40 Jahre Carrera-Rennbahn: Das Comeback der Schlitzpistenflitzer

Väter setzen ihre Hoffnung in den Spieltrieb ihrer Nachkommenschaft, Sammler lieben die detailgenauen Nachbildungen der Rennautos - die Carrera-Bahn ist gefragt wie lange nicht. Dabei sah es nicht so aus, als ob die Modellautos das neue Jahrtausend erleben würden.

Kopf- an Kopfrennen der kleinen Renner: Väter machen ihr einstiges Spielgerät zum Hobby
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Nürnberg - Kleine Autos, die auf schwarzen Kunststoffstrecken durch Wohn- und Kinderzimmer rasen - dafür gibt es eigentlich nur eine Bezeichnung: Carrera-Bahn. Obwohl eine Reihe von Herstellern solche Rennbahnen anbietet, gilt die Marke in Deutschland als Synonym für das Spielprinzip. In diesem Jahr feiert die Carrera-Bahn den 40. Geburtstag. Für manche Anhänger ist das eigentlich Feiernswerte an diesem Geburtstag die Tatsache, dass es Carrera überhaupt noch gibt. Danach sah es noch vor wenigen Jahren überhaupt nicht aus.

Als die Carrera-Rennbahn 1963 in die Läden kam, löste sie in den Kinderzimmern einen Boom aus, der wohl nur mit den Gameboys und Playstations unserer Tage zu vergleichen ist. Erfinder des Spielprinzips ist das damals in Fürth sitzende Unternehmen jedoch nicht. Diese Ehre gebührt vielmehr dem britischen Hersteller Scalextric. Laut dem deutschen Scalextric-Importeur Dickie-Tamiya in Fürth hatte ein gewisser B. Francis Anfang der fünfziger Jahre Metall-Modellautos mit einem speziellen Uhrwerksmotor erfunden. Der Firmenname lautete Scalex.

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Nach einigen Jahren suchte Francis nach Ideen, um das Spielzeug zu modernisieren: 1957 wurde die erste elektrische Slotracing-Rennbahn vorgestellt - unter dem Namen Scalextric für Scalex-Electric. Slotracing wird übrigens international als Oberbegriff für die kleinen Rennbahnen verwendet. Slot heißt Schlitz: Zusammen mit dem Leitkiel des Fahrzeuges hält der Slot den Wagen in der Spur.

Der Name Carrera geht auf Porsche zurück

Slotracing wurde schnell erfolgreich - auch in den USA. Dort suchte der Unternehmer Herrmann Neuhierl aus Fürth regelmäßig nach Anregungen für neue Spielzeuge und entdeckte das rasante Spielprinzip. Die von seinem Vater Josef gegründete Firma Neuhierl stellte seit 1920 Blech- und später auch Kunststoffspielzeug her, so der heute in Nürnberg sitzende Carrera-Hersteller Stadlbauer Spiel und Freizeit.

Was noch fehlte war der Name für das Rennspielzeug, den Neuhierl schließlich bei einem Autohersteller fand. "Der Name Carrera geht auf Porsche zurück", erklärt Carrera-Experte und Buchautor Henry Smits-Bode aus Bissendorf in Niedersachsen. Laut Smits-Bode hatte Neuhierl gute Kontakte zu dem Sportwagenbauer, suchte für seine Modelle nach Unterlagen über den Porsche Carrera. Das Wort Carrera kommt aus dem Spanischen und bedeutet auch Rennen.

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Nach der Vorstellung 1963 ging es mit der Carrera-Bahn schnell bergauf: Der ursprünglichen "132 Universal" im Maßstab 1:32 folgte die größere "124" im Maßstab 1:24, später gab es noch eine Miniatur-Version im Maßstab 1:60 sowie eine Nutzfahrzeugvariante namens "Transpo". Der Erfolg verführte andere Firmen, wie die Modelleisenbahn-Hersteller Fleischmann und Märklin, selber Rennbahnen anzubieten. Deren Produkte erreichten jedoch nie die Popularität der Carrera-Bahn und verschwanden wieder vom Markt.

Der Carrera-Erfinder beging Selbstmord

Für Carrera war der Höhepunkt 1979 erreicht. Damals hatte der Katalog laut Henry Smits-Bode satte 208 Seiten, allein 130 verschiedene Autos wurden angeboten. Von nun an allerdings ging es mit Carrera ebenso rasant wieder bergab. Die Spurwechsel-Rennbahn "Servo" hatte nicht den erhofften Erfolg. "Dazu kam Konkurrenz wie ferngesteuerte Modellautos oder Videospiele." Das Programm schrumpfte, die Finanzen ebenso, und 1985 folgte der Konkurs. Carrera wurde aufgekauft. "Neuhierl hat es nicht verwunden, dass sein Lebenswerk kaputt ging." Der Mann, der Carrera erfand, beging Selbstmord.

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Es folgten Jahre, an die Carrera-Kenner heute am liebsten gar nicht mehr denken. Nicht selten wurde über das endgültige Aus spekuliert. Beim Hersteller in Nürnberg wird das Ende der dunklen Zeit heute so zusammengefasst: "Nach internen Umstrukturierungen in den neunziger Jahren übernahm die Stadlbauer Gruppe aus Salzburg 1999 das traditionsreiche Unternehmen."

Mittlerweile sind nicht nur für Carrera, sondern für alle Rennbahn-Bauer merklich bessere Zeiten angebrochen. Die Bahnen sind gefragt wie lange nicht mehr. "Die Kinder von damals haben heute selber Kinder", sagt Henry Smits-Bode. So kommen zum einen die Kinder wieder in Kontakt mit den Rennbahnen, und die nicht wirklich erwachsen gewordenen Väter machen ihr einstiges Spielgerät zum Hobby. "Der Motorsport-Boom ist sicherlich auch für den neuen Erfolg mit verantwortlich."

Am Spielprinzip hat sich über die Jahrzehnte kaum etwas geändert. Stattdessen werden die Fahrzeuge optisch dem Vorbild immer ähnlicher. Die Detailverliebtheit sei unglaublich, so Thomas Peter von Dickie-Tamiya. Das führt dazu, dass manchem Hobby-Rennfahrer die Schlitzpistenflitzer fast zu schade zum Einsatz in unfallträchtigen Rennen sind. "Es gibt Leute, die kaufen sich ein Modell gleich doppelt. Eines ist nur zum Hinstellen, ein zweites zum Fahren."

Von Heiko Haupt, gms

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