25 Jahre Mercedes S-Klasse W126 S wie Sacco-Brett

So ganz wird die Mercedes-Baureihe W126 der S-Klasse als Klassiker noch nicht ernst genommen - zu modern sind Sicherheits-Beigaben wie Airbags, Katalysator und die Elektronik. Als weniger schnittig beurteilten viele Kritiker die gerillte Kunststoffbeplankung von Designer Bruno Sacco.


Mercedes S-Klasse W126: Symbol für eine große Zeitenwende im Automobilbau
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Mercedes S-Klasse W126: Symbol für eine große Zeitenwende im Automobilbau

Stuttgart - Ein Auto von heute hat eine ganze Armada an Airbags für mehr Sicherheit an Bord, einen Katalysator, der den gröbsten Dreck der Abgase zurück hält und dazu noch Unmengen an elektronischen Helfern. Ein Auto von gestern - gern auch Youngtimer oder Oldtimer genannt - hat all das nicht. Bleibt im Grunde nur die Frage, wann das "Gestern" endete und das "Heute" begann. Genau diese Frage lässt sich mit einem Kürzel aus dem Hause Mercedes-Benz beantworten: W126. Hinter dieser internen Bezeichnung verbirgt sich die 1979 eingeführte Generation der S-Klasse, die nicht weniger als ein Symbol für eine große Zeitenwende im Automobilbau darstellt.

Im September ist es 25 Jahre her, dass Mercedes das neue Top-Modell ins Scheinwerferlicht rollte. Schon auf den ersten Blick zeigte der Neue, dass man sich von Gewohntem zu verabschieden hatte. Das galt zum Beispiel für die Stoßfänger. Die waren zu dieser Zeit an so gut wie allen Autos noch echte Stoßstangen, die das Blech der Karosserie vor unnötigen Dellen zu schützen hatten. Die Vorgänger-S-Klasse trug sie gar noch doppelt übereinander und glänzend verchromt. Beim 126er konnte dagegen von Stangen nicht mehr die Rede sein. An Front und Heck zeigten sich auffällige Schürzen aus Kunststoff, die weit in Richtung Fahrzeugboden herunterreichten.

Ende der barocken Formgebung der Siebziger

Außerdem waren die Schürzen nun - wie eben bei allen heutigen Fahrzeugen - ein wichtiger Bestandteil der gesamten Fahrzeugform. Das ging so weit, dass Designer Bruno Sacco sie nicht mehr nur an Front und Heck sehen wollte, sondern sie mit einem Kunstgriff um die gesamte Karosserie herumführte: Im unteren Bereich der Türen kam eine in identischen Grautönen gehaltene Kunststoffbeplankung zum Einsatz. Was manchen Betrachter irritierte und nicht wirklich für Begeisterung sorgte - alsbald wurde abfällig von Sacco-Brettern gesprochen.

Schutz durch Kunststoffschürzen: Designer Bruno Sacci erntete Spott für seinen Kunstgriff
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Schutz durch Kunststoffschürzen: Designer Bruno Sacci erntete Spott für seinen Kunstgriff

Das gesamte Erscheinungsbild der S-Klasse machte deutlich, dass mit der Einführung des neuen Autos die teils noch recht barocke Formgebung der siebziger Jahre ein Ende fand. Das Modell 126 zeigte sich glatt und vernünftig. Was auch daran lag, dass die Konstrukteure ihre Arbeit zu einer Zeit aufgenommen hatten, als alle Welt von der Ölkrise sprach. Neue Autos, da war man sich einig, dürften nicht mehr so ungehemmt Kraftstoff konsumieren, wie sie es bis dahin taten. Begriffe, die auch heute noch Bestand haben, beherrschten die Diskussionen bei der Entwicklung: Leichtbau und geringer Luftwiderstand.

Als wirkliche Leichtgewichte konnten die 1,6 bis 1,7 Tonnen wiegenden Limousinen zwar nicht durchgehen. Immerhin hatte man es aber mit allerlei Maßnahmen geschafft, die Verbrauchswerte im Vergleich zum Vorgängermodel um zehn Prozent zu senken. Und das, obwohl zwei Achtzylinder-Motoren der vorherigen S-Klasse in überarbeiteter Form und mit mehr Hubraum weiter ihr Werk verrichten durften und die Vergaser- und Einspritz-Versionen des 2,8-Liter-Sechszylinders unverändert unter der Motorhaube Platz fanden.

