Aaglander Motorkutschen Luxus in Zeitlupe

"Entschleunigung" liegt bei Lebensberatern voll im Trend. Sogar auf der Straße gewinnt der genussvolle Umgang mit Zeit an Bedeutung: Während der Bugatti die 400-km/h-Marke knackt, entsteht in Franken ein Neuwagen, der kaum Schrittgeschwindigkeit schafft - der Aaglander.


Zeit ist ein sehr knappes Gut. Deshalb gehen die meisten Menschen damit ausgesprochen geizig um. Gerade auf der Straße kann es vielen Autofahrern nicht schnell genug gehen. Doch Roland Belz sieht das anders. Er propagiert den Luxus der Langsamkeit und drosselt hektische Terminsklaven auf Schrittgeschwindigkeit. Am besten geeignet scheint dem findigen Schwaben dafür die Kutsche, mit der man gemütlich durch die Landschaft zuckeln kann.

Doch weil sich nicht jeder einen Stall voller Pferde leisten mag, die Arbeit auf dem Kutschbock schwierig ist und man bei aller Lust auf Langsamkeit viel Zeit für die Vor- und Nachbereitung braucht, hat Belz das Konzept in die Gegenwart übertragen und auf Schloss Kühlenfels in der Fränkischen Schweiz die nach seinen Angaben einzige moderne Motorkutsche der Welt entwickelt - den Aaglander.

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Aaglander Motorkutsche: Die Neuentdeckung der Langsamkeit

"In der Geschichte des Automobils ist der Rückbau moderner Hightech-Fahrzeuge zu einer mechanisch angetriebenen Kutsche technisch gesehen ein Rückschritt," gesteht Belz ein. "Und auf den ersten Blick ist das vielleicht auch gegen jede Vernunft. Aber genau das wollten wir", sagt der Erfinder. Und das große Echo auf seine Motorkutsche im ersten Halbjahr nach der Weltpremiere auf dem Genfer Salon gibt ihm Recht.

Der Aaglander kombiniert die historische Formensprache aus dem 19. Jahrhundert mit der Technik von heute. Man sitzt hoch oben auf einem weichen, mit Leder bezogenen Bock, hüllt sich in Decken oder ein Fell und zieht bei Regen ein klassisches Faltverdeck auf. Der Blick schweift über glänzend schwarz lackiertes Holz und güldene Schmiedearbeiten. Nur dort, wo eigentlich die Pferde sein sollten, geht der Blick ins Leere. Statt Pferdestärken aus Fleisch und Blut gibt es über der Hinterachse einen Dreizylindermotor. Mit Diesel statt Hafer bringt es das aus einem Minibagger entlehnte Industriemaschinchen auf 20 PS, die mit der je nach Ausführung zwischen 800 und 1200 Kilogramm schweren Motorkutsche leichtes Spiel haben.

Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 20 km/h

Über gleich drei stufenlose Untersetzungsgetriebe und einen Kettenantrieb bringt der Motor genug Kraft an die Hinterräder, dass der Aaglander selbst auf steilsten Strecken mühelos anfahren kann. Tritt man das kleine Gaspedal im Fußraum tief durch, schafft das Gefährt etwa 20 km/h; doch viel schneller als mit Schritttempo ist man selten unterwegs. Entsprechend gering ist der Verbrauch, den Belz mit ein bis zwei Litern pro Stunde beziffert. Für die Sicherheit sorgen neben den obligatorischen Gurten oder Haltebügeln vier Scheibenbremsen, die hydraulisch unterstützt werden. Und als Tribut an die Moderne wurden in die historischen Laternengehäuse aktuelle Scheinwerfer integriert und vorn wie hinten Blinker angebracht.

Obwohl die Technik durchaus zeitgemäß ist, lässt sich das Fahrgefühl mit dem eines Autos nicht vergleichen. Das liegt vor allem an der Abwesenheit eines Lenkrads. Stattdessen gibt es in Anlehnung die Zügel zwei feste, mit Leder überzogene Stangen, die an einer Art Fahrradlenker befestigt sind. Zieht man an einer der Stangen, gibt der mit einer Krone und zwei goldenen Pferden reich verzierte Lenker den befohlenen Richtungswechsel über ein Servogetriebe feinfühlig an die riesigen Räder weiter. So wird man auf dem Kutschbock zum "Leinenführer" und hat tatsächlich das Gefühl, ein Gespann zu dirigieren.

Das erfordert Fingerspitzengefühl, denn jede Bewegung an der Lenkstange führt unweigerlich zu einer Kurve. "Aber nach zehn Minuten hat es jeder raus", berichtet Belz von zahlreichen Probefahrten. Die ersten Erfahrung mit dem Aaglander seien bei seinen Kunden immer die gleichen, erzählt Belz: "Managern, die auf der Autobahn mit Vollgas über die linke Spur fahren und immer auf die Uhr schauen, kann es hier auf dem Kutschbock gar nicht langsam genug gehen", sagt der Unternehmer, während der Wagen auf seinen großen Vollgummireifen in Zeitlupe durch die Winterlandschaft rumpelt. "Einen Tacho brauchen wir deshalb nicht. Die Geschwindigkeit wird schon nach wenigen Metern zur Nebensache."

