50 Jahre Dreipunktgurt Das rettende Band

Manche halten es noch immer für lässig, unangeschnallt Auto zu fahren. Doch wohl kein anderes Zubehör hat so viele Menschenleben gerettet wie der Dreipunktgurt. Der Volvo-Ingenieur Nils Bohlin hat ihn vor 50 Jahren erfunden.


"Klick – Erst gurten, dann starten" – lautete der Slogan einer deutschen Werbekampagne für den Sicherheitsgurt Mitte der siebziger Jahre. Was Sicherheitsexperten schon längst wussten, sickerte nämlich nur langsam ins Bewusstsein der Bevölkerung: Dass der Dreipunktgurt der wirkungsvollste Lebensretter bei einem Autounfall ist.

Deshalb wurde 1976 die Gurtpflicht auf den Vordersitzen eingeführt; wer sie nicht befolgte, musste jedoch zunächst keine Strafe zahlen. Die gab es erst ab August 1984. Ab da wurde ein Bußgeld von 40 Mark für unangeschnalltes Fahren fällig. Das wirkte - die Quote der Gurtmuffel ging prompt zurück.

Die bahnbrechende Erfindung des Lebensretters ist auf den Schweden Nils Bohlin zurückzuführen, der 1920 in Härnösand geboren wurde und ab 1942 bei Saab als Flugzeugingenieur arbeitete. Dort war er unter anderem für die Entwicklung von Schleudersitzen verantwortlich, bevor er 1958 als Sicherheitsingenieur zum Autobauer Volvo wechselte. Zu dieser Zeit rüstete Volvo seine Modelle bereits mit verformbaren Lenksäulen oder gepolsterten Armaturenbrettern aus – und mit Diagonal-Gurten, mit denen sich Fahrer und Beifahrer an den Sitz schnallen konnten.

Diese Zweipunkt-Gurte waren jedoch eine zusätzliche Gefahrenquelle, denn die Schnalle befand sich auf Höhe des Brustkorbs der fixierten Person – bei einem Aufprall drohten dadurch schwere innere Verletzungen. Bohlin erkannte das Problem und begann, einen neuen Gurt zu entwickeln. Der sollte sowohl die Hüften als auch den Oberkörper am Autositz halten und sich - das war das eigentliche Problem - mit einer Hand bedienen lassen. 1958 hatte er den heute bekannten Dreipunktgurt erfunden und zum Patent angemeldet, im Jahr darauf kamen die ersten Volvo-Modelle mit dieser Sicherheitsausrüstung auf den Markt.

Völlig neu war der Dreipunktgurt als Prinzip jedoch nicht, denn es hatte bereits Lösungen gegeben, in der die Bänder in Form eines Y über den Körper des Insassen liefen. Doch erst die V-Form des Gurtes von Bohlin brachte das gewünschte Ergebnis, die nötige Sicherheit und damit den technischen Durchbruch.

Zu unbequem, zu warm, zu beengend

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Bei den Kunden allerdings setzte die Akzeptanz des Dreipunktgurtes nur sehr zögerlich ein. Die schwarze Schlaufe über dem Oberkörper wurde als unbequem geschmäht. Es hieß, sie zerknittere die Kleidung, sei im Sommer zu warm und sei bei einem Unfall sogar hinderlich, weil sie die Insassen an den Autositz fessele.

Crashtests und Unfallstatistiken jedoch ergaben ein völlig anderes Bild: Der angelegte Dreipunktgurt bedeutet unter allen Umständen einen wesentlichen Sicherheitsgewinn. 1971 führte etwa der australische Staat Victoria erstmals eine Gurtanlegepflicht ein – mit prompten Resultaten. Im Folgejahr gingen dort die Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang um 18 Prozent zurück.

Lebensretter für mehr als eine Million Autofahrer

Wie viele Menschenleben der Dreipunktgurt seit den sechziger Jahren gerettet hat, ist in keiner Statistik erfasst. Unfallforscher schätzen diese Zahl auf mehr als eine Million. Hinzu kommen die noch viel zahlreicheren Fälle, in denen der angelegte Sicherheitsgurt die Autoinsassen vor schweren Verletzungen bewahrte. In Europa reduziert er nach den Schätzungen des European Transport Safety Council die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle um 40 Prozent pro Jahr.

Obwohl der Dreipunktgurt – insbesondere seit der Hinzunahme von Gurtstraffern und Gurtkraftbegrenzern – als weitgehend ausgereift gilt, wird weiter an Verbesserungen getüftelt.

So wurde bereits über schmalere Gurtbänder speziell für Frauen nachgedacht, ebenso über aufblasbare Gurte, bei denen die Funktion des Gurtkraftbegrenzers quasi integriert ist. Und es gibt ernsthafte Überlegungen, die Sicherheit noch weiter zu erhöhen durch den Einsatz von Vierpunkt-Gurten. Doch in diesem Fall ist unter anderem das Problem der Einhand-Bedienung noch nicht gelöst. Das bleibt einem Nachfolger Nils Bohlins vorbehalten. Der Sicherheitspionier verstarb vor sieben Jahren.

jüp



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