90 Jahre BMW Mittendrin statt vorneweg

Seit dem 21. Juli 1917 sind die Bayerischen Motoren Werke im Handelsregister München eingetragen. Kurz zuvor war der Gründer und Flugpionier Karl Rapp aus dem Unternehmen ausgeschieden. Was danach begann, ist eine eigenwillige Erfolgsstory.

Von Jürgen Pander


"Wir sind selten die Speerspitze des Fortschritts", gibt ein BMW-Mann zu. "Aber wir fügen die besten Innovationen meist zu etwas ganz Besonderem zusammen. Das ist das Erfolgsrezept von BMW von Beginn an." So ist es wohl, und so steht es auch sinngemäß in einem jetzt erschienen Heft mit dem Titel "90 Jahre BMW". Dort heißt es beispielsweise über den Chefkonstrukteur Max Friz, der 1917 von der Daimler Motoren-Gesellschaft nach München gewechselt war und dort unter anderem im Jahr 1922 das erste BMW-Motorrad entwickelte - mit Boxermotor, längs gelagerter Kurbelwelle, direkt verschraubtem Getriebe und Kardanantrieb: "Jedes dieser Konstruktionsmerkmale für sich gab es bereits auf dem Markt. Max Friz fügte diese Einzelheiten jedoch als Erster zu der innovativen Konstruktion der BMW R32 zusammen."

Die Vorgehensweise hatte Erfolg. Denn obwohl damals mehr als 130 Motorradhersteller in Deutschland aktiv waren und um Kundschaft rangen, und obwohl die achteinhalb PS starke Zweizylinder-Boxer-Maschine von BMW mit einem Preis von 2200 Reichsmark zu den teuersten Modellen zählte, verkaufte sie sich blendend. Sporterfolge und ab 1924 ein neues, mit 16 PS deutlich stärkere Modell namens R37 legten das Fundament für die Motorradproduktion. Seit 1969 werden die Zweiräder der weiß-blauen Marke übrigens im Werk in Berlin-Spandau produziert.

Bevor Chefkonstrukteur Friz sich um die Motorräder kümmerte, entwickelte er bei den Rapp-Motorenwerken in München einen Reihensechszylinder-Flugmotor für große Höhen (bis dahin wurde bei etwa 3000 Metern die Luft zu dünn) mit 19 Liter Hubraum. Die Reichswehr war begeistert, bestellte prompt 600 dieser Maschinen und löste damit eine Neuordnung des bis dahin eher glücklosen Unternehmens aus. Es kam zur eingangs erwähnten Umfirmierung, und schließlich registrierte das kaiserliche Patentamt auch das das neue, weiß-blaue Warenzeichen mit der Abkürzung BMW.

Der erste Doppeldecker mit dem neuen BMW-Motor, ein Rumpler CIV, hebt einen Tag vor dem Heiligabend 1917 ab. Die Militärs bestellen 2500 dieser Maschinen, doch bis Kriegsende werden nicht mehr alle gebaut. Das technische Konzept aber funktioniert. Am 9. Juni 1919 erreicht der Testpilot Zeno Diemer mit einer Höhe von 9760 Metern einen neuen Rekord. Der von Friz konstruierte Motor hatte seine Leistungsfähigkeit endgültig unter Beweis gestellt.

Drittes Standbein: Autoproduktion

Nachdem der Versailler Vertrag 1919 den Flugmotoren-Bau vorübergehend verbot, verlegte sich BMW auf den Bau von Motoren für Boote, Traktoren und Lastwagen. Dann stieg das Unternehmen in den Motorradmarkt ein - und schließlich, durch den Kauf der Fahrzeugfabrik Eisenach im Jahre 1928, auch in den Autobau. Zunächst wird der dort produzierte Typ Dixi weiter hergestellt und modifiziert, ehe 1932 das erste, komplett selbst entwickelte Auto aus der Werkshalle rollt. Der BMW 3/20 PS. Im Jahr darauf folgt der Typ 303, das erste BMW-Modell mit der inzwischen typischen Doppelniere als Kühlergrill. Hinter dem steckte übrigens ein 1,2-Liter-Reihensechszylinder mit 30 PS Leistung.

