60 Jahre Bristol Rarer als Rolls-Royce

So eine Marke kann es nur in England geben: Sie macht keine Werbung, hat keine Händler und spart sich sogar eine E-Mail-Adresse. Trotzdem hat Bristol 60 Jahre überlebt. Zum Geburtstag gibt es jetzt ein Modell, das sogar dem Bugatti Veyron am Zeug flicken will.


Für Tony Crook ist die Zeit stehen geblieben. Zwar ist der freundliche Brite immerhin der Ehrenpräsident eines ruhmreichen Automobilherstellers, der gerade sein 60-jähiges Bestehen feiert. Doch sind für den ehemaligen Chef und heutigen Pressesprecher von Bristol Cars Begriffe wie Marketing oder Vertrieb Fremdwörter. "Wer eines unserer Autos haben möchte, der soll gefälligst kommen und es kaufen", meint man aus seinen Worten heraus zu hören, wenn er vom Händlernetz der Marke spricht, das aus einem einzigen Showroom in der Kensington High Street in London besteht. Ganz ohne jede Arroganz, sondern eher mit der Selbstverständlichkeit eines Maßschneiders, der seine Anzüge auch von niemand anderem verkaufen lässt, beschreibt er das Herz einer Marke, die zu den skurrilsten Überbleibseln der britischen Automobilindustrie zählt.

Nicht nur die Geschäftsmethoden, die den persönlichen Kontakt mit den Kunden über alles stellen und E-Mails als moderne Irrungen geißeln, sind etwas eigenwillig. Auch die Autos suchen ihresgleichen. Die Firma baut nur zwei Fahrzeugtypen, von denen das eine mittlerweile 30 Jahre auf dem Buckel hat. Dieser Blenheim ist nicht nur selten, sondern auch noch relativ unscheinbar - in den Worten seiner Hersteller "slightly understated" – und trotzdem alles andere als ein Schnäppchen. Unter 150.000 Pfund ist das altbackene Coupé nicht zu bekommen.

Die Geschichte von Bristol Cars beginnt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Während das Unternehmen zu Kriegszeiten noch mehr als 14.000 Jagdbomber produziert hatte, standen die Werkshallen nach dem Friedensschluss plötzlich leer. Um die Kapazitäten nicht brach liegen zu lassen, wurde deshalb ein Auto auf die Räder gestellt. Dass dieser Wagen den frühen BMW-Modellen ähnelte, kam nicht von ungefähr: Die Konstruktionspläne für die Modelle 327/328 hatten die Briten als Reparationsleistung erhalten.

Statistik ist uninteressant, hier geht es um Stil

Wie viele Autos seitdem gebaut wurden, ist Crook nicht zu entlocken. "Genaue Zahlen veröffentlichen wir nicht", sagt der Ehrenpräsident. "Aber rechnen sie mal mit drei pro Woche", schiebt er hinterher und ist selbst überrascht, dass sein Taschenrechner daraufhin eine Produktionsziffer von fast 9400 Autos ausspuckt. Gegen einen Bristol ist damit selbst ein Rolls-Royce Massenware.

Die Mehrheit der gebauten Modelle entfällt auf ein Luxuscoupé, das 1976 als 603 vorgestellt wurde und in seiner jüngsten Evolutionsstufe - in Anlehnung an einen Jagdflieger - Blenheim 3 heißt. Der 4,87 Meter lange Zweitürer wird ausschließlich in Handarbeit produziert. Dabei lassen sich die Mitarbeiter viel Zeit und brauchen etwa dreimal so lange wie bei Rolls-Royce - und zwar bevor dort BMW die Produktion rationalisierte.

Innen duftet es nach Walnussholz

Auf den ersten Blick jedoch hat der Blenheim so gar nichts von der Aura des Besonderen. Mit seiner unauffälligen Aluminiumkarosserie, die etwas an den Ford Capri erinnert, steht er für vornehme Zurückhaltung in Reinkultur. Obwohl ein Blenheim kaum günstiger ist als ein Bentley, fehlt ihm von Außen jede Spur von Prunk und Protz. Innen jedoch werden die vier Passagiere mit allem Komfort verwöhnt. Sie reisen auf handgenähten Ledersitzen, betten das Schuhwerk auf handgeknüpfte Teppiche und atmen den feinen Duft von echtem Walnussholz.

Auch die Technik ist keineswegs so spektakulär, wie es der Preis vermuten lässt. Angetrieben wird der Blenheim 3 von einem vermeintlich banalen Chrysler-Motor, der aber immerhin acht Zylinder und fast sechs Liter Hubraum hat. Informationen zur Leistung gibt es nicht: "Ausreichend" würde Mr. Crook wohl sagen. Und wenn man die gut sechs Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 sieht, ist man geneigt, ihm das zu glauben.

Zum Geburtstag gibt es ein Modell mit 1012 PS

Wem der Blenheim zu zurückhaltend ist, dem bietet Bristol seit ein paar Jahren auch den vom Dodge-Viper-Motor angetriebenen Zweisitzer "Fighter", dem man die Tradition des Flugzeugherstellers schon eher ansieht. Mit einer Jahresproduktion von 20 Fahrzeugen ist er noch seltener, mit 660 PS noch stärker und mit einer Höchstgeschwindigkeit von 330 km/h noch schneller als der Blenheim. Aber auch noch teurer: Denn hier beginnen die Preise bei rund 230.000 Pfund.

Trotzdem ist das Ende der Fahnenstange damit noch nicht erreicht. Denn zum runden Geburtstag spendieren die Briten sich und ihren Kunden eine noch schärfere Variante des Fighters. Sie hört auf das Kürzel SCR und hat das Zeug zum absoluten Weltrekordler. Denn mit zwei Turboladern bestückt, klettert die Leistung des Zehnzylinders auf schier unglaubliche 1012 PS und liegt damit exakt ein Prozent über den bislang unerreichten 1001 PS des Bugatti Veyron.

Doch geben sich die Briten selbst mit diesem Superlativ ganz still, leise und vornehm. Denn auch wenn der Turbo-Fighter in weniger als 3,5 Sekunden auf Tempo 100 kommt und den Bugatti nach englischen Zeitungsberichten mit einer Höchstgeschwindigkeit von 465 km/h ähnlich leicht abhängen könnte wie ein Porsche 911 den Golf GTI, lassen sie es gar nicht erst so weit kommen: Bei 362 km/h wird automatisch abgeregelt.



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