Abgasaffäre So dreckig sind Euro-6-Diesel

Beim Streit um mögliche Fahrverbote geht es nie um neue Autos mit der aktuellen Abgasnorm 6 - sie gelten als sauber. Die Deutsche Umwelthilfe hat jetzt bei Wintertests das Gegenteil bewiesen.

DHU

Kaum eine Organisation dürfte für die Automobilindustrie ein größeres Nerv-Potenzial haben als die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Mit fortwährenden, eigenen Messungen zweifelt sie in der Dieselaffäre das Märchen vom sauberen Selbstzünder an und bringt die Hersteller in Erklärungsnot. Am Mittwoch veröffentlichten die Umweltlobbyisten erneut Ergebnisse aus sogenannten Wintertests. Diese sind vor dem Hintergrund möglicher Diesel-Fahrverbote besonders pikant.

Insgesamt 15 neue Diesel-Pkw mit der aktuellen Abgasnorm Euro 6 und ein Fahrzeug mit Abgasnorm Euro 5 prüfte die DUH mit sogenannten PEMS, mobilen Abgasmessanlagen, im Alltagsbetrieb auf der Straße. Der Clou: Die DUH führte die Tests in den Wintermonaten bei Außentemperaturen zwischen minus 5 Grad Celsius und maximal plus 16 Grad Celsius durch. Lagen die Stickoxidemissionen (NOx) bei den Messungen im Sommerhalbjahr maximal 9,2-fach über dem Grenzwert von Euro 6, so stiegen sie bei den Wintermessungen bis zum 17,2-fachen an.

Erklären könnte diese enorme Abweichung der Einsatz sogenannter Thermofenster. Mit diesem Begriff haben viele Hersteller eine Funktion verbrämt, die die Abgasreinigung im Bereich der für die Labormessungen definierten Temperatur aktiviert, aber teils schon bei wenigen Grad Abweichung herunterfährt. Thermofenster waren durch KBA-Messungen im Rahmen der Abgasaffäre bei Volkswagen bekannt, aber bislang kaum geahndet worden. Die Hersteller argumentieren mit Motorenschutz, das Verkehrsministerium lässt sie gewähren - obwohl die EU-Zulassungsvorschrift 692/2008 unmissverständlich die volle Funktionstüchtigkeit der Abgasminderung auch im Winterhalbjahr bei Außentemperaturen von bis zu minus 15 Grad Celsius verlangt.

Nur zwei Autos glänzen

Der weiterhin laxe Umgang mit der Problematik könnte sich nun allerdings zum echten Problem entwickeln. Denn die Stickoxid- und Feinstaubbelastung liegt in vielen deutschen Städten schon lange weit über den gesetzlich zulässigen Grenzwerten. Deswegen werden seit einigen Wochen verstärkt Fahrverbote für Dieselautos diskutiert, auch weil die DUH in vielen Ländern auf Einhaltung von EU-Recht klagt. Der Witz dabei: Bislang werden Fahrverbote nur für Fahrzeuge der Schadstoffklasse Euro 5 und abwärts erwogen. Vor dem Hintergrund der DUH-Messungen aber darf zumindest bezweifelt werden, ob das reicht.

Denn gerade in Wintertagen ist die Schadstoffbelastung in vielen Städten besonders hoch. Wenn nun aber ein großer Teil der vermeintlich reinen, neuen Fahrzeuggeneration unter diesen Wetterbedingungen weiterhin als Dreckschleuder unterwegs ist, könnte die Maßnahme gar nicht den gewünschten Effekt erzielen. (Lesen Sie bei Spiegel Plus, wie Umweltverbände Politik und Hersteller mit Klagen vor sich hertreibt).

Immerhin ein Hoffnungsschimmer offenbart sich in den Messungen der DUH. Denn neben wirklich skandalösen Ergebnissen, auch von deutschen Herstellern wie Mercedes (eine Mercedes B-Klasse 180 d landet mit ermittelten 1039 mg NOX/km und damit 13,2-facher Grenzwertüberschreitung auf Platz vier der schwarzen Liste), gibt es auch zwei Fahrzeuge, die sogar deutlich unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert landen. Ein Mercedes E200d der neuesten Motorengeneration und ein Audi A5 2.0 TDI glänzen mit 43 und 40 mg/km. Das wiederum nimmt die Hersteller auch in die Pflicht. Denn die Ergebnisse zeigen, dass Diesel durchaus sauber sein können. Wenn man nur will.

Hier finden Sie die Ergebnisse der Probanden im Überblick:

Fotostrecke

15  Bilder
DUH-Abgasmessung im Winter 2016/2017: Die Testergebnisse im Überblick

Abgasmessungen im Winterhalbjahr 2016/17 an 16 Diesel-Pkw

Euro 6 Diesel-Pkw Ø CO2 g/km Ø NOx mg/km Faktor Grenzwertüberschreitung
Fiat 500X 2.0 Cross 4x4 160 1380 17,2
Renault Captur 1.5 dCi 110 118 1316 16,5
Volvo S90 4D 143 1076 13,4
Mercedes B 180 d 134 1039 13,0
Opel Zafira Tourer 1.6 CDTi 151 995 12,4
Hyundai i20 1.1 CRDi 110 861 10,8
Mercedes C 220d 131 770 9,6
Land Rover Discovery Sport HSE TD4* 172 1242 6,9
Ford Mondeo Turnier 2.0 TDCi 144 519 6,5
Mercedes S 350 BlueTec** 186 412 5,2
Mazda CX5 2.2 Skyactiv-D 176 403 5
BMW 520d Touring 139 272 3,4
BMW X1 xDrive18d 151 238 3
Mercedes GLC 220d** 150 193 2,4
Audi A5 2.0 TDI** 117 40 0,5
Mercedes E 200d (neue Motorgeneration, OM 654) 148 43 0,5

* Abgasnorm Euro 5, NOx-Grenzwert bei 180 mg/km
** CO2-Wert unter Vorbehalt
Quelle: Deutsche Umwelthilfe, Wintermessungen September 2016 - März 2017

mhe



insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
wo_st 29.03.2017
1. Wann, nun
Wann wird unsere Regierung zur Verantwortung gezogen, wegen der zu großen Abhängigkeit zur Industrie?
theanalyzer 29.03.2017
2. Der Blödsinn treibt immer neue Blüten...
Wie ein jeder weiß, sind die Feinstaubgrenzwerte der Normen EURO5 und EURO6 identisch. So what. Abgesehen davon gibt es immer pro und contra: Ein Auto macht Dreck und verbraucht Ressourcen. Das ist schlecht. Und ein Auto bietet Freiheit durch Mobilität und -sofern es denn keine kleine, lahme Öko-Gurke ist- auch Spaß. Und das ist gut.
hansulrich47 29.03.2017
3. Ruhig bleiben!
Vor der Bundestagswahl im September traut sich kein Politiker am status quo zu rühren. Danach werden die Dämme mit Hilfe der Gerichte wohl brechen.
bollocks1 29.03.2017
4. Es muss doch was zu finden sein...
Und wie sieht der Test über 16 Grad aus? Wurden Benziner auch getestet? Kaltstartphase? Verbrauchsvergleich?
wo_st 29.03.2017
5. Es geht auch sauberer
Wer hätte geglaubt, dass es auch saubere Dieselfahrzeuge? gibt?
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