Mobilität

Anzeige

Abgasskandal

Regierungsgutachten fordert Hardware-Nachrüstungen bei Dieselautos

Bislang haben sich Verkehrsministerium und Konzerne geweigert, Dieselautos mit einem Katalysator umrüsten zu lassen. Ausgerechnet ein Regierungsgutachter spricht sich nach SPIEGEL-Informationen nun dafür aus.

Von

DPA

Abgase (Archiv)

Samstag, 20.01.2018   10:52 Uhr

Anzeige

Millionen Dieselbesitzer fürchten ein ausstehendes Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu Fahrverboten in deutschen Innenstädten. Kommenden Monat wird es erwartet. Ihre Autos könnten an Wert verlieren, je nach Ursprungskaufpreis um einige tausend Euros. Wer will schon einen Gebrauchtwagen kaufen, mit dem man nicht zum Einkaufen oder zur Arbeit in die City fahren kann?

Laut Experten könnten Hardware-Nachrüstungen diese Fahrverbote verhindern, die auch eine Folge der Dieselaffäre sind. Doch das Verkehrsministerium lehnte diese Maßnahme ab, ebenso wie die Autoindustrie. Doch nun spricht sich ausgerechnet ein Gutachten im Auftrag der Bundesregierung für die Nachrüstung sogenannter SCR-Katalysatoren für Dieselfahrzeuge aus. Das berichtet der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

SCR-Katalysatoren seien eine "sehr effiziente Maßnahme zur Emissionsreduzierung", heißt es in der Studie, die von Georg Wachtmeister von der TU München erstellt wurde. "Deshalb wird dieses System für eine Nachrüstung vorgeschlagen", so das Gutachten.

Reduzierung giftiger Stickoxide um 90 Prozent

Die Technik ist nicht neu und wird bereits in vielen Fahrzeugen eingesetzt, die sich auf dem Markt befinden. Dieselautos benötigen dafür AdBlue, eine synthetisch hergestellte Harnstofflösung, die in einem Extratank im Fahrzeug eingefüllt wird. Durch eine thermische Reaktion wird AdBlue in Ammoniak zersetzt, das im SCR-Kat mit den Stickoxiden reagiert und diese in die harmlosen Bestandteile Wasser und Stickstoff umwandelt.

Die Nachrüstung bringe eine Reduzierung der giftigen Stickoxide um 90 Prozent. Sie kostet rund 1300 Euro. Autos mit dieser Technik könnten von Fahrverboten von Dieselfahrzeugen in deutschen Innenstädten ausgenommen werden. Wachtmeister lässt Einwände der Autohersteller nicht gelten, wonach das Reinigungssystem zu kompliziert einzubauen und im Fahrzeug kein Platz dafür sei: "Der Bauraum für eine SCR-Nachrüstung ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vorhanden." Viele Autos - vor allem die, die für den Export in die USA vorgesehen sind - verfügen bereits über den nötigen Bauraum - unter anderem klassische Dienstwagen wie der VW Passat, die Mercedes E-Klasse oder der Audi A4.

Das Bundesverkehrsministerium wie die Hersteller haben bislang nur Softwareupdates für Dieselfahrzeuge vorgesehen. Detailliert beschreibt Wachtmeister, wie das Reinigungsset entwickelt werden muss, damit es vom Kraftfahrt-Bundesamt zugelassen werden kann. "Grundsätzlich sind Rechtsinstrumentarien für eine solche Nachrüstung vorhanden", heißt es in einer Bewertung des Verkehrsministeriums, die dem SPIEGEL vorliegt. Autos, die mit dem SCR-Katalysator nachgerüstet werden, könnten einen Eintrag in den Fahrzeugschein bekommen und auf diese Weise auch bei Fahrverboten in die Innenstädte einfahren.

Autokonzerne wollen nicht für die Nachrüstung zahlen

Ungeklärt ist die Frage, wer die Umrüstung bezahlen würde. Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, SPD, sieht die Autokonzerne in der Pflicht, die ihrerseits jegliche finanzielle Verantwortung aus der Dieselaffäre von sich weisen. Sie berufen sich auf eine angebliche Gesetzeslücke, die das Abschalten der Abgasreinigung aus Motorschutzgründen erlaube.

Experten wie Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, verlangen, dass die Autokonzerne zahlen. Schließlich seien die Abschalteinrichtungen oft der Regel- und nicht der Ausnahmebetrieb gewesen, sagt er. "Bei vielen Dieselfahrzeugen ist das System zu mehr als zwei Dritteln der Zeit abgeschaltet."

Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, die bereits auf drei Dieselgipfeln Maßnahmen gegen die drohenden Fahrverbote diskutieren ließ, kündigte beim letzten Treffen Ende vergangenen Jahres an, man wolle bei der Hardware-Nachrüstung Gutachten abwarten, die in den Arbeitsgruppen des von ihr ins Leben gerufenen Nationalen Forum Diesel erstellt werden sollten.

Das Wichtigste liegt nun vor. Jetzt muss die Bundesregierung entscheiden.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH