oder Berlin - allmählich in Mode. Auch in Ulm funktioniert die Idee mit dem Gemeinschaftsauto; hier startete Daimler vor anderthalb Jahren das Projekt "car2go". Mittlerweile sind 300 Smart-Modelle in der Stadt an der Donau im Einsatz und inzwischen schon mehr als 20.000 Fahrer registriert. Am Ziel angekommen, stellt man den Wagen einfach wieder ab, bucht sich aus und zahlt für jede Minute der Nutzung 19 Cent.
Auf anderen Social Networks posten:
Das halte ich für eine sehr gute Idee. Endlich hat einer den Mut und die Kreativität, neue wege der Mobilität zu beschreiten. Erfolg kann das Ganze aber nur haben, wenn sich möglichst viele beteiligen. mehr...
20 Cent pro Minute für einen Smart? Das sind 280 Euro pro Tag, dafür bekomme ich eine richtige Limousine - für ein ganzes Wochenende! mehr...
vernagelten Autoschönrechnern ist erfahrungsgemäß ja sowieso nicht zu helfen - sie möchten ihre Möhre vorm Haus stehen haben und das könnte man nicht mal aus Ihnen rausprügeln. Ich versuche es trotzdem noch mal, auch wenn es ein [...] mehr...
scheint offenbar der Autor dieses Artikels zu sein. Er sagt "Carsharing" und meint "Ridesharing". Er stellt die Daimler-Lösung als Ei des Kolumbus dar und verkennt die stümperhafte Umsetzung im Vergleich zu [...] mehr...
Es geht um Carsharing und nicht um Bus und Bahn. Bei letzteren sind die Einzeltickets übrigens wesentlich teurer je km. In Köln legt man z.B. 2,40 für ein Einzelticket hin. Da bin ich mit dem Auto deutlich günstiger. Fazit: An [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Carsharing | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH