50 Jahre Mercedes 190 SL Im Schatten des großen Bruders

Grace Kelly und Frank Sinatra machten ihn in Hollywood zum Leinwandstar, Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr fuhr ihn 15 Jahre lang: einen Mercedes 190 SL. Der elegante Tourenwagen lief 1955 zum ersten Mal vom Band. Heute ist der Oldtimer Kult.


Mercedes 190 SL: Statussymbol und Lifestyle
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Mercedes 190 SL: Statussymbol und Lifestyle

Stuttgart - Das Problem ist dieses Gesicht. Es ist ohne Zweifel schön - mit dem breiten Kühlergrill und den Chrom umrahmten Scheinwerfern in elegant gerundeten Kotflügeln. Doch wer es sieht, den erinnert es an etwas anderes: Ein fast schon legendäres Auto, zu dessen Kennzeichen die nach oben öffnenden Flügeltüren gehören. Das Kürzel zu dieser Erinnerung lautet 300 SL und steht für einen der bekannteste Sportwagen überhaupt. Der 190 SL von Mercedes hat dieses Gesicht geerbt.

Die Designer hatten versucht, ihm auf diese Weise etwas vom Ruhm des großen Bruders mit auf den Weg zugeben. Das Design lenkt aber auch davon ab, dass mit dem 190 SL vor nunmehr 50 Jahren eine eigene Fahrzeuggattung entstand: der elegante Tourenwagen mit sportlichem Erscheinungsbild. Unter der Bezeichnung SL lief er bei Mercedes in vielen Modell-Generationen vom Band.

Klassiker in silber: Sportliches Design mit 105 PS
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Klassiker in silber: Sportliches Design mit 105 PS

Damals sorgte der "kleine" SL für manches Missverständnis, woran vor allem die Frontpartie schuld war. Ein Auto mit diesem Design, dachten viele, müsse dem Fahrer reinrassige Sportlichkeit bieten. Was es aber nicht tat. Wartete der große SL mit weit über 200 PS auf, ließ es der kleine Roadster mit gerade einmal 105 Pferdestärken gemächlich angehen.

Zum ersten Mal tauchte der Begriff 190 SL bereits 1954 in der Öffentlichkeit auf. Im Februar jenes Jahres stand ein Prototyp des Modells bei einer Automesse in New York im Rampenlicht. Die Präsentation auf der anderen Seite des Atlantiks hatte ihre Gründe: Denn die Idee für ein solches Auto wurde nicht allein in der Mercedes-Heimat Stuttgart geboren. Vielmehr meinte der amerikanische Importeur der Marke, dass es zu dem teuren 300 SL eine bezahlbarere Alternative geben müsste.

Premiere beim Genfer Automobilsalon

Der gezeigte Prototyp hatte bereits Merkmale der endgültigen Linienführung des späteren Serienmodells, wirkte aber noch unfertig. Auf der Motorhaube prangte eine eher unpassende Lufthutze, der hintere Teil des Wagens schien nicht so ganz zum ausmodellierten Vorderwagen zu passen. Diese Details dürften aber schon damals nur wenigen Besuchern der Schau aufgefallen sein, da der 190er sich auch hier die Bühne mit dem 300 SL teilen musste.

Premiere des Prototypen in New York: Schon 1954 stand der Roadster im Schatten des 300 SL
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Premiere des Prototypen in New York: Schon 1954 stand der Roadster im Schatten des 300 SL

Ein gutes Jahr sollte es noch dauern, bis aus der Studie das fertige Fahrzeug wurde, das dann 1955 beim Genfer Automobilsalon zu sehen war. Die Designer hatten das Jahr genutzt, und dem Zweisitzer ein Kleid verpasst, das an jeder Ecke Eleganz ausstrahlte.

Die Hutze auf der Haube war einer wesentlich eleganteren Ausbuchtung im Blech gewichen. Vordere und hintere Kotflügel zierten längliche Falze, die bald auch "Sicheln" genannt wurden. Die sollten zum einen optisch interessant wirken, zum anderen nützlich sein: Da sie wie kleine Dächer über den Radausschnitten saßen, verhinderten sie, dass Dreck von den Reifen nach oben geschleudert wurde.

