30 Jahre Lamborghini LM002 Wie ein Hummer, nur hässlicher

Bereits Jahrzehnte vor Beginn der SUV-Welle versuchte sich die Sportwagenschmiede Lamborghini an einem übermotorisierten Geländewagen. Das Resultat war der LM002 - kommerziell wie optisch der wohl größte Flop, den die Italiener je produziert haben.


Mit unwegsamem Terrain kannte Ferrucio Lamborghini sich aus. Der Gründer der italienischen Sportwagenschmiede war schließlich auf einem Bauernhof bei Bologna aufgewachsen und hatte mit seiner Firma Lamborghini Trattrice längere Zeit Trecker entwickelt. Was lag da näher, als sich auch einmal an einen Geländewagen zu versuchen?

Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht schien ein Offroader sinnvoll. Supersportwagen wie der Lamborghini Countach waren Anfang der siebziger Jahre nicht sehr gefragt, die Ölkrise hatte das Geschäft fast zum Erliegen gebracht. Lamborghini brauchte dringend Aufträge. Als die US-Army einen neuen Geländewagen benötigte, bewarben sich die Italiener deshalb um den Auftrag und entwickelten den LM002 - eine Entscheidung, die das Unternehmen bis heute bereut. 1977 wurde der Lambo-Jeep (Codename Cheetah) in der kalifornischen Wüste von US-Militärs getestet. Die Generalprobe geriet zum Totaldesaster, das Auto versagte kläglich und überlebte den Wüstentest nicht. Kein Wunder, dass den US-Auftrag ein anderes Unternehmen erhielt: Dessen HMMWV wurde übrigens im ersten Golfkrieg zum Fernsehstar und macht heute als Hummer all jene Aufschneider glücklich, denen ein Sportwagen zu gewöhnlich ist.

Lamborghini mottete seinen Offroader erst einmal wieder ein - und hätte es wohl besser dabei belassen. Doch 1981 holten die Italiener die Pläne wieder hervor, überarbeiten Auto und Motor und brachten den Geländegänger 1986 auf den Markt. Damals gab es aber schlichtweg keinen Markt für Lifestyle-Geländewagen. Das Auto, von dem in sechs Jahren gerade einmal 301 Exemplaren gebaut wurden, war selbst gemessen an den kleinen Lamborghini-Stückzahlen ein Flop. Zwischenzeitlich hofften die Italiener, ihren Wagen in Golf-Staaten wie Saudi-Arabien loswerden zu können. Doch selbst den an der Quelle sitzenden Saudis war der Offroad-Lambo anscheinend zu versoffen.

Heute wird der Wagen beim Lamborghini gerne vergessen. Dabei ist der LM002 auf seine Weise atemberaubend: Groß und kantig ragt er vor dem Betrachter auf wie ein Kleinlaster. Mit zwei Metern Breite, 1,85 Metern Höhe und 4,90 Metern Länge stellt das Dickschiff die meisten anderen Geländewagen in den Schatten. Ohne Schnörkel und offenbar ohne die Hilfe von Designern gestaltet, wirkt er furchterregend und versucht sich gar nicht erst in Eleganz und Zurückhaltung.

Der Zwölfzylinder-Motor säuft hemmungslos

Geradezu bedrohlich dürfte der Brummer erscheinen, wenn er sich im Rückspiegel eines anderen Autos breit macht. Denn abschütteln kann man ihn nicht. Dafür sorgt der 5,2 Liter große V12-Motor, den die Italiener seinerzeit kurzerhand aus dem Supersportler Countach übernahmen. Zwar ist der Motor so durstig, dass man selbst mit dem 290-Liter-Tank immer in der Nähe einer Zapfsäule bleiben sollte. Doch mit bösen Brüllen setzt er sich zügellos über das Gesetz von der Trägheit der Masse hinweg: Obwohl beinahe drei Tonnen schwer, stürmt der LM002 bei Vollgas dank der 455 PS davon wie der Kampfstier im Markenzeichen der Italiener. Gerade einmal 7,8 Sekunden für den Sprint auf Tempo 100 waren vor mehr als 20 Jahren ebenso sensationell wie eine Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h.

Ein Vergnügen sind solche Geschwindigkeiten allerdings nicht. Denn mit den maßgeschneiderten Pirelli-Walzen, die auf den 17-Zoll-Felgen irgendwie an die grobstolligen Ballonreifen eines Traktors erinnern, fühlt man sich auf der Straße wie ein Elefant auf Rollschuhen. Solange es geradeaus geht, ist das kein Problem. Doch bei jeder Kurve tritt einem Schweiß auf die Stirn. Und die Trommelbremsen an der Hinterachse sind auch keine vertrauensbildende Maßnahme.

Enger Innenraum, Knöpfe wie beim Tastentelefon

Wenn es wenigstens innen luxuriös und komfortabel zuginge - aber davon ist der LM002 weit entfernt. Zwar haben die Italiener den Wagen mit hellem Leder ausgeschlagen. Doch kann das nicht über die Enge und das schlichte Cockpit hinweg täuschen. Obwohl bei drei Metern Radstand genügend Platz bleiben sollte, findet selbst der Fahrer nur mühsam eine bequeme Sitzposition hinter dem beinahe senkrecht aufragenden Lenkrad. Der Blick schweift über schmucklose Armaturen und Schalter im Stil früher Tastentelefone. Auch dem Beifahrer ergeht es kaum besser. Hinten ist es nicht besser.

Warum der LM002 zum Scheitern verurteilt war, wissen die Fans der Marke Lamborghini nur zu gut: Er war nicht nur unbequem, und unzuverlässig - er war seiner Zeit wohl auch einfach zu weit voraus. Wer heute einen VW Touareg mit zwölf Zylindern, einen Porsche Cayenne Turbo mit 500 PS oder einen Golfkriegs-Hummer kauft, hätte vielleicht auch am Acker-Lambo seinen Spaß gehabt.

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