Mitte der dreißiger Jahre bereits schuf BMW die Basis für die bis heute beibehaltene sportliche Ausrichtung der Marke. Zunächst mit dem sportlichen Zweisitzer BMW 315/1 (1934), dann mit dem BMW 326 (1936), dessen Türen vorne angeschlagen waren, der ein hydraulisches Bremssystem besaß und eine mit dem Rahmen verschweißte Karosserie - und schließlich mit dem 328 (ebenfalls 1936), der im gleichen Jahr auf dem Nürburgring reüssierte und zum erfolgreichsten Zweiliter-Sportwagen seiner Zeit avancierte. 1940 etwa gewann der nur 780 Kilo schwere und 220 km/h schnelle Wagen mit einer Aluminiumkarosserie der italienischen Carrozzeria Touring aus Mailand die Gesamtwertung des damals härtesten Autorennens der Welt, der Mille Miglia.

Ein Motorradgespann mit Allradantrieb

Der Zweite Weltkrieg bestimmt natürlich auch die Entwicklung bei BMW. Die Reichswehr bestellt ein Geländegespann mit angetriebenem Seitenwagenrad und BMW liefert die R75. Mehr als 18.000 Exemplare des "Wehrmachtgespanns" werden bis 1944 ausgeliefert. Und auch eines der ersten Serien-Strahltriebwerke der Welt, die 003 Turbine, die unter anderem im Kampfflugzeug Me 262 zum Einsatz kommt, stammt von BMW.

Nach Kriegsende steht das Unternehmen vor dem Aus. Die Fabriken sind entweder zerstört, demontiert oder liegen - wie im Falle der Autoproduktion in Eisenach - in der sowjetisch verwalteten Besatzungszone. Erst 1948 erteilen die Alliierten die Erlaubnis, wieder ein Motorrad zu bauen - worauf die Einzylinder-Maschine R24 entsteht. Und auf der IAA des Jahres 1951 präsentiert BMW den "Barockengel", das erste Nachkriegsautomobil mit der Typbezeichnung 501.

Schon dieses Auto deutet eine Fehlplanung an, die BMW beinahe zum Verhängnis wird. Denn der noble 501 oder ab 1953 das Modell 502 mit Achtzylindermotor und ab 1955 die Luxus-Sportwagen 507 und 503 sind zwar tolle Fahrzeuge - aber kaum jemand kann sie sich leisten. Hektisch schiebt BMW die Isetta nach, eine Lizenzproduktion des Mailänder Herstellers Iso, später folgt der etwas größere BMW 600 sowie der BMW 700 und die Münchner kriegen gerade noch die wirtschaftliche Kurve. Auch deshalb, weil auf der Hauptversammlung 1959 ein Verkauf des Unternehmens abgelehnt wird und der Industrielle Herbert Quandt als Hauptaktionär einsteigt.

Neustart mit der "neuen Klasse"

Und dann wird alles besser: 1961 debütiert die "neue Klasse", der BMW 1500. Fünf Jahre darauf landet die Firma mit der 02er-Serie einen weiteren Coup. Der Wachstumskurs stabilisiert sich; in den 70er-Jahren führt BMW die noch bis heute gültige Nomenklatur von 3er- und 5er-Baureihe ein und lanciert mit dem ersten BMW 7er ab 1977 wieder ein Luxusmodell.

Der Rest der Geschichte ist natürlich nicht schnell erzählt. Rover-Desaster, Mini-Neustart, Rolls-Royce-Reavitalisierung, Wiedereinstieg in die Formel 1 im Jahre 2000 (nach dem Titelgewinn von Nelson Piquet 1983), Querelen um das Design des Topmodells, Wasserstoff-Motor und der Aufstieg zur weltweit erfolgreichsten Premium-Marke - das sind nur die wichtigsten Meilensteile der jüngeren BMW-Chronik. Und das, obwohl noch immer im Modellprogramm große Lücken klaffen und die Münchner noch immer den Trends eher hinterherfahren, als sie zu kreieren. Mal sehen, wie die Bilanz zum 100. Geburtstag ausfallen wird.



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