200.000 Kilometer im Tesla Roadster: Champion der Stromer

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Für die meisten Kunden ist der Tesla Roadster ein nettes Gimmick, mit dem man Eindruck schinden kann. Für Hansjörg von Gemmingen ist der Elektrosportwagen ein vollwertiges Auto. Er fuhr damit mehr als 200.000 Kilometer in vier Jahren - weltrekordverdächtig.

200.000 elektrische Kilometer: Der E-Auto-Rekordler Fotos
Tom Grünweg

Mal eben nach Berlin oder Hamburg? Ganz so spontan ist Hansjörg von Gemmingen nicht mehr. Denn seit er einen Tesla Roadster fährt, muss der Freiherr aus Karlsruhe Autoreisen ein bisschen gründlicher planen. Schließlich hat sein Batteriesportwagen nur eine Reichweite von 340 Kilometern, und ein Tank-, pardon, Nachladestopp kann bis zu acht Stunden dauern. Doch von Gemmingen lässt sich davon nicht abschrecken. "Elektromobilität im Alltag ist auch auf großen Strecken machbar", sagt der Akku-Fahrer, "zumindest, wenn man sich den Luxus einer freien Zeiteinteilung erlauben kann".

Das ist nicht nur kokettes Gerede. Der Zähler in von Gemmingens Elektroauto zeigt 205.711 Kilometer an - nach nicht einmal vier Jahren. Abgesehen von den Lokführern der Bahn ist in Deutschland wohl noch niemand so weit elektrisch gefahren wie er. "Und auch weltweit dürfte noch kein anderer diesen Wert mit einem Auto erreicht haben," sagt der inoffizielle Weltmeister der Stromer.

Entschleunigung auf Elektrisch

In einem Land, in dem die durchschnittliche Jahresfahrleistung bei weniger als 15.000 Kilometer liegt, schafft man solche Distanzen nicht als normaler Pendler. Von Gemmingen ist viel unterwegs, sehr viel sogar. "Wir fahren regelmäßig nach Berlin oder Hamburg", sagt er. Und in Genf, Österreich oder Italien ist sein Tesla auch schon oft gewesen. "Man muss ein bisschen mehr planen und sich Zeit lassen", räumt der Privatier ein, der mit gelegentlichen Devisengeschäften Geld verdient.

Früher fuhr er die Strecke Karlsruhe-Berlin in einem Rutsch und in weniger als acht Stunden, jetzt benötigt er knapp drei Tage. "Abends bis zum Hotel nach Frankfurt, mit dem Strom der Nacht bis nach Kassel zum Mittagessen mit Schnellladesäule, dann eine weitere Übernachtung in Sachsen und schon schafft man es auch mit einem Elektroauto nach Berlin", sagt von Gemmingen. Entschleunigung auf die elektrische Art.

Mit öffentlichen Ladesäulen allein sind solche Reisen bislang jedoch nicht zu schaffen. "Es gibt viel zu wenige, meist sind sie auch noch versteckt, funktionieren nicht richtig oder werden von anderen Autos blockiert", berichtet der Tesla-Fahrer. Deshalb übernachtet er nur noch in Hotels, die über einen Parkplatz mit Steckdose verfügen, und besucht nur Verwandte, bei denen er während des Essens das Auto laden darf. Tanten, Geschwister, Vettern, die Mutter seiner Lebensgefährtin - alle im verzweigten Stammbaum haben mittlerweile einen Starkstromanschluss am Haus.

Die Bruderschaft des elektrischen Highway

Am meisten aber hilft ihm der "Elektrische Highway". Das ist ein privates Netzwerk, in dem vor allem Tesla-Fahrer ihre heimischen Ladestationen zugänglich machen. So hat von Gemmingen einen Bund mit Schlüsseln und eine ganze Liste von Codes, die ihm entlang der Autobahnen private Garagen mit Schnelllade-Terminals öffnen.

Im Gegenzug hat er bei sich zu Hause in Karlsruhe im Schnitt alle zwei Wochen ebenfalls ein fremdes Elektroauto vor der Tür und einen Gast am Küchentisch, der den Ladestopp verplaudern will. "Wer ein Elektroauto fährt, wird zu einem geselligen Menschen. Selbst wenn das nicht immer ganz freiwillig ist", kommentiert von Gemmingen die Steckdosen-Bekanntschaften in der Zwangsgemeinschaft der Elektro-Pioniere.

Wenn die Stromnot dennoch mal akut wird, kommt von Gemmingen seine Jugenderfahrungen in der Landwirtschaft zugute. "Ich habe ein Auge für Stromleitungen und sehe von weitem, welche Versorgung ein Bauernhof hat." Deshalb steht sein E-Auto auch immer mal wieder vor Ställen und Scheunen, und er knüpft die nächsten Kontakte.

400 Kilometer - mit einer Akkuladung

Dabei hat er sich mittlerweile mehr Know-how angeeignet als mancher Elektrikermeister. Früher konnte er eine Glühbirne auswechseln und vielleicht eine Steckdose anschließen. Heute spricht er über Leitungsdurchmesser, Stromstärken, Durchflussmengen oder Widerstände und hantiert mit dem Kofferraum voller Adapter, Anschluss- und Verlängerungskabel wie ein Profi.

Auch das Auto kennt er inzwischen genau. Mit langsamer Fahrweise kommt er mit einer Akkuladung von Karlsruhe nach Frankfurt und wieder zurück. Fährt er zügig, geht ihm schon kurz hinter Darmstadt der Strom aus. Er hat gelernt, dass es ihn 30 oder 50 Kilometer weiter bringt, wenn er im Windschatten eines Lkw zuckelt. Und er weiß exakt, wie weit er mit der letzten Reserve tatsächlich kommt.

