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23. August 2004, 09:44 Uhr

30 Jahre Porsche 911 Turbo

Des Widerspenstigen Zähmung

Von Frank Wald

Porsche 911 Turbo - bei diesem Anblick bekommen Fans der Zuffenhausener Sportwagenschmiede Herzklopfen. Auf dem Pariser Salon feiert er jetzt Jubiläum. Vor genau 30 Jahren wurde dort der erste "Rennwagen für die Straße" vorgestellt. Ein Rückblick in Bildern.

911 Carrera RSR Turbo 2.1 (1974): Der Turbo-Motor galt anfangs als unzähmbar

911 Carrera RSR Turbo 2.1 (1974): Der Turbo-Motor galt anfangs als unzähmbar

Schon durch seine außergewöhnliche Erscheinung zeigte das Auto, das die Schwaben 1974 im Schatten des Eiffelturms präsentierten, dass es zu schwindelerregenden Tempo-Orgien diente: dicke Hinterbacken mit breiten Puschen und auf dem Rücken ein ausladender Heckflügel, durchsetzt mit Lüftungsschlitzen und gerahmt von einer dicken Gummilippe. Darunter verbarg sich ein drei Liter großer Sechszylinder-Boxermotor mit Turbo-Lader, 260 PS stark und gut für 250 km/h Spitze. Damit war der 911 Turbo 3.0 nicht nur lange Zeit Deutschlands schnellster Sportwagen, sondern löste auch einen wahren Turbo-Boom aus.

Dabei galt der Turbo-Motor anfangs als unzähmbar. Zwar waren aufgeladene Triebwerke, bei denen eine von den Abgasen angetriebene Turbine zusätzliche Luft in die Brennräume presst, in den siebziger Jahren im Rennsport nicht ungewöhnlich. Aber an ein Straßenfahrzeug mit einer solchen Maschine hatte sich zuvor kaum jemand gewagt. Die Kraftkur bedeutete nämlich zugleich auch eine höhere Empfindlichkeit und drastisch verringerte Lebenserwartung des Motors sowie ein für Normalfahrer unbeherrschbares Verhalten.

Doch die Porsche-Ingenieure nutzten ihr technisches Know-how und Erfahrungen aus dem Rennsport, um den Turbo zu "zivilisieren". Um schon bei niedrigen Drehzahlen ausreichend Druck für das Turbinenrad aufzubauen, bei höheren Touren aber den Motor nicht zu überlasten, regelte ein so genannter Abgas-Bypass den Druckhaushalt. Dieses Ablassventil sorgte dafür, dass der Ladedruck den gewünschten Höchstwert nicht überschritt. Auch wenn sich anfangs ein verzögertes Hochdrehen der Turbine nicht vermeiden ließ, was zu einem vergleichsweise abrupten Leistungseinsatz des Motors führte. Das "Turbo-Loch" und der "Turbo-Bumms" waren geboren.

Doch die Vorteile des Turbo-Motors für einen Sportwagen sind im Wortsinne erdrückend: sowohl die Höchstleistung als auch das maximale Drehmoment erreichen sie bei relativ niedrigen Drehzahlen. Der erste Porsche Turbo lieferte seine 260 PS bei 5500 Umdrehungen (was auch beim Modelljahrgang 2004 mit 5700/min kaum anders geworden ist, auch wenn dabei heute 450 Pferde galoppieren). Um die üppige Leistung im Zaum zu halten, griffen die Porsche-Ingenieure auch beim Thema Bremsen auf ihre Motorsporterfahrungen zurück und bauten innenbelüftete Scheibenbremsen mit Aluminium-Bremssätteln ein, die ursprünglich den Porsche 917-Rennwagen zum Stillstand brachten.

Als Produktionsziel für die erste Turbo-Version hatte Porsche 1000 Exemplare geplant. Bis 1977 wurde der 911 Turbo 3.0, mit elektrischen Fensterhebern und Stereo-Kassettenradio für damalige Verhältnisse luxuriös ausgestattet, 2876 Mal gebaut. Darunter der Wagen mit der Chassis-Nummer 930770088, den Firmengründer Ferdinand ("Ferry") Porsche bis Juni 1980 insgesamt 8200 Kilometer bewegte und seither im Werk-Museum parkt.

Doch die Fans gierten nach mehr Leistung. Und bekamen sie. 1977 kam der Turbo 3.3 mit größerer Maschine und der magischen Zahl von 300 PS. Dank stetigem Feintuning gelang es den Porsche-Ingenieuren bei dem intern als "930" laufenden Sportwagen sogar den Verbrauch drastisch zu senken. Statt mit 20 Litern (!) kam man ab Modelljahr 1982 mit 15,5 Litern durch den Stadtverkehr, bei Tempo 120 begnügte sich der Turbo - theoretisch - mit 11,8 statt 15,3 Litern.

1987 gesellten sich eine Targa-Variante und ein Cabriolet zum bisherigen Coupé. Für anfangs 152-000 Mark bekamen die Kunden eines der schnellsten offenen Autos der Welt, auf Wunsch und ohne Mehrpreis inklusive elektrisch betätigtem Verdeck. Ein Jahr später löste ein Fünfganggetriebe die bisherige Schaltbox mit vier Gängen ab. So wurde der Turbo-Dauerbrenner bis 1989 optisch nahezu unverändert 21.000 Mal verkauft.

Nach zwei Jahren Produktionspause präsentierte Porsche 1991 einen neuen 911 Turbo. Das Fahrzeug basierte auf der 911-Reihe mit der internen Bezeichnung "964" und leistete 320 PS. Zwei Jahre später erhielt er bereits die nächste Leistungsspritze. Der 911 Turbo 3.6 realisierte nun 360 PS.

Mit der Ablösung der Elfer-Baureihe durch den Typ "993" kam auch 1995 eine ganz neue 911-Turbo-Generation auf den Markt. Diesmal mit zwei Turboladern ausgerüstet, die den 3,6-Liter-Boxer aus dem Carrera auf 408 PS Leistung trieben. Neben seinen Fahrleistungen (0 auf 100 in 4,3 Sekunden, 293 km/h Spitze) machte der neue 911 Turbo mit seinem heute noch verbauten On-Board-Diagnosesystem OBD auf sich aufmerksam, das permanent alle abgasrelevanten Bauteile überprüft und Fehler im Cockpit anzeigt. Ebenfalls neu war der vom Carrera 4 übernommene Allradantrieb sowie die neu gestaltete Aerodynamik an Bug und Heck, die für bessere Abtriebswerte an Vorder- und Hinterachse sorgte. Von diesem 911 Turbo wurden insgesamt 6314 Exemplare gebaut.

Seit Februar 2000 führt die aktuelle Turbo-Version der Baureihe "996" - ebenfalls mit Allrad und Bi-Turbo-Technik, aber mit 420 PS - das Erbe von drei Jahrzehnten fort. Wenn auch nicht mehr lange. Die ersten Exemplare der neuen Elfer-Baureihe werden gerade ausgeliefert. Und ganz sicher absolviert im Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach auch der neue 911 Turbo schon seine letzten Probeläufe.

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