Von Jürgen Pander
Bis ein deutscher Hersteller ein Elektroauto aus der Großserienproduktion auf den Markt bringt, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern. Seit Mai diesen Jahres soll die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) alle Aktivitäten dazu koordinieren.
Jetzt legte die Arbeitsgruppe in Berlin einen ersten Zwischenbericht vor, in dem für Forschung und Entwicklung ein Investitionsvolumen von vier Milliarden Euro bis zum Jahr 2013 vorgeschlagen wird. Welchen Anteil daran der Bund leisten soll, blieb zunächst offen. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) erklärte, die Regierung werden rund 500 Millionen Euro zur Förderung der Elektroauto-Forschung beisteuern.
Erst kürzlich wähnte sich Brüderle auf dem besten Weg zu einer Lösung, als er von einem "Durchbruch" für die Elektromobilität sprach. Anlass war die 600-Kilometer-Fahrt eines zum Elektroauto umgebauten Audi A2 von München nach Berlin, den der FDP-Politiker am Morgen des 26. Oktober im Hof des Bundeswirtschaftsministeriums empfing. Am Steuer des Wagens saß der 27jährige Mirko Hannemann, Chef der Firma DBM Energy, die den so genannten Kolibri-Akku des Autos hergestellt hatte, eine Batterie auf Lithium-Metall-Polymer-Basis, die angeblich alle bisherigen Energiespeicher übertrifft.
Der "Durchbruch", der womöglich nur ein PR-Coup war
Mit der Testfahrt schien zunächst tatsächlich ein Kardinalproblem des Elektroautos, nämlich die zu geringe Reichweite, gelöst zu sein. Doch inzwischen zeigt sich, dass der Jubel des Ministers offenbar zu früh kam. "Ein solch singuläres Ereignis ist sicherlich alles andere als ein Durchbruch", sagt zum Beispiel Mercedes-Sprecher Matthias Brock. Andere Autohersteller, bei denen SPIEGEL ONLINE nachfragte, reagierten ganz ähnlich. Vor allem aber gab es unisono die Auskunft, dass es bislang keinerlei konkrete technische Informationen und Daten zur angeblichen Wunder-Batterie gebe. Und zweitens sei die Lithium-Metall-Polymer-Akkutechnik zwar durchaus bekannt, aber aus heutiger Sicht noch lange nicht für einen Einsatz im Auto geeignet. Renault und Mercedes, BMW und Audi halten daher an der Weiterentwicklung der bisher favorisierten Lithium-Ionen-Technologie fest.
Die Geheimniskrämerei der Firma DBM Energy um den Energiespeicher wirkt tatsächlich nicht vertrauenfördernd. Eine Interviewanfrage von SPIEGEL ONLINE gleich nach der Langstreckenfahrt blieb bis heute unbeantwortet. Und jetzt veröffentlichte das ADAC-Mitgliedermagazin "Motorwelt" einen Bericht, wonach die Demonstrationsfahrt von München nach Berlin überhaupt erst auf Anregung des Bundeswirtschaftsministeriums stattgefunden habe. Als kleine Blamage der Autoindustrie - und als deutlicher Hinweis darauf , dass Elektromobilität weitaus schneller umzusetzen sei, als offiziell immer behauptet werde.
Kein Druckmittel, sondern Technologieneutralität
Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE wies das Ministerium diese Darstellung zurück. Es gehe nicht im Geringsten darum, irgendjemanden unter Druck zu setzen, sagte eine Sprecherin. Stattdessen sollte gezeigt werden, dass es in Deutschland eine enorme Kompetenz in allen Bereichen der Elektromobilität gibt. Zudem gehe es Minister Brüderle um "Technologieneutralität". Will heißen: Die einseitige Festlegung auf Lithium-Ionen-Akkus als Energiespeicher, die vielleicht morgen schon veraltet sein könnten, behagt dem Ressortchef nicht.
Die angebliche Wunder-Batterie wird wohl noch länger ein Rätsel bleiben, jedenfalls so lange, bis die mit 275.000 Euro Fördermitteln bedachte Firma DBM Energy die Daten des Akkus zugänglich macht. Und die Autohersteller werden erst recht an ihrem Kurs festhalten, auf Lithium-Ionen-Speicher zu setzen und Fördergelder zu fordern, damit der ursprüngliche Plan, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf den deutschen Straßen zu haben, erfüllt werden kann. Und Rainer Brüderle bleibt Optimist: "Heute ist noch nicht Erntedankfest", stellte er fest, "aber ein Teil der Saat ist schon aufgegangen."
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