Ein Gefühl von Sicherheit: "Strich-Achter"-Fahrer vertrauten auf die Knautschzone und feste Sicherheitszelle
Stuttgart - Nüchtern betrachtet ist der "Strich-Achter" ein ziemlicher Langweiler - und doch hat er eine stattliche Gemeinde von Anhängern. Denn einerseits ist er zwar ein Klassiker, andererseits sieht er noch nicht wie ein echter Oldtimer aus - und bei richtiger Pflege bewältigt er auch heute noch anstandslos den täglichen Einsatz.
Schon die landläufige Bezeichnung als "Strich-Achter" zeigt, dass dieses Auto niemand je zu blumigen Wortschöpfungen veranlasste. Bei der offiziell je nach Motorisierung W114 und W115 genannten "kleinen" Mercedes-Limousine setzte sich ein Zusatz der Erbauer durch: "Vorgestellt im Jahr 1968", das hieß bei Mercedes "/8", also "Strich-Acht" - auch wenn erste Exemplare bereits 1967 gebaut wurden.
Eine Einstufung in C-, E- oder S-Klasse gab es damals bei Mercedes noch nicht. Er war einfach der kleine Mercedes, den es wie gewohnt mit einer Vielzahl von Motorisierungen gab. Äußerlich unterschieden diese sich allein durch den entsprechend verchromten Schriftzug am Kofferraumdeckel - nur die Spitzenmodelle wie der 250 oder später der 280 protzten mit etwas mehr Chrom oder doppelten Chromstoßstangen.
Schnörkellos schlicht: Auch der Innenraum des kleinen Mercedes bietet keine designerischen Extravaganzen
Handarbeit und Geduld waren angesagt: Links im Armaturenbrett wurde ein Vorglühknopf gezogen, der so lange festzuhalten war, bis eine Spindel orange aufglühte. Dann galt es, den Knopf zum Starten noch ein Stückchen weiter zu ziehen. Der Effekt ähnelte dem Versuch, einen schlafenden Hund durch das Ziehen am Schwanz zu wecken: Der vordere Teil des Wagens schüttelte sich unter maßgeblicher Beteiligung des erwachenden Motors, um dann mit einem Geräusch die Arbeit aufzunehmen, das mit dem dieseltypischen Begriff "Nageln" nur unzureichend beschrieben ist.
Allerdings folgte dem rabiaten Start kein ebenso kraftvoller Arbeitsalltag. Das Thema Beschleunigung kann eher als kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeitszuwachs bezeichnet werden. Die Höchstgeschwindigkeit von 130 Kilometer pro Stunde soll in einigen Fällen tatsächlich erreicht worden sein.
Der Urahn aller Diesel-Limousinen musste mit Handarbeit und viel Geduld zum Leben erweckt werden
Die Autokäufer überwanden ihre anfangs vorhandene Skepsis gegenüber der "Strich-Acht"-Limousine schnell und machten sie zu einem Erfolgsmodell. Ein Grund dafür dürfte auch das Gefühl der Sicherheit gewesen sein, das dieses Auto den Insassen bietet. Mehr noch als andere Mercedes-Typen vermittelt es das Gefühl, in einer Art fahrenden Burg zu sitzen, in der einem wenig passieren kann.
Die größte Veränderung erlebte der "Strich-Achter" Mitte 1973, als die Modellreihe ihr Facelift erhielt. Das brachte unter anderem einen breiteren und flacheren Kühlergrill sowie geriffelte Schlussleuchten mit sich. Zudem gab es einen Fünfzylinder-Diesel mit drei Litern Hubraum und 59 kW/80 PS im 240 D 3.0.
Die noblere Coupé-Variante wurde mit stärkeren Motoren und Holz-Imitaten am Armaturenbrett ausgestattet
Allerdings führte das zu einer ungewöhnlichen Begebenheit in der Autoindustrie: Obwohl der Neue bereits zu haben war, wurde der beliebte Vorgänger noch bis Dezember 1976 gebaut. Dadurch kam die Baureihe auf eine Gesamtstückzahl von 1,92 Millionen Exemplaren - das entspricht fast der Gesamtstückzahl aller anderen von 1946 bis zu diesem Zeitpunkt gebauten Mercedes-Personenwagen.
Von Heiko Haupt, gms
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