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15. April 2004, 14:51 Uhr

100 Jahre Rolls-Royce

Die Legende von Silver Ghost

Im Mai 1904 trafen der Selfmademann Royce und der Aristokrat Rolls zum ersten Mal aufeinander. Schon wenige Monate später stellte sich die Firma unter dem Namen Rolls-Royce auf dem Pariser Autosalon vor. Die abenteuerliche Erfolgsstory zweier gegensätzlicher Pioniere, die das "beste Auto der Welt" schufen.

Silver Ghost: Zwei Jahre nach Firmengründung schufen Rolls und Royce "das beste Auto der Welt", das Modell 40/50 H.P.
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Silver Ghost: Zwei Jahre nach Firmengründung schufen Rolls und Royce "das beste Auto der Welt", das Modell 40/50 H.P.

Derby/Crewe - Seit 100 Jahren sind sie nun schon durch einen Bindestrich verbunden - die Namen Rolls und Royce. Seit 1904 steht die britische Automarke als Inbegriff dessen, was an Luxus auf Rädern machbar ist. Rolls-Royce, das ist Handarbeit, Exklusivität, viel Leder und edles Holz. Doch dahinter steckt auch die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Männer, die aus dem Nichts die Legende vom "besten Auto der Welt" schufen. Eine Geschichte, die neben vielen Höhepunkten auch einiges an Tragik enthält.

Es war der 4. Mai 1904, als sich Charles Stewart Rolls und Frederick Henry Royce erstmals trafen. Und die Vergangenheit der Männer, die sich an diesem Tag im "Midland Hotel" im britischen Manchester begegneten, konnte verschiedener kaum sein: der begüterte Aristokratensohn Rolls auf der einen Seite, auf der anderen Selfmademan Royce.

Technisches Naturtalent trifft Weltrekordler

Im Jahr 1863 geboren, wuchs Royce als fünftes Kind von James Royce und Mary King in Armut auf. Schon im Alter von zehn Jahren musste er Geld dazu verdienen, verkaufte Zeitungen, war später Telegramm-Bote. Das Schicksal wendete sich, als eine Tante ihn als Lehrling beim Eisenbahnhersteller Great Northern Railway Works unterbrachte. Dort entdeckte man Royces Naturtalent für den Maschinenbau. Nach einigen Stationen bei weiteren Firmen schaffte er es, im Alter von 21 Jahren mit einem Freund eine eigene Firma zu Gründen: F. H. Royce & Co. in Manchester fertigte Elektro-Komponenten wie Türklingeln oder Dynamos.

Charles Stewart Rolls: Der Aristokrat liebte die Geschwindigkeit und starb im Alter von 32 Jahren als erster Brite bei einem Flugzeugabsturz
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Charles Stewart Rolls: Der Aristokrat liebte die Geschwindigkeit und starb im Alter von 32 Jahren als erster Brite bei einem Flugzeugabsturz

Charles Stewart Rolls wurde 14 Jahre später als Royce im Jahr 1877 geboren - als dritter Sohn von Lord und Lady Llangattock. Er studierte in Cambridge Maschinenbau und nahm mit allem, was sich irgendwie bewegte, an Rennen teil - Fahrräder, Motorräder und eben Autos. 1902 wurde Rolls Autohändler: Er eröffnete C.S.Rolls & Co. in London. Allerdings gab es da eine Sache, die ihn wirklich ärgerte: Die Autos, die er verkaufte, waren allesamt Importe. Großbritannien war seinerzeit noch "Entwicklungsland" in Sachen Automobilbau. Nebenbei brach Rolls 1903 mit Tempo 150 den Geschwindigkeits-Weltrekord.

Auch Royce machte seine Erfahrungen mit Import-Autos. Im Laufe der Jahre hatte er es doch zu einigem Wohlstand gebracht. Seine Firma wurde 1894 zur Aktiengesellschaft, baute auch Elektro-Motoren und elektrische Kräne. Interessiert an neuer Technik, schaffte er sich einen Gebrauchtwagen an - einen französischen Decauville. Alsbald jedoch war der ewige Tüftler von der Unzuverlässigkeit und den groben Manieren der Neuerwerbung genervt. Royce begnügte sich nicht damit, sein Auto zu verbessern. Er baute sein eigenes Fahrzeug.

