40 Jahre Ferrari 365 GTB/4 Daytona Der schnellste Achtundsechziger

Das Design war zugleich elegant und aggressiv - und machte den ultraschnellen Wagen auf Anhieb zu einer Auto-Ikone: Vor 40 Jahren stellte Ferrari auf dem Autosalon in Paris das Modell 365 GTB/4 vor. Heute kosten gut erhaltene Typen mehr als 200.000 Euro.

Von Jürgen Pander


72.000 Mark kostete das Auto damals, Ende der sechziger Jahre. Damit war der Ferrari 365 GTB/4 viermal so teuer wie ein Porsche 911 – aber dafür eben auch deutlich schneller und um ein vielfaches exklusiver und begehrenswerter. Obwohl die Technik des Autos nicht so exotisch war wie etwa beim Lamborghini Miura, der mit einem quer im Heck eingebauten Zwölfzylindermotor aufwartete. Enzo Ferrari und seine Ingenieure blieben bei der konventionellen Lösung: Der massige Motor vorn unter einer lang gestreckten Haube, Fünfganggetriebe und Differenzial wiederum direkt auf der Hinterachse.

Die Typbezeichnung 365 GTB/4 klingt so hölzern, dass sie bei einem Traumauto fast schon weh tut. Doch alles hat seinen Sinn: 365 ist das Volumen jeder Brennkammer des Zwölfzylindermotors, der diesen Wagen antreibt; GTB steht für Gran Turismo Berlinetta und die 4 hinter dem Schrägstrich deutet auf vier Nockenwellen hin – nämlich jeweils zwei für jede Zylinderbank des V-Motors. Und weil das ganze von Ferrari kommt, ist das spröde Kürzel natürlich Musik in den Ohren von Enthusiasten. Außerdem erhielt das 1968 vorgestellte Auto den inoffiziellen Beinamen Daytona. Denn im Jahr zuvor hatte Ferrari beim legendären 24-Stunden-Rennen in Daytona die Plätze eins, zwei und drei belegt.

Und dann stand, auf Campagnolo-Leichtmetallrädern mit fünf Speichen, plötzlich diese Skulptur auf dem Autosalon in Paris des Jahres 1968. Das Nachfolgemodell des Ferrari 275 GTB/GTS wurde auf Anhieb zum Star. Das lag zuallererst an der berauschenden Optik, die ebenso kühl und klar wie aufregend und heißblütig ist. Der Eindruck wurde noch verstärkt, als kurz nach dem Debüt aufgrund von US-Zulassungsvorschriften die Frontscheinwerfer hinter der durchgehenden Plexiglasabdeckung gegen Klappscheinwerfer ausgetauscht werden mussten. Die so genannten Schlafaugen aber machten das Design noch cooler. Leonardo Fioravanti, zu dieser Zeit Chefkonstrukteur bei Pininfarina, hatte den Ferrari für die heraufdämmernden Siebziger entworfen. Gebaut wurde die Karosserie dann bei Scaglietti in Modena.

Das Zwölfzylinder-Manifest aus Maranello

Der Daytona galt als der bis dahin schönste, schnellste und beste Frontmotor-Ferrari. Zugleich aber auch als kapriziöse Fahrmaschine, die den ganzen Kerl forderte. Lenkung, Pedale und Schaltung erforderten hohen Krafteinsatz. Wenn es schnell wurde, durfte der Fahrer die Konzentration keine Sekunde lang verlieren. So jedenfalls liest man es immer wieder in Fahrberichten über den 365 GTB/4. Auch die Piloten, die ihre Prunkstücke an diesem Wochenende zum Mugello Historic Festival lenken, werden sich darüber wohl austauschen. Die Rallye für Daytona-Modelle ist eine der ersten Aktivitäten im Jubiläumsjahr des Vollgas-Klassikers.

Der beeindruckte damals auch die Fachpresse. Die Tester der britischen Fachzeitschrift "Autocar" priesen den Wagen als "schnellstes Auto der Welt". Sie hatten die Fuhre aus Maranello mit 274 km/h gestoppt und ein Spurtvermögen aus dem Stand auf Tempo 100 von 5,4 Sekunden ermittelt; von 0 auf Tempo 240 vergingen lediglich 31,5 Sekunden. Das deutsche Magazin "Motor Revue" ermittelte auf einer italienischen Autobahn gar 282 km/h. Der Daytona galt als vorläufige Krone der automobilen Schöpfung – mit einer Motorleistung von 352 PS, einem maximalen Drehmoment von 431 Nm, sechs Weber-Doppelvergasern, Trockensumpfschmierung und belüfteten Scheibenbremsen. Die jedoch, so kritisieren auch heute noch Besitzer des Wagens, ziemlich unterdimensioniert waren für die enorme Kraft des Antriebs.

30 Liter Verbrauch und ein 100-Liter-Tank

Ein Ärgernis war wohl auch damals schon der Verbrauch. Unter 20 Liter ist der Ausnahme-Ferrari praktisch nicht zu bewegen, 30 Liter bei zügiger Fahrweise sollen keine Seltenheit sein. Immerhin gibt es einen 100 Liter Tank, und zwar ist der im Heck positioniert – auch, um zusätzlich Gewicht und damit Abtrieb auf die Hinterachse zu bringen. Denn alleine der Motor im Bug wiegt rund 300 Kilo, das Auto insgesamt gut 1,6 Tonnen.

Bis zum Jahr 1974 wurden rund 1280 Exemplare des Ferrari 365 GTB/4 gebaut. Darunter waren zirka 120 offene Versionen. Auf der IAA in Frankfurt im Herbst 1969 nämlich wurde der Daytona Spider vorgestellt. Damit gab es erstmals ein Ferrari-Modell als Coupé und als Cabrio, das mit dem Kürzel GTS bezeichnet wurde. Auch der damalige Fußballstar Günter Netzer fuhr einen Daytona - in knallgelber Lackierung. Die "Auto Zeitung" hievte den Kicker samt seinem schnittigen Gefährt prompt auf die Titelseite.

Übrigens: Der Daytona in den ersten beiden Staffeln der US-Fernseh-Krimiserie Miami Vice war ein Replika. Die täuschen echt kopierte Karosserie saß auf einem Corvette-Chassis, der Motor leistete 250 PS. Angeblich aber protestierte Ferrari gegen das Fake-Fahrzeug, so dass der Wagen in einer Folge der zweiten Staffel gesprengt wurde – und die Ermittler fortan in einem echten Ferrari Testarossa durch Florida fegten.

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