Schadstoffreduzierung führte zu Leistungsabfall

Während es bei den Motoren also anfangs wenig wirklich Neues gab, zeigte sich ein großer Teil der Richtung weisenden Neuerungen gerade in deren Nachbarschaft unter dem Blech. Die große Mercedes-Limousine ist schließlich auch Vorreiter im Hinblick auf die aktuellen Sicherheits-Beigaben. So weist man heute bei Mercedes nicht ohne Stolz darauf hin, dass die Baureihe 126 als erstes Serienfahrzeug überhaupt den so genannten Offsetcrash überstand - einen versetzten Frontalaufprall mit Tempo 55.

Innenraum: Der W126 erhielt 1981 als erstes Fahrzeug Airbags, später war auch ABS erhältlich
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Innenraum: Der W126 erhielt 1981 als erstes Fahrzeug Airbags, später war auch ABS erhältlich

Ganz zu schweigen davon, dass der große Mercedes als Pionier in Sachen Airbag gilt: 1981 präsentierte Mercedes auf dem Genfer Automobilsalon als erster Hersteller Gurtstraffer und Airbag und bot sie noch im selben Jahr in der S-Klasse an. Ein Antiblockiersystem (ABS) konnten die Kunden ebenfalls auf Wunsch bekommen, später war es in einigen Modelle sogar serienmäßig an Bord.

Neben der Sicherheit rückte noch ein weiterer Aspekt im Laufe der Bauzeit immer weiter in den Vordergrund: die Schadstoffe. Bereits im Herbst 1981 wurde das mit dem Begriff "Mercedes-Benz Energiekonzept" deutlich. Dahinter verbarg sich nichts anderes als zusätzliche Maßnahmen zur Verbrauchs- und Schadstoffreduzierung. Für Kunden mit wenig Sinn für saubere Abgase hatte das allerdings eher unangenehme Folgen - mit den Verbrauchs- und Abgaswerten sank auch die Leistung der Achtzylindermotoren.

Im Jahr 1985 wurde dann ein weiterer Schritt in Richtung Moderne gemacht. Zum einen bekam die S-Klasse eine kleine optische Auffrischung, die sich vornehmlich darauf beschränkte, dass die Sacco-Bretter nunmehr glattflächig ohne die bis dahin üblichen Rillen an den Seiten prangten. Daneben ging es mit der Abgasreinigung voran: Auf Wunsch gab es Dreiwege-Katalysatoren, auf die allerdings ausgerechnet Käufer der neu eingeführten Top-Version 560 SE mit 300 PS starkem Achtzylinder-Motor verzichten mussten.

Insassenschutz: Die S-Klasse-Baureihe W126 überstand als erstes Serienfahrzeug den so genannten Offsetcrash
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Insassenschutz: Die S-Klasse-Baureihe W126 überstand als erstes Serienfahrzeug den so genannten Offsetcrash

Serienmäßig gab es die sauberen Abgase anfangs nicht. Von den Bändern rollten die Fahrzeuge vielmehr als so genannte RÜF-Version. Die Abkürzung bedeutet nichts anderes als Rückrüstfahrzeug. Ein Auto also, das jederzeit - und natürlich gegen die entsprechende Bezahlung - mit Katalysator und Lambda-Sonde nachgerüstet werden konnte. Ab September 1986 lieferte Mercedes dann alle Fahrzeuge der verschiedenen Baureihen serienmäßig mit Katalysatoren aus. Wer den modernen Zeiten noch nicht traute, durfte auch weiter zur RÜF-Version greifen und musste dafür weniger zahlen.

Vom Kult- zum Standobjekt

Alles in allem hat die Menge an modernen Zutaten dazu geführt, dass noch heute kaum jemand die bis 1992 exakt 818.036 Mal gebaute Baureihe W126 als Klassiker ernst nimmt. Wer es dennoch tut, wird meist noch belächelt - obwohl frühe Modelle bereits vor fünf Jahren jenes Alter erreicht haben, in dem sie mit dem roten "07"er-Kennzeichen der mindestens 20 Jahre alten Autos auf die Straßen dürfen. Und schon in rund fünf Jahren werden sie mit einem Oldtimer-Kennzeichen betrieben werden können - jedenfalls, wenn der Dreh am Zündschlüssel dann noch den gewünschten Effekt hat.

Denn so ganz nebenbei steht das Auto auch für den verstärkten Einzug der Elektronik. Gerade wenn es auf dem Gebiet mal hakt, kann guter Rat aber teuer und Hilfe nur mit Mühe zu finden sein. Laut der in Mainz erscheinenden Zeitschrift "Oldtimer-Markt" ist beispielsweise Ersatz für defekte Zündsteuergeräte schwer zu bekommen. So wird der künftige Klassiker schnell zum Standobjekt - auch das ist ein Symbol der Zeitenwende.

Von Heiko Haupt, gms



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