"The Spirit of Ecstasy": Modell stand die Sekretärin
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Da die Jungfernfahrt problemlos verlief, baute Royce zwei weitere Autos - eines für seinen Kompagnon Ernest Claremont und eines für seinen Freund Henry Edmunds. Letzterer war von seinem Fahrzeug so begeistert, dass er einem anderen Freund davon berichtete. Dieser Claude Johnson war der Partner von Herrn Rolls.

Es folgte das erste Zusammentreffen von Rolls und Royce. Nach einer Probefahrt mit dem Royce-Auto zeigte sich nun auch Rolls begeistert. Zudem verstanden sich der 41-jährige Aufsteiger und der gerade 27 Jahre alte Aristokrat überraschend gut. Man wurde sich nicht nur einig, dass Rolls alle Autos verkaufen würde, die Royce bauen konnte. Außerdem sollten die Wagen als Rolls-Royce Motor Cars vermarktet werden. Schon im Dezember 1904 stellte sich die Firma mit Zwei-, Drei- und Vierzylinder-Modellen auf dem Pariser Autosalon vor.

20.000 Kilometer ohne Pause oder Panne

Den eigentlichen Mythos der Marke begründete dann aber ein Auto, das 1906 präsentiert wurde. Anfangs hieß das Modell schlicht 40/50 H.P.. Das zwölfte produzierte Auto allerdings rollte komplett in Silber auf die Straße. Die Oberflächen waren entweder in dieser Farbe lackiert oder versilbert. Schnell wurde das glänzende Stück unter dem Namen Silver Ghost bekannt, so dass bald die gesamte Baureihe diese Bezeichnung erhielt.

Mittlerweile war Claude Johnson ein Manager des Unternehmens und tat sich auch als Werbe-Profi hervor. Ihm wird die Ankündigung zugeschrieben, dieser neue Sechszylinder-Rolls-Royce sei nicht eines der besten, sondern das beste Auto der Welt. Die zweite Hälfte des Satzes sollte bis heute untrennbar mit der Marke verbunden bleiben. Dass auch etwas daran war, stellte der Silver Ghost eindrucksvoll unter Beweis: Er legte bei einer Fahrt ohne Pause und ohne Panne 20.000 Kilometer zurück, was damals schier unglaublich war.

Dem Duo Rolls und Royce blieb jedoch nicht viel Zeit, sich gemeinsam über die wachsenden Erfolge zu freuen. Rolls hatte sich mit seiner Lust an der Geschwindigkeit dem Fliegen zugewandt. Er schaffte es, damit auf zwei völlig unterschiedliche Weisen in die Geschichte einzugehen. So war er der erste Mensch, der den Ärmelkanal in beide Richtungen überflog. Wenig später machte er Schlagzeilen als erster Brite, der bei einem Flugzeugunglück starb. Am 12. Juli 1910 stürzte Rolls bei einer Flugschau ab, er wurde nur 32 Jahre alt.

"The Spirit of Ecstasy" als Wahrzeichen

So erlebte er nicht einmal mehr die Schaffung des Wahrzeichens von Rolls-Royce im Jahr 1911. Über John Scott Montagu, einen Freund von Rolls und Johnson, bekam Royce Kontakt zu dem Künstler Charles Sykes. Der sollte eine Art Maskottchen gestalten, das die Qualität der Marke widerspiegelt. Sykes dachte nach, ließ Montagus Sekretärin Eleanor Thornton Modell stehen und schuf die berühmte Kühlerfigur mit den ausgebreiteten Armen - "The Spirit of Ecstasy".

Phantom: Der erste Rolls-Royce von BMW
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Mittlerweile war die Firma in ein neues Werk nach Derby umgezogen. Und bei Royce machten sich die Spuren Jahrzehnte langer Schufterei bemerkbar - er wurde immer kränklicher. Wegen der besseren Witterung verbrachte er einen großen Teil der Zeit an der französischen Riviera. Den zweiten Umzug der Autoproduktion in das legendäre Werk in Crewe im Jahr 1947 erlebte auch Royce nicht mehr. Er starb 1933. Doch der Mythos der Namen ist bis heute ungebrochen.

Von Heiko Haupt, gms

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