Fernfahrerstammtisch Endlich mal reden

Das Leben als Fernfahrer kann ganz schön einsam sein. An der A10 treffen sich deswegen einmal im Monat Brummifahrer, um sich über ihren Alltag auszutauschen. Immer mit dabei: ein Polizist.

Haiko Prengel

Von Haiko Prengel


Beim Stammtisch an der Autobahn 10 herrscht die Null-Promille-Grenze. Statt Bier und Schnaps fließt Mineralwasser. Mit in der Runde im "Truckstore" am Berliner Autobahnring sitzt schließlich die Polizei. "Null Komma null Alkohol ist Bedingung", sagt Kommissar Mario Esch.

Der 52 Jahre alte Verkehrspolizist leitet den Fernfahrerstammtisch in Niederlehme an der A10. Jeden ersten Mittwoch im Monat treffen sich die Brummifahrer, um über ihren Alltag auf den Fernstraßen zu reden.

Die Gesprächsthemen beim Stammtisch drehen sich um Lenk- und Ruhezeiten, dreiste Überholmanöver und Radarkontrollen. Kurz vor Vogelsdorf gelte neuerdings nicht mehr 70, sondern 50 Km/h Höchstgeschwindigkeit, warnt ein Fahrer. Anwohner hatten sich beschwert. "Dann gibt es da ja noch mehr Stau", motzt ein Kollege in die Runde. Auf dem Tisch liegen Fachmagazine wie "Berufskraftfahrer" und "Truck XXL".

Wer hat den Schwersten?

Der Stammtisch trifft sich direkt an der Auffahrt zur A 10. An der Haupttransitstrecke zwischen Ost und West rauschen täglich Tausende Laster vorbei, die polnische Grenze ist 60 Kilometer entfernt. Häufig zieht die Polizei Lkw mit technischen Mängeln aus dem Verkehr. Der Zoll fahndet nach Zigarettenschmugglern.

Beim Fernfahrerstammtisch kennen sich viele Teilnehmer jahrelang. Sogar mit den Polizeibeamten ist man per Du. Kommissar Esch trägt an diesem Abend zivil. Das sei das Besondere der Runde, sagt er: Die Kutscher könnten mal "ohne die Schranke des Gesetzes" mit der Polizei reden. Also ungezwungen, ohne drohendes Bußgeld.

Der Ton ist rau. Zum Stammtisch kommen auch Busfahrer, die aber werden von den Lkw-Fahrern kaum ernst genommen. Busse sind höchstens 30 Tonnen schwer. "Wir reden hier aber über große Autos", sagt ein Trucker abfällig. Mit groß meint er die Vierzigtonner.

Ausländische Fahrer sind keine da

Es ist ein bisschen wie im Kindergarten, wenn Jungs mit ihren Spielzeugautos angeben. Jedenfalls betonen die Vierzigtonnen-Fahrer beim Stammtisch an der A10 bei jeder Gelegenheit, dass sie die Einzigen seien, die "große Autos" fahren. Noch weiter unten in der Hierarchie als Fahrer kleinerer LKW oder Busse stehen Fahrer aus Osteuropa. Ausländische Fahrer sucht man beim Fernfahrerstammtisch in Brandenburg vermutlich auch deswegen vergeblich.

Fernfahrerstammtische gibt es an vielen Autobahnen, in größeren Bundesländern mehrere. Bei allen sitzt die Polizei mit am Tisch. Insgesamt gebe es deutschlandweit mehr als 30 informelle Treffpunkte, sagt Polizeihauptkommissar Martin Hottinger, der das bundesweite Netzwerk koordiniert.

Hottinger leitet seit 2002 einen Fernfahrerstammtisch an der A 4 bei Bautzen. Seine Bilanz ist durchweg positiv: Normalerweise träfen Fahrer und Beamte nur bei Kontrollen auf der Autobahn aufeinander, sagt Hottinger. "Da schnauzt man sich an, und es gibt Bußgelder, aber keine Verkehrserziehung." Beim Stammtisch können beide Seiten dagegen in lockerer Atmosphäre ihre Sorgen und Nöte austauschen und gemeinsam nach Lösungen für alltägliche Problem suchen.

