Dieselaffäre Staatskarosse mit schmutzigem Geheimnis

Audi droht neuer Ärger: Gerade musste der Hersteller 24.000 ältere Dieselautos wegen Abschalteinrichtungen zurückrufen - nun fiel auch ein aktueller A8 bei Messungen von Umweltschützern durch horrende Stickoxidwerte auf.

PEMS-Messungen mit einem Audi A8 4.2
DUH

PEMS-Messungen mit einem Audi A8 4.2

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Mit wachsendem Unbehagen verfolgt der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die Debatte um Fahrverbote für Dieselautos in deutschen Städten. Seit der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) verkündete, auch in der Landeshauptstadt Selbstzünder bei zu hohen Stickoxid- und Feinstaubkonzentrationen auszusperren, befindet sich der CSU-Chef im Krisenmodus. An diesem Sonntag trommelt er deshalb die Kabinettsmitglieder zusammen, um die Fahrverbote noch abzuwenden.

Dabei haben die Staatsministerien im Fuhrpark Autos stehen, die Teil des Problems sind. Die Staatsministerin für Arbeit und Soziales etwa, Emilia Müller, fährt laut einer aktuellen Liste der Deutschen Umwelthilfe (DUH) einen Audi A8 mit einem 4,2 Liter Dieselmotor. Doch ausgerechnet ein Fahrzeug dieses Modells ist jetzt in einem Straßentest der DUH mit einem Stickoxid-Rekordwert gemessen worden. Zwischen 1422 und 1938 Milligramm Stickoxide pro Kilometer hat das Emissions-Kontroll-Institut der DUH bei Straßenfahrten mit einem mobilen Messgerät ermittelt. Der Grenzwert beträgt 80 Milligramm pro Kilometer.

"Audi-Chef Stadler liefert die stärksten Argumente dafür, dass es keine Ausnahme von Diesel-Fahrverboten für die aktuelle Abgasstufe Euro 6 geben darf", erklärt DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch.

Verdächtig niedriger Harnstoffverbrauch

Die Daten wurden bei einer Langversion des Audi-Luxuswagens gemessen, der über den aktuell im Verkauf befindlichen Motor verfügt. "Diese extrem hohen Stickoxidemissionen zeigen, dass bei diesem Fahrzeug auf der Straße die Abgasreinigung praktisch wirkungslos ist", sagt Messverantwortlicher Axel Friedrich und erklärt sich das mit sehr niedrigen Harnstoffverbräuchen des Abgasreinigungssystems. Die sind um Faktor 8 niedriger als rechnerisch notwendig, um eine funktionierende Abgasreinigung sicherzustellen.

Für den VW-Konzern kommt die Messung zur Unzeit. Seit zwei Wochen ist bekannt, dass in Audi-Fahrzeugen eine illegale Abschalteinrichtung im Abgassystem arbeitet. Die Autos können nach Angabe des Kraftfahrt-Bundesamts am Lenkwinkel erkennen, dass sie auf einem Prüfstand stehen und die Abgasreinigung dann voll aktivieren - während die Wagen im normalen Straßenbetrieb mehr Schadstoffe ausstoßen. Das KBA stuft dies als unzulässig ein. Es geht um 24.000 Oberklassemodelle der Typen Audi A8 und A7 mit V6- und V8-Dieselmotoren, die von 2009 bis 2013 hergestellt wurden.

Prüfung durch das KBA

Audi hat den vom Bund geforderten Vorschlag für den Rückruf der Dieselfahrzeuge mit erhöhten Abgaswerten vorgelegt, will von einer Abschalteinrichtung aber nichts wissen. "Wir halten alle Vorgaben des Kraftfahrt-Bundesamtes ein", sagte ein Sprecher der Ingolstädter VW-Tochter am Freitag. Laut Unternehmen handelte es sich bei dem Problem um einen unbeabsichtigten Fehler der Getriebesoftware. Nun muss das Kraftfahrt-Bundesamt entscheiden, ob es dem Konzept zustimmt.

Was aber, wenn auch aktuelle Modelle ein Problem haben? DUH-Experte Friedrich ist davon überzeugt, dass sich solche hohen Stickoxidwerte nur durch Abschalteinrichtungen erklären lassen, die für ein anderes Abgasverhalten auf der Straße als im Labor sorgen.

Auf Anfrage des SPIEGEL erklärte der VW-Konzern: "Da wir weder den technischen Zustand noch die exakten Messrandbedingungen kennen, ist es für uns schwierig, eine Aussage zu den Messergebnissen zu treffen." Die bei Straßenmessungen erhobenen Werte könnten allerdings deutlich von den im Labor gemessenen Werten abweichen. Man sei mit den Behörden im Gespräch zu allen diesen Themen, so ein VW-Sprecher gegenüber dem SPIEGEL.



insgesamt 120 Beiträge
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maxis.papa 16.06.2017
1.
Wann hört der Volkswagen- Konzern endlich auf, uns weiss machen zu wollen, dass die Erde eine Scheibe ist?! Die sägen am Ast auf dem sie sitzen: Die Welt für dumm verkaufen zu wollen kann dazu führen, dass auch der beste Kunde mit größter Überzeugung irgendwann zu den Mitbewerbern abwandert. Wollen die VW- Manager den Karren mutwillig an die Wand fahren?!
lynx2 16.06.2017
2. Ganz klar!
Euro 6 reicht nicht. Er müßte 6 c haben mit adBlue-SCR. Dabei hätte ein adBlue-Tank doch locker Platz in dieser großen Karosse. Aber daran liegt es nicht. Man braucht nochmal einen SCR-Kat und die dazugehörige Elektronik, was ein Vielfaches teuerer ist als eine Schummelsoftware, die am Prüfstand schöne Werte vortäuscht.
hd1 16.06.2017
3. Reicht ein 17l Harnstofftank nicht?
Der A8 hat einen 17l Harnstofftank. Der soll um den faktor 8 zu klein sein? Braucht der wagen mehr Harnstoff als Diesel? Da kann doch etwas nicht stimmen.
steffan-s 16.06.2017
4. Das KBA steht in der Pflicht..
und MUSS nun den Verdacht ganz offiziell prüfen. Werden die Grenzwerte (bei bestimmungsgemäßen Gebrauch) nicht eingehalten, MUSS das Fahrzeug seine Betriebserlaubnis verlieren und darf nicht weiter fahren. Für Ersatz für den Besitzer, MUSS natürlich der Hersteller sorgen. So lange die Politik die Autolobby schützt, passiert sa gar nichts. Ich bin enttäuscht von den GRÜNEN - zu diesem Thema kommt von ihnen gefühlt ebenfalls nichts. Stattdessen sitzt MP Kretschmann im Gigaliner. Super. Die brauchen wir gerade noch.
foxpwn 16.06.2017
5.
Warum? Jedes mal frage ich mich aufs Neue, was die Hersteller bei solchen Manövern gewinnen? Dass man sich bei günstigeren Autos das AdBlue System sparen will, leuchtet mir ja noch ein - aber wozu die Reinigung ausschalten, wenn AdBlue ohnehin an Bord ist? Will man den hoch-solventen A8 Kunden eine handvoll Euro zur Nachbetankung ersparen? Oder schafft WV es nicht Antriebe zu entwickeln, die auch mit AdbBlue Leistung entfalten und Verbrauch im Rahmen halten? Warum dieser massive Betrug? Ich verstehe es nicht mehr ... warum lässt man die Reinigung nicht einfach IMMER an? Geht der Motor dann nach 100km in die Brüche?
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