100 Jahre Tourist Trophy Insel in Schräglage

Tourist Trophy heißt das Rennen noch immer, oder kurz TT – wie vor 100 Jahren. Das Vollgas-Spektakel findet auf der Isle of Man statt, der autonomen Insel in der irischen See. Es war die Unabhängigkeit, die dem Eiland das legendärste Motorradrennen der Welt bescherte.

Von Jürgen Pander


Motorradrennen auf öffentlichen Straßen? Die englische Regierung verbot solch gefährlichen Unsinn bereits am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Nun gelten aber die in London gemachten Gesetze nur dann auf der Isle of Man, wenn sie direkt auf die Insel bezogen sind – was in Sachen Motorradrennen nicht der Fall war. Also verabschiedete die Legislative in der Inselhauptstadt Douglas eine Regelung, nach der sehr wohl öffentliche Straßen abgesperrt und als Rennstrecken genutzt werden durften. Das karge, raue Eiland hatte eine Vision, und die lautete "Road Racing Capital of the World".

Wer heute danach fragt, erntet uneingeschränkte Zustimmung. Denn noch immer findet die Tourist Trophy statt. Gerade wieder sind zahlreiche Straßen der Insel gesperrt, werden Bäume und Hausecken mit Strohballen gepolstert und behelfsmäßige Tribünen nahe der engsten Kurven gezimmert. Es ist Trainingswoche auf der Isle of Man, vom 2. bis zum 8. Juni dann werden die Rennen in unterschiedlichen Klassen stattfinden. Seit 100 Jahren geht das nun so, und damit ist die TT auf der Isle of Man nicht nur eines der spektakulärsten, sondern auch eines der ältesten Motorradrennen der Welt.

Nicht nur die Hinterreifen drehen durch

Zur Feier des Jubiläums planen die Veranstalter einen Eintrag ins "Guinness Buch der Rekorde". Sie wollen am 7. Juni den größten Burnout organisieren, den es je gab. Bislang steht der Rekord bei 106 Motorrädern, bei denen die Fahrer für 30 Sekunden die Handbremse drückten und zugleich am Gashebel drehten, so dass der Hinterreifen auf dem Asphalt rotiert und sich allmählich in beißenden Gummirauch auflöst. In diesem Jahr sollen es noch viel mehr Bikes werden auf der Loch Promenade in Douglas, wenn um 19.45 Uhr der Sprecher von "Manx Radio TT" das Signal zum gemeinsamen Durchdrehen gibt.

Ein bisschen durchgedreht, man kann auch sagen tollkühn, kaltblütig oder schräglagenverrückt muss man wohl auch sein, wenn man sich ins TT-Rennen stürzt. Bereits 1907 jagte der erste Sieger, der Engländer Charlie Collier auf einer Matchless-Einzylindermaschine mit einer Durschschnittsgeschwindigkeit von 61 km/h über den Rundkurs, der damals über unbefestigte, löchrige Sträßchen führte. Seit 1911 wird auf einer größeren Schleife gefahren, dem rund 61 Kilometer langen "Mountain Course", der bis heute als klassische TT gilt.

61 Kilometer in unter 18 Minuten

"Bedsted Corner", Ballough Brigde", "Ramsey Hairpin" oder "Windy Corner" heißen einige der markantesten Punkte, bei denen Mensch und Maschine um Hausecken fegen, über kleine, bucklige Brücken fliegen oder zwischen Bäumen und Steinmauern, Böschungen und Felskanten hindurch. Es ist praktisch unmöglich, sich die gesamte Strecke mit allen Brems- und Einlenkpunkten einzuprägen. Immerhin starten die Fahrer im Abstand von einer Minute, so dass zumindest zeitweilig jeder eine freie Strecke vor sich hat.

Zwischen 1950 und 1976 gehörte die TT auf der Isle of Man zu den Läufen zur Motorrad-Weltmeisterschaft und die großen Stars der Szene traten auf dem winkligen Kurs bei oft mehrmals pro Rennen wechselndem Wetter an. John Surtees, Jim Redman, Phil Read, Giacomo Agostini (zehn TT-Siege), Mike Hailwood (14), Joey Dunlop (26) hießen die Helden, die für eine Runde, auf denen ein normaler Tourenfahrer knapp eine Stunde unterwegs ist, nur etwa 20 Minuten brauchten. Derzeit liegt die Bestzeit bei unter 18 Minuten, was ein Durchschnittstempo von 201 km/h bedeutet. David Jeffries stellte diese Rekorde vor sieben Jahren auf.

Das Ende als Weltmeisterschaftslauf

Natürlich ist die Tourist Trophy ein Spektakel ohnegleichen, und zugleich extrem gefährlich. Allein während des "Mad Sunday", an dem auch Hobbybiker auf die abgesperrte Strecke dürfen, schlittern Dutzende aus den Kurven. Meist gehen die Stürze glimpflich ab, doch immer wieder ereignen sich auch tödliche Unfälle. Der tödliche Sturz von Gilberto Parlotti in der letzten Runde des 125er-Rennens im Jahre 1972 etwa führte in den folgenden Jahren zu einem Boykott der TT durch die Spitzenfahrer des Rennzirkus – was schließlich auch das Ende der TT als Weltmeisterschaftslauf bedeutete.

Heute sind die Rennen noch immer großer und gefährlicher Motorradsport. Doch vor allem sind die beiden TT-Wochen auf der Isle of Man ein großes Happening der Zweirad-Gemeinde, die an der Piste, auf den Zeltplätzen und in den Pubs den Mythos TT, seine Helden und vor allem sich selbst feiert.



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