Trucker-Romantik? Fehlanzeige

Im "Truckstore" an der A10 in Brandenburg wird diesmal hitzig über den richtigen Abstand debattiert. 50 Meter Mindestabstand müssen Lkw-Fahrer auf Autobahnen zum nächsten Fahrzeug halten. Besonders rücksichtslos verhielten sich die Fahrer aus dem osteuropäischen Ausland, beschwert sich einer. "Die ziehen nach dem Überholen einfach rein - und ich bin zu dicht druff." Ein Punkt in Flensburg und 120 Euro Bußgeld werden fällig, wenn an der Stelle zufällig ein Abstandsmesser steht. Häufig führt zu wenig Abstand zu schweren Auffahrunfällen.

Bei diesem rauen Arbeitsalltag überrascht es kaum, dass der Beruf des Lkw-Fahrers bei jungen Leuten wenig beliebt ist. Rund 534 000 sozialversicherungspflichtige Berufskraftfahrer gab es laut Bundesamt für Güterverkehr im Jahr 2013. Nur 2,6 Prozent von ihnen waren unter 25 Jahre alt, fast die Hälfte sind 50 Jahre und älter. Auch beim Stammtisch an der A10 kommen bei vielen Teilnehmern die grauen Haare durch. Fahrerinnen sind keine da. Es dominieren Männer in Lederwesten und Jeansjacken, wie bei der ARD-Fernsehserie "Auf Achse". Die Abenteuer mit Manfred Krug in der Hauptrolle waren Kult in den Achtzigerjahren.

Torsten Behling ist seit 23 Jahren auf Achse und fährt natürlich einen Vierzigtonner. Für ihn und seine Kollegen ist die Trucker-Romantik vorbei, wenn sie wieder eine Ladung in einer Zeit liefern sollen, die eigentlich nicht zu schaffen ist. Vor allem die Kameradschaft sei nicht mehr da, findet Behling. Früher hätten sich die Fahrer bei Reifenpannen gegenseitig geholfen. "Heute hält keiner mehr an." Mag der Druck auch gestiegen sein: Behling kann sich trotzdem nicht vorstellen, einen anderen Job zu machen. Das Beste in seinem Beruf sei das Gefühl der Freiheit, sagt der 46-Jährige. Und der Dieselsound, wenn er seinen 410 PS starken Lkw starte, Behlings "großes Auto".

Fahren wie auf Droge

Im Gegensatz zu den Lokführern, die mit Streiks das Land lahmlegen können, haben Lkw-Fahrer keine Tariflobby im Rücken. Es herrscht Lohndumping - aus Sicht der Fahrer vor allem deshalb, weil ausländische Firmen die Preise kaputtmachten: mit Fahrern hinterm Steuer, die ein halbes Jahr ohne Ruhetag durchfahren, für 600 Euro im Monat. Die Unternehmen würden in Litauen angemeldet, um Arbeitsschutz-Regelungen der EU zu umgehen, berichtet ein Spediteur aus Frankfurt/Oder.

Viele Fahrer versuchen, mit Hilfe von Medikamenten durchzuhalten. Ob Rückenleiden oder Kopfweh: Lkw-Fahrer neigten dazu, als Medikamente überwiegend Schmerzmittel mit sich zu führen, berichtet Martin Hottinger von der sächsischen Autobahnpolizei. "Die hauen sich das Zeugs rein wie Bonbons." Unter Schmerzmitteln seien viele Fahrer aber wie auf Drogen unterwegs, sagt der Autobahnpolizist.

Daher wurden auf Initiative der Fernfahrerstammtische sogenannte DocStops eingerichtet - eine medizinische Unterwegsversorgung für Berufskraftfahrer. Von mehr als 700 Medizinern und Kliniken können sich Bus- und Lkw-Fahrer heute bundesweit ambulant behandeln lassen. Vielen Truckern fehlt aber offenbar selbst dafür die Zeit, sie fahren bis zur totalen Erschöpfung. Es gebe Fahrer, die sich freiwillig bei der Polizei melden, damit sie aus dem Verkehr gezogen werden, sagt Polizeikommissar Esch. Neun bis zehn Stunden darf ein Trucker am Steuer sein - manche säßen aber 20 Stunden auf dem Bock, sagt Esch. "Die können einfach nicht mehr."

