50 Jahre Notarztwagen Vom Klinomobil zum Rendezvous-System

Vor 50 Jahren wurde in Köln der erste Notarztwagen in Dienst gestellt. Derzeit sind mehr als 18.900 Notarzt- und Krankenwagen in Deutschland im Einsatz. Dabei schien die Idee, den Arzt zum Verletzten zu bringen statt umgekehrt, zunächst schon gescheitert.


Das Auto sieht aus wie ein Wohnmobil – wenn da nicht der ebenfalls weiß lackierte Lautsprecher über der Windschutzscheibe wäre und dazu das Wort "Notarzt". Im Juni 1957 wurde in Köln erstmals ein Notarztwagen in Dienst gestellt. Der Kleintransporter vom Typ Ford FK 2500 war mit einem Mediziner sowie zwei Rettungssanitätern besetzt und sollte die Notfallversorgung von Verletzten direkt am Unfallort ermöglichen.

Die Idee, medizinisch geschultes Personal zur verletzten Person zu bringen statt umgekehrt, ist schon mehr als 2700 Jahre alt. Bereits in Homers "Ilias" wird berichtet, wie der Chirurg Machaon direkt am Rande des Schlachtfeldes verletzte Kämpfer versorgte und Pfeilspitzen aus ihren Körpern operierte. Bis aus dieser Art der Sofortmaßnahme jedoch ein organisierter Rettungsdienst wurde, vergingen mehr als zweieinhalb Jahrtausende. Ende des 19. Jahrhunderts wurde auf Grund steigender Unfallzahlen in Fabriken sowie im Straßenverkehr der Rettungsdienst aufgebaut. Zunächst beschränkte sich die Hilfe auf den Transport der Verletzten in Krankenhäuser, so schnell es eben ging.

Dass dieses Vorgehen nicht immer zum Vorteil des Patienten war, erkannte man schon bald. Doch es dauerte bis Ende der dreißiger Jahre, ehe der Heidelberg Professor Martin Kirschner forderte, nicht der Patient müsse zum Arzt kommen, sondern der Arzt zum Patienten. Dann aber kam der Krieg dazwischen, dann die karge Nachkriegszeit; und so startete die Universitätsklinik Heidelberg erst zu Beginn des Jahres 1957 die Erprobung des "Klinomobils".

Ein zusätzlicher Generator sorgt für genug Strom

Das war ein zum fahrbaren Operationssaal umgebauter Omnibus. Das entkernte Mercedes-Model O320 H war ausgerüstet worden "mit einer gesamten Operationseinrichtung für alle nur denkbaren dringlichen Operationen", schrieb der Heidelberger Chirurg Karl-Heinz Bauer 1957 in einem "Heft zur Unfallheilkunde". Um den zusätzlichen Strombedarf der medizinischen Apparaturen sicherzustellen, zerrte der Bus einem Anhänger hinter sich her, in dem ein Generator untergebracht war.

Das "Klinomobil" hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil, und das war seine schiere Größe. Der Operations-Bus war so schwer zu manövrieren, dass nicht alle Einsatzorte erreicht werden konnten. Und dort, wo das "Klinomobil" hinfahren konnte, kam es oft erst nach einer nicht mehr akzeptablen Zeit an. Weil es bei dieser Art von Notfalleinsätzen aber meist um Minuten geht, probierten es die Kölner mit dem eingangs erwähnten Kleintransporter als Notzarztwagen – ein sehr viel wendigeres und schnelleres Gefährt.

Effizienteres Rendezvous

Bis heute sind die sogenannten Kompaktsysteme – also Einsatzfahrzeuge mit Notarzt und Rettungssanitätern an Bord – im Dienst. Doch es geht auch effizienter. Das nennt sich dann Rendevous-System und wurde 1964 in München erstmals ausprobiert. Dabei gehört der Notarzt nicht zur Besatzung des Rettungswagens, sondern er kommt separat mit einem anderen Einsatzwagen zum Unfallort, leistet dort die notwendige medizinische Hilfe und steht, sobald der Verletzte transportfähig ist und mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wird, unmittelbar für das nächste "Rendezvous" an einem anderen Unfallort zur Verfügung.

Welche Automodelle als Notarztfahrzeuge zum Einsatz kommen, hängt in erster Linie von der Region und den dort herrschenden Straßenbedingungen ab. In bergigen Gegenden mit unwegsamen Gelände sind das häufig Allradautos, etwa VW Touareg. In flacheren Regionen sind oftmals Audi A6 Avant, BMW 5er Touring, Mercedes M-Klasse oder der VW-Bus T5 im Einsatz. Die Anforderungen an die Notarztwagen sind in der Norm DIN 75079 festgelegt. Die bestimmt unter anderem, dass der Wagen über ABS verfügen, beladen in maximal 14 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen und einen Wendekreis von weniger als zwölf Meter haben muss. Um die medizinische Einrichtung der Autos kümmern sich in der Regel spezielle Firmen. Für den Ausbau des VW T5 zum Notarzteinsatzfahrzeug veranschlagt beispielsweise das Unternehmen "Ambulanz Mobile" aus Schoenebeck bis zu 24.525 Euro.

Luxus-SUV für Mediziner

Wesentlich günstiger dürften die Notarztwagen gewesen sein, die Porsche seit Mai an seinen deutschen Standorten einsetzt. Dort fahren die Lebensretter mit einem Cayenne S vor. "Die Werksmedizin benötigte ein Notarzteinsatzfahrzeug und hat unsere Ausbildungsabteilung mit der Konzeption des Autos beauftragt", sagt Porsche-Sprecher Albrecht Bamler. Und so bauten Auszubildende sechs Einsatzautos. Bevor nun die Notärzte der Republik von einem Porsche-Dienstwagen träumen: Die Autos sind Prototypen – die Zuffenhausener planen keine weiteren Modelle.



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