30 Jahre Ford Fiesta Lückenfüller in Feierlaune

Der Kleine kam den Ford-Konzern teuer zu stehen: Was als preisgünstiges Familienmodell geplant war, verschlang während der Entwicklung horrende Summen. Der Ford Fiesta konnte dafür viele technische Neuerungen vorweisen – wie die Motorhaube nach dem Tragflächenprinzip.


Köln - Ob es etwas mit Rex Gildo zu tun hat? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall dürften die ersten Ideen für die Namensgebung in der Zeit entstanden sein, als aus nahezu allen Radio- und Fernsehgeräten regelmäßig Gildos Schlager-Kracher von 1972 schallte - "Fiesta Mexicana".

Warum auch nicht: Wenn andere ihre Autos aus irgendeinem Grund Golf oder Kadett nennen, kann Ford mit einer Typbezeichnung ja auch mal eigenen Gefühlen Ausdruck verleihen. Schließlich hatte man es im Jahr 1976 nach langen Mühen tatsächlich geschafft, einen absolut zeitgemäßen Kleinwagen auf die Räder zu stellen - mit Frontantrieb, Heckklappe und allem Drum und Dran.

Und vielleicht war es wirklich die Feierlaune, die zur Folge hatte, dass der Neue den spanischen Begriff für das Wort Fest als Namen erhielt - Fiesta. Am Anfang stand jedoch kein Fest, sondern eine Lücke im Modellprogramm des Weltkonzerns. In nahezu allen Größen und Formen hatte man Modelle im Angebot, nur ein richtiger Kleinwagen modernen Zuschnitts fehlte.

Ende der sechziger Jahre machte sich ein Ford-Team an die Arbeit. Jedes Wenn und Aber wurde besprochen, es wurde über Front- und Heckantrieb diskutiert, wichtige Details ausgelotet. Schließlich ging es hier nicht um irgendein Projekt, der neue Kleine sollte in möglichst vielen Ländern angeboten werden können. Am Ende entschied sich die Arbeitsgruppe für ein Gesamtpaket, wie es bis heute in dieser Fahrzeugklasse Standard ist: kurz gesagt einen Kleinwagen mit Frontantrieb.

Als die Überlegungen den Ford-Oberen vorgestellt werden sollten, gab es zunächst aber noch ein kleines Problem: Zwar waren reichlich Daten und Ideen gesammelt worden. Nur ein Designer war bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht an dem Projekt beteiligt - das neue Auto war also im Grunde eine noch recht formlose Masse aus Daten. Um die Vorstellung anschaulicher zu machen, soll der Überlieferung zufolge erst in letzter Minute vor der eigentlichen Präsentation ein Designer damit beauftragt worden sein, zumindest ein paar erste Skizzen zu Papier zu bringen.

Arbeitstitel Bobcat

In den kommenden Jahren reifte langsam das heran, was später als Fiesta auf die Straßen kommen sollte. In der Gerüchteküche der Fachpresse wurde zwar schon lange vor der endgültigen Vorstellung des Autos über einen neuen Kleinwagen von Ford spekuliert - vermutet wurde jedoch, dass der den Namen Bobcat bekommen sollte. Getuschelt wurde sogar darüber, dass der Name nicht nur auf den männlichen Rotluchs zurückzuführen ist, der im Englischen so genannt wird. Vielmehr wurde vermutet, einem bekannten Ford-Vorstand solle auf diese Weise eine Art Denkmal gesetzt werden: Robert "Bob" A. Lutz.

Bei Ford konnte man über derlei Mutmaßungen nur schmunzeln und klärte die Welt im Mai 1975 mittels einer Pressemitteilung auf. Demnach erhielten alle Ford-Modelle während ihrer Entwicklung ungewöhnliche Arbeitstitel. So war der Ford Transit intern das Modell Redcap, der Escort wurde Brenda genannt - und der noch namenlose Kleinwagen eben Bobcat. "Wie der am Ende wirklich heißen wird, bleibt vorerst Fords Geheimnis", hieß es damals. Gewahrt wurde das Geheimnis bis Ende des Jahres 1975: Am 18. Dezember erklärte Firmen-Chef Henry Ford II, dass es in der Modellfamilie künftig einen neuen Namen geben würde, Fiesta sollte der neue Kleinwagen nun offiziell heißen.