Für dieses Problem wurde an den Fernfahrerstammtischen noch keine Lösung gefunden. Für andere schon: Der Aufbau von Schneegerüsten auf Autohöfen ist zum Beispiel das Ergebnis des Projekts. Auf dem Dach von Lastern bilden sich bei Schneefall oft dicke Eisdecken. Wenn sie vom Dach auf ein Auto krachen, kann es zu schweren Unfällen kommen. Lkw-Fahrer sind daher zur Beseitigung der Eisschollen verpflichtet. Doch ohne Leiter kommt man auf ein Lkw-Dach gar nicht herauf.

Auf Initiative der Fernfahrerstammtische gibt es inzwischen an vielen Raststätten und Speditionshöfen Gerüste, von denen aus Lkw-Dächer von Eisplatten befreit werden können. Und so bestätigt sich am Fernfahrerstammtisch, was auch für den Rest des Lebens gilt: Reden hilft - zumindest manchmal.

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Seite 1
jasper366 25.01.2015
1.
---Zitat--- Der Aufbau von Schneegerüsten auf Autohöfen ist zum Beispiel das Ergebnis des Projekts. Auf dem Dach von Lastern bilden sich bei Schneefall oft dicke Eisdecken. Wenn sie vom Dach auf ein Auto krachen, kann es zu schweren Unfällen kommen. Lkw-Fahrer sind daher zur Beseitigung der Eisschollen verpflichtet. Doch ohne Leiter kommt man auf ein Lkw-Dach gar nicht herauf. ---Zitatende--- Die Leitern sind nicht das Problem, die führen die fahrer mit, kämen sie ja sonst nicht oben an die Laschen um das den Gurt der Plane einzufädeln. Das Problem ist, Gesetzmäßig ist der Fahrer verpflichtet das auto 'Eis- und Schneefrei' zu machen das kein anderer durch herabfallenden schnee etc gefährdet wird. Seitens der Berufsgenossenschaft steht er aber im Falle eines Unfalles beim Eis abräumen im wahrsten Sinne nackt da - das ist nämlich nicht versichert. Somit sind solche Gerüste nur der erste Schritt, der zweite liegt nun beim Gesetzgeber das ganze so zu verfizieren das diese Arbeit auch über die berufsgenossenschaft abge(ver)sichert ist.
RainerCologne 25.01.2015
2. lohn
Und was verdient ein Trucker im Schnitt im Jahr? Vielleicht lohnt es sich ja, da es scheinbar einen Fachkräftemangel gibt müssten die Löhne hoch sein, da die Arbeitskräfte begehrt scheinen. vielleicht schul ich um, wenn die Hälfte der Fahrer in Rente ist.
MartinS. 25.01.2015
3. ...
Woher entnehmen sie das mit dem Fachkräftemangel? Es gibt wenig Nachwuchs, da die Bedingungen eher schlecht sind, und die Konkurrenz insbesondere aus Osteuropa dafür umso größer. Keine Lobby, konkurrieren mit osteuropäischen Löhnen, eine Branche, die naturgemäß nicht ortsgebunden ist.... Machen sie sich ihre Rechnung selbst auf.
blowup 25.01.2015
4. Ja, wie ...?
Kein Wort über dieses lächerliche Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz, nach dem jetzt jeder, der gewerblich Fzg über 3,5 t bewegt, alle 5 Jahre ca. 1200 Euro für 5 Bildungsmodule latzen muss. Klassische Umverteilung von unten nach oben und ein wahrer Umsatzbooster für Tüv, Dekra, Adac etc.. Ein Hoch auf die Lobby-Arbeit!
Nonvaio01 25.01.2015
5. es wuerde helfen
wenn Elektronische ausschalter eingebaut wuerden, Praktisch eine Uhr die die Zeit misst, wenn die abgelaufen ist hat der Fahrer eine gewisse zeit den LKW zu parken, danach kann er den Truck fuer 8STD nicht starten. Technisch ist das kein problem, was die auslaender angeht, einfach ein Gesetz auf dem markt bringen dann LKW ueber 30T das in X jahren haben muessen, sonst duerfen diese trucks nicht in D fahren, wird einer erwischt, wird der LKW konfeziert und die Ladung beschlagnehmt. Die kosten werden an den auftraggeber und die Transport firma geteilt, da der auftraggeber auch eine pflicht hat nicht den billigsten sondern den sichersten transporteur zu beauftragen.
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