Nicht umsonst hat er mit einer Akkuladung schon mal fast 400 Kilometer geschafft - und wiederholt liegen geblieben ist er auch. "Etwa einmal pro Jahr verkalkuliere ich mich doch und muss den ADAC rufen", räumt er ein. Zu lange die Klimaanlage benutzt, zu schnell gefahren oder zu viel Gegenwind auf den letzten Kilometern, oder die Schlusssteigung hinauf zu seinem Bungalow: Einmal musste er den Wagen fast in Sichtweite seines Hauses an den Haken nehmen lassen. "Das war bitter", räumt von Gemmingen ein.

Keine Nachricht von Tesla

Trotzdem mag von Gemmingen den Tesla Roadster und das elektrische Fahren so sehr, dass er lieber das Gepäck mit der Post schickt als ein Auto mit größerem Kofferraum zu nehmen. Auf den Hersteller Tesla Motors wiederum ist der Marathon-Mann weniger gut zu sprechen. Der Grund ist nicht der Stromspeicher, der mittlerweile 30 Prozent seiner Kapazität eingebüßt hat. Vielmehr wurmt ihn, dass sich in der Firmenzentrale in Kalifornien keiner so recht für seinen Rekord interessiert. Und einen engagierteren Kundendienst würde er sich auch wünschen. Als er sein Auto bekam, gab es noch nicht einmal eine deutsche Bedienungsanleitung.

Trotzdem hat von Gemmingen nach 200.000 Kilometern im Tesla mit der Ära der Verbrenner abgeschlossen. Seinem Mercedes SL 600 weint er keine Träne nach und die Idee vom Oldtimer für gewisse Stunden ist mittlerweile auch vom Tisch. Das Benzinauto seiner Lebensgefährtin steht nur noch für den Notfall in der Garage - etwa wenn die Schwiegermutter mitfahren muss und drei Sitzplätze gebraucht werden. Wenn man ihn fragt, wann er zum letzten Mal an einer Tankstelle war, muss er lange überlegen. "Da fahre ich nur noch hin, um den Luftdruck zu kontrollieren."

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insgesamt 224 Beiträge
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    Seite 1    
1. den
n+1 08.05.2012
Zitat von sysopTom GrünwegFür die meisten Kunden ist der Tesla Roadster ein nettes Gimmick, mit dem man Eindruck schinden kann. Für Hansjörg von Gemmingen ist der Elektro-Sportwagen ein vollwertiges Auto. Er fuhr damit mehr als 200.000 Kilometer in vier Jahren - weltrekordverdächtig. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,831761,00.html
durfte ich auch mal fahren. Durch Wöllstadt durch, auf die Autobahn nach 30 km wenden und auf der anderen Autobahn zum Ausgangspunkt zurück. Immer maximal. Nach gut 60 km leuchtete die Batteriekontrolle...... + für mich der geilste Sportwagen überhaupt. Zieht ab dem Start an. keine Gänge, irres Fahrgefühl. - keine 360 km Reichweite, es sei denn, man fährt wie ein Gogo. Aufladezeit mindestens 40 Min, dann aber nur noch 50 km weit. Wenn dann mal die Batterien getauscht werden müssen, dann kostets (konnte keine so genau sagen) so um die 30 000. Dafür kann man viel tanken.
2.
denkpanzer 08.05.2012
Das ist jetzt nicht gerade ein schmeichelnder Artikel für Stromautos.
3. Also...
Kalandar 08.05.2012
... wenn man bereit ist etwa 100 000€ für ein Auto auszugeben, ist der Tesla schon ein schickes Teil. Vor allem, weil man damit bestimmt sämtliche anderen Sportwagen an der Ampel mühelos abzieht. Leider hält der auswechselbare Akku (laut verschiedenen Internetforen) etwa 10000 bis 15000 km und dann muss er für den Preis eines Kleinwagens ausgetauscht werden. Ich bin dasd Auto nie gefahren, aber wenn man genug Kohle hat, macht es bestimmt Spaß!
4. Was ein Champion
daskänguru 08.05.2012
Zitat von sysopTom GrünwegFür die meisten Kunden ist der Tesla Roadster ein nettes Gimmick, mit dem man Eindruck schinden kann. Für Hansjörg von Gemmingen ist der Elektro-Sportwagen ein vollwertiges Auto. Er fuhr damit mehr als 200.000 Kilometer in vier Jahren - weltrekordverdächtig. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,831761,00.html
Also 1. Nur weil angeblich Ahnung von "Leitungsdurchmesser, Stromstärken, Durchflussmengen oder Widerstände" hat, hat definitiv nicht mehr Ahnung als ein Elektrikermeister. Um Elektrikermeister zu werden braucht man schon ein wenig mehr Wissen. 2. Möchte ich doch mal die Ökobilanz seiner Reisen sehen, die dürfte doch so ungefähr bei einen Panzer liegen. Wenn er soviel Zeit soll er doch Bahn fahren, laufen, also in drei Tagen schafft man es mit dem Fahrrad von Karlsruhe nach Berlin.
5. Alternative
MiniDragon 08.05.2012
Um Anschluß zu finden, kann man sich auch einen Hund kaufen und mit ihm Gassi gehen :-) Ist billiger und auch gesunder als in soner stummen Lotus- Elise in Etappen durch die Gegend zu schleichen.
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