100 Jahre Karosseriefirma Baur Aufschneider für Porsche, BMW & Co.

Den Karosseriebauer Karmann kennt jeder. Die Stuttgarter Firma Baur hingegen ist weit weniger bekannt. Dabei lieferte das vor 100 Jahren gegründete Unternehmen die Karosserien für Fahrzeuge von Porsche 917 bis BMW Z1. Das Jubiläum wird nun groß gefeiert.

BMW

Karosseriefirmen sind die stillen Stars im Autogeschäft. Früher schneiderten diese Unternehmen individuelle Blechkleider für die Automobil-Chassis betuchter Kunden, heute bauen sie vor allem Prototypen für die großen Hersteller. Sie bleiben meist im Hintergrund, nur wenige kennt man mit Namen wie etwa die Firma Karmann aus Osnabrück. Oder, zumindest in Insider-Kreisen, Baur aus Stuttgart.

In den besten Zeiten hatte die Firma mehr als 600 Mitarbeiter, erreichte mit manchen Modellen vier- oder gar fünfstellige Auflagen, verkaufte bis nach Argentinien und Angola - und würde in diesem Herbst das hundertjährige Jubiläum feiern. Wenn sie nicht 1998 pleite gegangen und in der Folge von der Konkurrenz geschluckt worden wäre.

Den Reiz der Marke macht - neben tollen Autos - vor allem eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen aus. "Baur musste immer kämpfen und hat viele Niederlagen erlitten", sagt Markus Freitag von der Interessengemeinschaft Baur TC2. Die Gruppe widmet sich dem erfolgreichsten Modell der schwäbischen Firma, eben dem TC2, von dem 10.867 Exemplare gebaut wurden. Es war die Open-Air-Variante des BMW 3er aus den späten achtziger und frühen neunziger Jahren. Dieser Wagen und das Vorgängermodell TC1 (auf Basis des BMW E 21) und eventuell noch der Opel Aero-Kadett sind die einzigen Baur-Typen, die es ins allgemeine Autogedächtnis geschafft haben.

Dabei gibt es viel mehr klassische Cabriolets, bei denen Baur-Konstrukteure ihre Hände im Spiel hatten. Grundstein des Erfolgs war ein Patent des Firmengründers Karl Baur aus dem Jahr 1912 für ein "umlegbares Verdeck für Luxuskraftwagen". Später entwickelte die Firma unter anderem auch ein zugfreies Schiebedach.

Manche Baur-Prototypen wurden erst im zweiten Anlauf zu Auto-Stars

Vor allem aber bot Baur regelmäßig Musterfahrzeuge und Prototypen bei den Vorständen von BMW oder der Auto Union (und später Audi) an. Die meisten dieser Modelle wurden abgelehnt - und manchen dieser Modelle gelang auf Umwegen dann doch noch eine Autokarriere. Der bei Baur im Auftrag des BMW-Ingenieurs Ernst Loof gebaute Roadster von 1954 etwa gewann zahlreiche Schönheitspreise, war in München aber plötzlich "unerwünscht". "Der Wagen durfte nicht mehr gezeigt und nicht mehr gefahren werden", sagt Freitag über den feudalen Zweisitzer, der heute als BMW 507a in den Annalen geführt wird. Denn ein ähnliches Modell im Design von Albrecht Graf von Goertz machte ab 1955 als BMW 507 Weltkarriere.

Ganz ähnlich verhielt es sich gut 30 Jahre später mit dem Baur-Modell TC3 auf Basis des BMW 325i - das im Prinzip den BMW Z1 vorweg nahm. "Das Auto war BMW zunächst nicht willkommen", berichtet Baur-Kenner Freitag. Dann aber änderte das Management offenbar seine Meinung und kurz darauf erhielt Baur den Zuschlag für die Produktion des Rahmens für einen puristischen Sportwagen namens BMW Z1.

Sportwagen, Rennautos und ein Modell, das sogar schwimmen konnte

Es waren jedoch nicht immer offene Autos, die bei Baur gebaut wurden. Unter anderem lieferten die Schwaben den Gitterrohrrahmen für den legendären Porsche-Rennwagen 917, übernahmen die Entwicklung und Fertigung von Rohbauteilen für den Ur-Quattro von Audi und den kompletten Rohbau des Sport-Quattro, entwickelten für Erich Bitter das Modell CD, erledigten die Endmontage des BMW M1 und verwandelten den Barockengel BMW 501/502 in ein schmuckes Coupé.

"Die Firma war auch maßgeblich an der Entwicklung des Porsche Jagdwagens beteiligt", berichtet Freitag. Der Geländewagen wurde aufgrund einer Ausschreibung der Bundeswehr gebaut. "Das Auto konnte sogar schwimmen. Und als Konkurrenzmodelle bei den Testfahrten stecken blieben, wurden sie vom Jagdwagen wieder heraus gezogen", sagt der Baur-Fan. Dennoch erhielt damals der DKW Munga den Zuschlag. "Wie so vieles, woran Baur mitgearbeitet hat, war auch der Jagdwagen einfach zu gut, und damit zu teuer."

Der Hang zum Perfektionismus machte die Autos zu teuer

Der Hang zum Perfektionismus kostete Baur und Porsche nicht nur den Bundeswehr-Auftrag, sondern in ihm sieht Freitag auch den Grund für das Ende von Baur. "Irgendwann waren Anspruch und Aufwand zu groß und die Kosten liefen aus dem Ruder." Der Vorteil des kompromisslosen Qualitätsanspruchs: "Autos von Baur sind heute gesuchte Young- und Oldtimer."

Zahlreiche dieser Modelle werden am 11. und 12. September im Meilenwerk in Böblingen bei Stuttgart erwartet, wo gleich fünf Fanclubs gemeinsam den 100. Geburtstag der Firma feiern wollen. Neben einem Dutzend Opel Kadett Aero, vielen TC1-, TC2- und Z1-Modellen wird dort auch das letzte Auto erwartet, das mit einem Baur-Logo gebaut wurde: eine zum offenen Auto umgerüstete und verlängerte Mercedes G-Klasse mit dem größten Cabrio-Verdeck der Welt. Das Einzelstück entstand, als Baur schon von der Firma IVM übernommen worden war.

Den Baur-Fans sind diese wirtschaftlichen Entwicklungen nicht so wichtig. Sie feiern mit ihren Autos das Jubiläum eines Unternehmens, das - meist im Stillen - ein großes Kapitel Automobilgeschichte geschrieben hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
donotknow 14.09.2010
1. Da wurde doch eine Schönheit vergessen
Mein allererstes Auto war auch ein Baur. Mich wundert, daß Ihr ihn vergessen habt. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/02/Auto_Union_1000_Sp_%282008-07-12%29_ret.JPG
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