Umweltbundesamt Diese Dieselautos waren im Abgastest auffällig

Im April weckte eine Untersuchung des Umweltbundesamts neue Zweifel an der Sauberkeit von modernen Diesel-Pkw. Jetzt wurde aufgedeckt, welche Modelle am schlechtesten abschnitten.

Daimler

Von


Es sind ungemütliche Tage für die Autoindustrie. In vielen deutschen Städten drohen ihren Dieselautos Fahrverbote, weil sie durch hohe Stickoxidemissionen die Luft verpesten. Kunden sind dadurch verunsichert, die Verkaufszahlen der Selbstzünder sinken, Gebrauchtwagen verlieren an Wert. In diese aufgeheizte Stimmung platzt nun eine Liste des Umweltbundesamts: Darauf finden sich die Abgasmesswerte von 49 Dieselfahrzeugen, die die Behörde im Rahmen einer Felduntersuchung erhob.

Schon im April hatte das Amt mit der Studie, bei der die Emissionen der Dieselautos unter Alltagsbedingungen untersucht wurden, für Furore gesorgt. Damals allerdings veröffentlichte sie nur allgemeine Zahlen: Demnach lagen die 24 getesteten Euro-5-Diesel mit 906 Milligramm Stickoxidausstoß pro Kilometer um ein Vielfaches über dem Grenzwert (180 mg NOX/km). Und auch die neueren Diesel nach der Schadstoffklasse Euro 6 schnitten mit durchschnittlich 507 Milligramm verheerend ab - hier liegt der Labor-Grenzwert bei 80 Milligramm pro Kilometer.

Jetzt aber liegt die nach Fahrzeugmodellen aufgeschlüsselte Liste vor. Ganz freiwillig geschah diese Veröffentlichung nicht, der SPIEGEL hatte mit Verweis auf das Umweltinformationsgesetz darauf gedrängt.

Hier ist eine Übersicht mit zwölf Modellen, die in dem Test besonders schlecht abschnitten (sechs Autos mit Euro-6-Norm, sechs mit Euro-5-Norm):

Fotostrecke

13  Bilder
Abgastest des Umweltbundesamts: Das dreckige Dutzend

Gegen einige der Autohersteller, deren Modelle im Test auftauchen, laufen Ermittlungen wegen des Verdachts des Abgasbetrugs - zum Beispiel gegen Mercedes, Fiat Chrysler, Renault und Peugeot.

Die Liste des Umweltbundesamts erhöht noch einmal den Druck auf Autoindustrie und Politik, das massive Dieselproblem anzugehen. Baden-Württemberg wird beispielsweise am Freitag im Bundesrat eine Initiative zur Nachrüstung von Diesel-PKW einbringen. Sie beschränkt sich zunächst auf Euro-5-Fahrzeuge, die mit einem Software-Update dazu gebracht werden sollen, 50 Prozent weniger Stickoxide auszustoßen.

Zwar wünscht sich das Bundesumweltministerium in Berlin, auch Euro-6-Diesel in dieses Programm aufzunehmen. Doch die Regierung des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ziert sich vor diesem Schritt, der die Autoindustrie in große Erklärungsnot bringen würde. Sie orientiert sich dabei an einem Vorschlag, den der Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) den Baden-Württembergern unterbreitet hat.

VDA rechnet bei Nachrüstungen mit Nachteilen für Kunden

Demnach würde die Initiative des Bundesrats aber auch mit einem Nachteil für den Autokunden einhergehen. Denn die Autos würden nach Schätzung des VDA nach der Umrüstung im Schnitt zwei Prozent mehr Kraftstoff verbrauchen. Ob der Autofahrer dafür entschädigt wird, ist nicht Gegenstand des Bundesrats-Vorstoßes.

Die Bundesregierung erkannte am Mittwoch in einem Bericht die übermäßige Belastung der Umwelt mit Stickstoff als wichtiges Problem an. Die Hauptverursacher für Stickstoffemissionen seien Landwirtschaft (63 Prozent), Industrie und Energiewirtschaft (15 Prozent) sowie Verkehr (13 Prozent). Auf der Grundlage des Berichts könne man dieses Problem nun ressortübergreifend angehen, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in Berlin, "etwa im Verkehrsbereich mit mehr Elektroautos".

Bei Autos dreht sich die Diskussion vor allem um den Ausstoß von Stickoxid. Das Umweltbundesamt will in seiner Untersuchung eigentlich keine Aussagen über einzelne Modelle treffen, sondern auf das Umweltproblem der gesamten Flotte hinweisen. Die Behörde ist dafür verantwortlich, die Auswirkungen des Straßenverkehrs auf die Luftqualität der Städte abzuschätzen und Empfehlungen zu entwickeln, welche Maßnahmen die vielerorts gemessenen Grenzwertüberschreitungen reduzieren helfen. Dennoch bekommt auch das Kraftfahrt-Bundesamt die Messtabellen und wird gegebenenfalls auf die Hersteller zugehen und nach Erklärungen fragen.

