Abgasfreies Amsterdam Stadt unter Strom

Immer mehr Elektroautos fahren durch Amsterdams enge Gassen, spätestens ab 2040 sollen überhaupt keine Benziner mehr die Luft der Metropole verpesten. Die Politik ist elektrisiert. Sie hofft sogar, Abgase ganz abschaffen zu können, und lässt sich das auch was kosten.

Aus Amsterdam berichtet

Holger Dambeck

Amsterdam ist nicht so wie die anderen europäischen Metropolen. Das merkt man bereits, wenn man den Hauptbahnhof verlässt. Statt langer Taxi-Schlangen beherrscht eine Unzahl von Fahrrädern die Szene. Nur wenige Meter vom Bahnhofsgebäude entfernt steht eine riesige mehrgeschossige Rampe, die an ein Parkhaus erinnert. Der Eindruck täuscht nicht einmal - nur dass hier tausende Fahrräder untergebracht werden können. Die Stadt musste den gigantischen Veloparkplatz errichten, damit der Vorplatz wieder für Fußgänger passierbar ist.

Der erste Eindruck verfestigt sich schnell: Auf dem Weg zu einer nachhaltigen, klimaschützenden Stadt ist Amsterdam sehr weit gekommen. Unter den zurückgelegten Wegen erreicht das Rad einen sagenhaften Wert von 37 Prozent, im engen von Grachten durchzogenen Zentrum sind es sogar weit über 50 Prozent. Wer hier mit dem Auto fährt, kommt nur im Schneckentempo voran - die Fietser (holländisch für Radfahrer) sind die Könige der Straße. Als die Stadt in den siebziger Jahren im Autoverkehr zu ersticken drohte, besann man sich wieder auf das Fahrrad. Das Rathaus baute die Radinfrastruktur kontinuierlich aus - mit großem Erfolg, wie man heute sieht. Amsterdam ist durchzogen von einem engmaschigen Radwegenetz. Wer schnell von A nach B will, steigt aufs Rad, egal ob Banker, Student oder Arbeiter.

Die Stadt hat das Autofahren im Zentrum bewusst unattraktiv gestaltet. Die Parkgebühren gehören zu den höchsten in Europa (5 Euro pro Stunde). Viele Straßen und Brücken sind für Autos gesperrt oder nur einspurig zu befahren. Nun plant das Rathaus den nächsten Schritt: Amsterdam will die grünste Metropole der Welt werden. Bis 2040 sollen hier fast nur noch E-Mobile unterwegs sein, auf der Straße ebenso wie auf dem Wasser. "Wir werden die Autos immer brauchen", sagt Pieter Swinkels, Sprecher der Rathaus-Initiative Amsterdam Elektrisch. "Aber sie dürfen dann weder Feinstaub noch Stickoxide ausstoßen. Wir wollen, dass die Luft in der Stadt sauber wird, und das geht nur mit Elektroautos."

Großzügige Subventionen

Dass Elektroautos, sofern sie Ökostrom tanken, auch noch große Mengen des Treibhausgases CO2 einsparen, ist für Swinkels ein positiver Nebeneffekt. Primär geht es um saubere Luft. Damit schon bald möglichst viele Stromer durch die holländische Metropole fahren, hat die Stadt den Herstellern und Käufern den roten Teppich ausgerollt.

Über 350 Ladestationen hat das Rathaus im Stadtgebiet installieren lassen. Bis 2013 sollen es mehr als 1000 sein - und noch einmal so viele in den meist privat betriebenen Parkhäusern. Für die Installation der Ladeterminals im nicht-öffentlichem Straßenraum zahlt die Stadt Zuschüsse. Bis März 2012 müssen Besitzer von Elektroautos, von denen es in der Stadt derzeit 350 gibt, weder fürs Parken noch fürs Laden bezahlen. Wer sich ein E-Mobil kauft, braucht zudem nicht lange auf seinen Anwohner-Parkausweis zu warten. Normalerweise lassen sich die Behörden damit mehrere Jahre Zeit.

Und auch beim Absatz hat das Rathaus nachgeholfen: Zunächst stellte man rund drei Millionen Euro bereit, um den Kauf von 260 Elektroautos zu subventionieren. Aus diesem Topf konnten sich die E-Mobil-Käufer bis zu 50 Prozent des Mehrpreises gegenüber einem ähnlich ausgestatteten Benziner ersetzen lassen. 2012 will das Rathaus noch einmal fast neun Millionen Euro in die Hand nehmen, um Firmen den Aufbau einer E-Flotte schmackhaft zu machen.

Ideale Bedingungen für E-Mobil-Hersteller

Unter solchen Bedingungen kommen die Hersteller von Elektroautos natürlich besonders gern nach Amsterdam. Der Nissan Leaf feierte hier seine Europapremiere. Ende November hat der Daimler-Konzern seinen Car-Sharing-Dienst Car2Go gestartet - weltweit erstmals mit rein elektrisch betriebenen Smarts. Schon im Jahr 2015 sollen in der Grachtenstadt 10.000 Elektroautos unterwegs sein, fünf Jahre später 40.000. "Wir wollen die Stadt zum Testgebiet machen", sagt Swinkels. "Noch fehlen Erfahrungen im Langzeit- und Dauerbetrieb - der Großraum Amsterdam ist ideal geeignet, diese Erfahrungen zu sammeln."

Die größte Herausforderung dürfte wohl die Umstellung der Lkw auf elektrischen Betrieb werden. Wie das gelingen soll, ist noch offen. Womöglich werden schwere Fahrzeuge ja auch von Brennstoffzellen angetrieben, weil Batterien für sie einfach zu schwer und zu teuer sind. Sauber wären die Lkw trotzdem: Sie würden nur Wasserdampf ausstoßen. Und selbst auf dem Wasser könnten Verbrennungsmotoren schon bald verschwunden sein. Ausflugsboote, mit denen Touristen durch die Grachten schippern, sollen ebenso elektrisch angetrieben werden wie Frachtkutter, die Baumaterial transportieren. Ein Boot der Stadt, mit dem der Müll eingesammelt wird, fährt schon heute mit Strom.

Das Problem unterschiedlicher Steckersysteme für Ladekabel existiert laut Swinkels bald nicht mehr: "Die Ladeterminals erkennen sogar, welches Auto angeschlossen ist und laden es genau so, wie der Hersteller es vorschreibt."

Ein anderes Problem muss die Verkehrsbehörde jedoch noch lösen. Bislang gibt es kein europaweit einheitliches Verkehrsschild, mit dem Ladestationen und die dazugehörigen Parkplätze gekennzeichnet werden. Der Vorschlag aus Amsterdam liegt schon vor: Aus einem Auto-Piktogramm ragt ein überdimensionaler Stecker. Nur der bisherige Text "Oplaadpunt" scheint den Verantwortlichen noch nicht optimal. Dafür wird noch eine Alternative gesucht.

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