Das eigentlich größte Problem des 190 SL war von der Studie übernommen worden und sollte ihn auch während seiner gesamten Bauzeit begleiten: der Motor. Hatten die Ingenieure in der Planungsphase noch mit einer Einspritzanlage geliebäugelt, versorgte in der Serie ein Vergaser die Brennräume mit Kraftstoff.

Kaum schneller als 170 km/h

Auch der Wunsch nach standesgemäßen sechs Zylindern blieb unerfüllt. Mehr als vier wurden es nicht. Außerdem handelte es sich nicht um ein extra für das neue Modell konstruiertes Aggregat, sondern um eine leicht gestärkte Ausführung eines Limousinenmotors. Denn die Basis des Roadsters bildete der so genannte Rahmenboden der damaligen Ponton-Limousinen von Mercedes.

Sicheln über den Kotflügeln: Längliche Falze an der Seite des Mercedes 190 SL sollten vor Dreck schützen
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Sicheln über den Kotflügeln: Längliche Falze an der Seite des Mercedes 190 SL sollten vor Dreck schützen

Schnell galt der 190 SL zwar als eines der schönsten Mercedes-Modelle überhaupt - aber nicht gerade als eines der schnellsten. Vollmundige Ankündigungen von Höchstgeschwindigkeiten um die 190 Stundenkilometer wichen bald der Aussage, dass es wohl doch eher 180 km/h sein würden. Und selbst dieses Tempo ließ sich in der Realität kaum erreichen. Tester von Fachzeitschriften traten für ihre Berichte immer wieder beherzt auf das Gaspedal - mehr als 170 km/h waren kaum drin. Mercedes ließ sich davon jedoch nicht beirren und bot anfangs sogar Umbausätze an, die den 190er reif für die Rennstrecke machen sollten.

Die meisten Kunden wären allerdings ohnehin nie auf die Idee gekommen, ihren kleinen SL mit Höchstgeschwindigkeit durch ein Kurvengewirr zu bewegen. Sie schätzten ihn vielmehr als das, was er wirklich war: ein außerordentlich elegantes Auto, das sich auch auf den Prachtboulevards der Metropolen gut machte. Dass der 190 SL zudem noch als robust galt und kaum anfällig für typische Macken von Sportwagen, war dieser Klientel nur Recht.

SL - Statussymbol und Lifestyle

Schon bald wurde deutlich, dass die Buchstaben S und L statt der ursprünglichen Bedeutung "sportlich leicht" hier eher für Statussymbol und Lifestyle stehen könnten. Denn während sportliche Fahrer woanders Kaufverträge unterzeichneten, zeigten sich Stars wie Grace Kelly und Frank Sinatra gerne im 190 SL. Auch auf Werbefotos und in Filmen war er häufig zu sehen. In Deutschland hing dem Mercedes ein etwas verruchtes Image an: Bis heute ist der offene Wagen mit der ermordeten Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt verbunden.

Bekannt ist der 190 SL heute häufig nur in Form eines Cabriolets mit Stoffverdeck. Die Fotos mit den Stars und Sternchen zeigen ihn meist offen. Tatsächlich wurde das Auto aber in zwei Versionen gebaut: Auch ein so genantes Coupé fand sich im Programm. Tatsächlich handelte es sich allerdings immer noch um ein Cabriolet, bei dem man allerdings das Verdeck entfernt und ein abnehmbares festes Dach montiert hatte.

Insgesamt hatte der 190 SL rund acht Jahre Zeit, um sich gegenüber dem bekannten 300 SL zu beweisen. In dieser Zeit verkaufte sich das Auto 25.881 Mal. Dumm nur, dass er sich bei seinem Abschied wieder im Schatten des großen Bruders befand: Am 8. Februar 1963 endete nicht nur die Produktion des 190 SL, auch der 300 SL wurde nach 3258 Exemplaren eingestellt.

Heiko Haupt, gms



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