Die EU-Kommission hatte am Montag beschlossen, Autohersteller künftig strenger zu kontrollieren. Geplant ist, dass sich die staatlichen Zulassungsbehörden wie das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt künftig gegenseitig überprüfen. Außerdem sollen die nationalen Behörden eine Mindestzahl von Autos kontrollieren, deren Modelle bereits zugelassen sind. So soll wenigstens eins von 50.000 im Vorjahr neu zugelassenen Fahrzeugen überprüft werden. Bei Verstößen gegen Umweltvorschriften sollen zudem künftig Strafen von bis zu 30.000 Euro pro Fahrzeug verhängt werden.

ADAC fordert "wirklich saubere Autos"

Der Autofahrerclub ADAC forderte als Konsequenz aus dem Abgasskandal ebenfalls strengere Verpflichtungen für die Hersteller. "Die Verbraucher erwarten zu Recht, dass ihre Fahrzeuge mit sauberer Technik ausgestattet werden", hieß es in einem am Mittwoch vorgelegten Positionspapier zur Bundestagswahl. Die Techniken seien bereits verfügbar und könnten mit geringem Mehraufwand eingebaut werden. "Damit das geschieht, ist der Gesetzgeber gefordert."

Es brauche "wirklich saubere Autos, die über alle Betriebszustände und vor allem im Realbetrieb die Abgasgrenzwerte einhalten", betonte der ADAC. Der Verkehrsclub schlägt außerdem einen neuen "Verbraucherbeirat" beim KBA vor, dem Verbraucherverbände, Streitschlichter, Bundesministerien und Wissenschaftler angehören sollten.

mit Material von dpa

insgesamt 172 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fehleinschätzung 31.05.2017
1. und
das ist wahrscheinlich wieder nur die halbe Wahrheit oder noch weniger?. Während der Zeit die vergangen ist, hätten? TÜV und Co Millionen Autos messen können; denn wenn bekannt ist, wie die Autos den Prüfstand erkennen, wird es auch Maßnahmen geben, die Erkennung zu verhindern. Jetzt gibt es Stichproben? und Werte, die möglicherweise nicht repräsentativ sind. Liebe Redaktion, das sind für mein Empfinden "no-news"
nordsued 31.05.2017
2. Narretei ohne Ende
Also bei 13% Stickstoff-Emissionen aus dem Verkehr und 63% aus der Landwirtschaft, sollte man doch lieber die Landwirtschaft zu geringeren Stickstoff-Emissionen zwingen, als Energie und Verkehr. Man gibt sich doch der Lächerlichlkeit preis. Haben wir eine SPD Politikerin die nicht rechnen kann.
schweinebraten 31.05.2017
3. Das wird die Hersteller aber empfindlich treffen. Ganz gewiss!
Das Beste ist dieser Satz: "Außerdem sollen die nationalen Behörden eine Mindestzahl von Autos kontrollieren, deren Modelle bereits zugelassen sind. So soll wenigstens eins von 50.000 im Vorjahr neu zugelassenen Fahrzeugen überprüft werden. Bei Verstößen gegen Umweltvorschriften sollen zudem künftig Strafen von bis zu 30.000 Euro pro Fahrzeug verhängt werden." Wenn man das auf VW runterbricht und mal von einer knappen Mio produzierten und verkauften Einheiten im Jahr ausgeht, läge die Maximalstrafe bei 600.000 EUR. Darunter leidet ein Hersteller wie VW. Ganz gewiss. Hahaha.
tailspin 31.05.2017
4. Wie ist der Mechanismus?
Die Motoren werden 2% fetter eingestellt und laufen damit kuehler = weniger Stickoxide? Wie waere es eigentlich mit einer einfachen Wassereinspritzung als Additiv? Das duerfte die Motortemperatur auch runter bringen. Wasser wird bei der Verbrennung bzw bei der Umwandlung von NOx in Anwesenheit von Urea./ Ammoniak ohnehin erzeugt. Sollte eigentlich als Zusatz zum Diesel in gewissen Grenzen nicht schaedlich sein.
Leser161 31.05.2017
5. Entspannt in Ordnung bringen
Ich will jetzt gar nicht in eine Autoindustriebeschimpfung ausbrechen. Man sollte das einfach entspannt wieder in Ordnung bringen: Der Ansatz dass die Autoindustrie sich selber um die Einhaltung der Abgasnormen kümmern darf, indem sie entsprechende Messelektronik in ihre Fahrzeuge einbaut die Fehler bemerkt und diese auf Nachfrage mitteilt (OBD) funktioniert wohl nicht. Es war eine schöne Illusion das Autos sich brav selbst überprüfen, aber wie es auch bei Menschen Individuen gibt, die es mit den Vorschriften nicht so genau nehmen, gibt es das wohl auch bei Automodellen. Kurz: Eine korrekte unabhängige Überprüfung der Fahrzeuge muss (wieder) her.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.