Als der Wagen im Sommer 1976 tatsächlich zu haben war, dürfte kaum ein Interessent geahnt haben, wie viele Ideen, Mühen und auch Investitionen damit verbunden waren. Denn was äußerlich als adretter Kleinwagen mit Frontmotor und Heckklappe da stand, hatte während der Entwicklung laut Ford nicht weniger als die damals extrem hohe Summe von 112 Millionen Mark verschlungen.

Niedriger Luftwiderstand bei hohen Geschwindigkeiten

Auch wer den Wagen näher inspizierte, wird selten die vielen kleinen Details entdeckt haben, die sich in der Gesamtkonstruktion verbargen. Zum Beispiel die Frontansicht: Zwei kleine rechteckige Scheinwerfer, dazwischen ein schwarzes Kühlergrill - nett anzuschauen, aber eigentlich nichts Besonderes. Wenn da nicht die Sache mit dem Tragflächenprinzip gewesen wäre. Das lag nämlich dem Aufbau der einzelnen Rippen des Kühlergrills zu Grunde.

Im Endeffekt bedeutete dies, dass die Kühlluft auch bei langsamer Fahrt in großen Mengen in Richtung Kühler strömen konnte - ging es schneller voran, wurde immer noch ordentlich gekühlt, ein großer Teil des Fahrtwindes wurde jedoch in Richtung Motorhaube abgeleitet, was für den recht niedrigen Luftwiderstand des Wagens mitverantwortlich war. Gleichzeitig hatte man auch dafür gesorgt, dass der Fiesta mit seinen exakt 700 Kilogramm ein Leichtgewicht blieb, im Innenraum war nicht nur für Passagiere reichlich Platz - bei Bedarf konnten sogar bis 1,2 Kubikmeter Ladung befördert werden.

Doch auch wenn es viel Neues im Fiesta gab - an den Grundregeln des Autoverkaufs rüttelte man nicht. Und zu diesen gehörte eben auch, dass es den Fiesta in den unterschiedlichsten Versionen und Motorisierungen gab. Wie bei allen anderen Herstellern bildete den Einstieg in die Fiesta-Welt ein recht karg ausgestattetes Basismodell - auch wenn hervorgehoben wurde, dass Ausstattungsdetails wie eine beheizbare Heckscheibe und Automatik-Sicherheitsgurte vorn ab Werk gab. Mit der nächsten Ausstattungsstufe "L" zog dann ein wenig Wohnlichkeit ein - wobei "L" nicht wirklich Luxus bedeutete. Immerhin gab es aber auf dem Boden einen Teppich, die Sitze hatten bessere Bezüge, und die Rückenlehne des Beifahrersitzes ließ sich verstellen.

Stammplatz für den Kleinen

Richtig gemütlich wurde es erst im Topmodell, das seinerzeit bei Ford in allen Modellfamilien als "Ghia" firmierte. Hier nahmen die Insassen auf Kaschmirbezügen Platz, blickten auf Dekor mit Holzmaserung und konnten sich sogar über eine Intervallschaltung für den Scheibenwischer freuen. Der Schaltknauf des großen Granada Ghia brachte noch etwas mehr vom Gefühl der großen Autowelt in den Fiesta, Betrachter konnten außerdem schon von außen an den Leichtmetallfelgen erkennen, dass hier ein etwas noblerer Fiesta anrollte. Bei den Motoren konnte zunächst zwischen 40, 45 und 53 PS gewählt werden - später gab es auch sportliche Ausführungen des ersten Fiesta mit bis zu 84 PS.

Schnell zeigte sich, dass sich die Mühen und Investitionen für Ford gelohnt hatten - der Fiesta war nicht mehr nur Hoffnungsträger, sondern bald schon echtes Erfolgsmodell. Bereits am 9. Januar 1979 konnte man eine Gesamtproduktionszahl von einer Million Exemplaren des Kleinwagens vermelden, und heute ist der einstige Neuling nach diversen Modellwechseln immer noch eine feste Größe im Ford-Programm.