Wer einen Pkw-Führerschein hat, darf Aaglander fahren

Der Aaglander ist im Sinne der Straßenverkehrsordnung ein "Pkw offen" und darf von jedem Autofahrer mit dem ganz normalen Führerschein bewegt werden. Und zwar nicht nur in Feld, Wald und Wiese, sondern auch auf öffentlichen Straßen. "Dort bringen einem andere Verkehrsteilnehmer trotz des langsamen Tempos zwar viele Sympathien entgegen", sagt Belz. "Doch wirklich Spaß macht die Ausfahrt vor allem auf Feldwegen und Nebenstrecken."

Langsamkeit als Luxus gönnt sich Belz auch bei der Produktion. Fast drei Jahre hat er am Aaglander entwickelt und dabei vier Ingenieurbüros "verschlissen". "Die dachten alle, eine Kutsche und einen Motor zusammen zu bringen, das kann ja nicht so schwer sein. Doch nach vielen Fehlschlägen sind wir jetzt klüger", sagt Belz und verweist auf verbogene Achsen, kaputte Lenkgetriebe und verzogene Rahmen, die auf dem Hinterhof von der Entwicklungsmethode "Trial and Error" zeugen. Mittlerweile sind zwei Prototypen und vier Serien-Kutschen fertig, eine fünfte ist im Bau. Die Produktion des ersten Aaglanders dauerte fünf Monate, inzwischen geht es den Mechanikern in vier Wochen von der Hand. Bis zum Sommer soll die Fertigungszeit auf zwei Wochen, später auf eine Woche gedrückt werden. Dann ist es aber genug der Eile. Denn mehr als 50 Motorkutschen pro Jahr will Belz nicht bauen, die Exklusivität soll gewahrt bleibt.

Sieben Monteure und der Chef bauen die Motorkutschen

Bei der Fertigung der Kutschen in der Scheune des kleinen Schlosses spannen Belz und sieben Monteure einen Bogen über mehrere hundert Jahre Handwerkskunst. Auf der einen Seite sorgt etwa ein Goldschmied wie in der Hochzeit des Kutschbaus für den glänzenden Zierrat, und auf der anderen stellen elektronisch gesteuerten Maschinen die computerberechneten Rahmenteile her.

Belz verkauft nicht nur ein Fahrzeug, sondern auch eine Philosophie. Und die erlebt man in seinen Augen am besten während einer Aaglander-Partie. Die romantische Motorwanderung führt vom Stammsitz der Manufaktur durch die Fränkische Schweiz; über mehrere Stunden geht es auf einer eigens digitalisierten Route des geschickt versteckten Navigationssystems vor allem über Schotterwege, Waldschneisen und Wiesenpfade. "Natürlich kann man die Landschaft schweißtreibend auch auf dem Fahrrad oder auf Schusters Rappen erkunden", gesteht Belz ein. "Doch keine Landpartie ist so entspannend, erholsam und genüsslich wie auf dem Bock einer Kutsche." Das Vergnügen hat einen stolzen Preis: 550 Euro verlangt die Aaglander-Manufaktur für den Ausflug. Immerhin gibt es neben der tagesfüllenden Tour zur Erinnerung noch den handgeschreinerten Holzkoffer, der vorn auf dem Bock das Handschuhfach ersetzt und bei der Ausfahrt die Instrumente beherbergt.

Das große Modell Mylord kostet rund 95.000 Euro

Zwar baut Belz seine Aaglander derzeit vor allem für den Eigenbedarf, damit die Kutschhalterei in Kühlenfels mehr Termine für Ausfahrten anbieten und auch mal größere Gruppen auf die Zeitreise schicken kann. Doch der zweisitzige Duc und der für vier bis sechs Personen geeignete Mylord sollen auch an andere Enthusiasten mit einem entspannten Verhältnis zum Reisetempo verkauft werden. Für den Zweisitzer müssen knapp 89.000 Euro anlegt werden, für den Sechssitzer etwa 95.000 Euro. Belz sieht für die Modelle tatsächlich einen Markt. "Wer mit der Yacht übers Wasser gleitet, der findet auch Gefallen an dieser Art der Autowanderung." Auch viele Oldtimer-Freunde hätten bei ihm schon vorgesprochen, weil die Kutschen zwar alt aussehen, aber längst nicht so empfindlich und wertvoll seien wie ein Auto, das tatsächlich so alt ist.

Noch größere Absatzchancen sieht Belz in der Hotellerie, wo er den Aaglander als Franchise-Paket etablieren will. "Golfplatz, Tennis-Anlage oder Wellness-Oase gehören bei Top-Hotels zum Standard", sagt Belz. "Da können sich Hoteliers mit geführten Ausflügen in der Motorkutsche vornehm differenzieren und ein neues Freizeiterlebnis anbieten." Natürlich macht das in Hamburg, Berlin oder Frankfurt wenig Sinn. "Doch wer im Aaglander die Fränkische Schweiz genossen hat, dem wird auch eine Ausfahrt durch die Lüneburger Heide, den Schwarzwald oder entlang der Ostseeküste gefallen." Und irgendwann geht dann vielleicht auch Belz großer Traum in Erfüllung: einmal mit der Motorkutsche von Station zu Station quer durch Deutschland zu fahren.



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