Von Heiko Haupt, gms

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
maribu 04.07.2006
1. Ford Fiesta
---Zitat von sysop--- Der Verkehr auf deutschen Straßen wird von Altwagen dominiert, die fünf, zehn oder mehr Jahre auf dem Buckel haben. Was taugen die betagten Modelle? Was sind Ihre Erfahrungen mit alten Fiesta-Modellen? ---Zitatende--- Er läuft und läuft und läuft... und hat gerade eine neue TÜV-Plakette auf seinen 11 Jahre alten Buckel bekommen. Verbunden mit der Frage, ob es sich um einen Garagenwagen handle, da kaum Rost zu sehen ist (er steht aber immer draußen). Nachdem was ich schon von Neuwagen und dem Versagen ihrer Elektronik gehört habe (Beispiel: Mercedes C-Klasse, der bei 170 km/h während des Überholvorgangs den Motor ausschaltet), traue ich mich ehrlich gesagt nicht an einen Neuwagen ran. Andere Neuwagenbesitzer können bald monatlich in die Werkstatt fahren, um irgendwelche Updates aufspielen zu lassen. Wenn ich einen Computer will, dann kaufe ich mir einen! Aber warum wird von allen alten Modellen hier ausgerechnet der Ford Fiesta thematisiert?
D- Fens, 04.07.2006
2.
Ich fahre einen Fiesta GFJ mit 1,1 Liter Maschine (Baujahr 1994). Das schöne an dem Auto ist, dass es für mich als Studenten bezahlbar war und sich bis auf die hohen Steuern dank Euro1 auch die laufenden Kosten in Grenzen halten. Vieles kann man selber machen, wenn wirklich mal was im argen liegt (einige Macken hat das Fahrzeug ja schon) sind zumindest die Ersatzteile relativ günstig. Der große Nachteil ist der Rost, besonders hinten am linken Radkasten unter dem Tankdeckel. Habe zum Glück einen Bekannten, der mir kostenlos ein Reparaturblech eingeschweißt hat. Somit habe ich jetzt nochmal TÜV bis 2008 bekommen und kann weiter im "Weißen Blitz" unterwegs sein ... Grüße an alle Fiesta- Fahrer ;)
Dampflok, 11.07.2006
3. Wußte gar nicht, daß Gebrauchtwagen ein wichtiges gesellschaftliches Thema wären..
zumal es dafür auch noch eine andere Rubrik im Forum gibt als ausgerechnet "Gesellschaft" Stattdessen wird hier ein Thema geschlossen, das 248 000 Hits aufweist. Schon klar, dann lieber Gammelautos nach Marke sortiert. .
Ranger, 18.07.2006
4.
immer diese Negativ Denker.......
PM1973, 26.07.2006
5. War sehr zufrieden
---Zitat von sysop--- Der Verkehr auf deutschen Straßen wird von Altwagen dominiert, die fünf, zehn oder mehr Jahre auf dem Buckel haben. Was taugen die betagten Modelle? Was sind Ihre Erfahrungen mit alten Fiesta-Modellen? ---Zitatende--- Mein erstes Auto war ein Ford Fiesta, Baujahr 1982. Ich hatte ihn 1991 gekauft und vor der ersten Fahrt in einer Werkstatt durchchecken lassen. Die haben nichts gefunden, der Wagen ist einwandfrei gelaufen bis zu einem Getriebeschaden nach drei Jahren. Der wurde repariert und und ich bin noch zwei weitere Jahre mit dem Fiesta gefahren bis der TÜV uns dann geschieden hat. Das Auto hatte mich nie im Stich gelassen, selbst wenn es im tiefsten Winter wochenlang gestanden hatte, ist es sofort wieder angesprungen. Ich hatte mir wieder einen Fiesta gekauft, das Getriebe musste bereits vor der ersten größeren Fahrt erneuert werden, es war vom Werk her schon defekt.
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