Abgasskandal Regierungsgutachten fordert Hardware-Nachrüstungen bei Dieselautos

Bislang haben sich Verkehrsministerium und Konzerne geweigert, Dieselautos mit einem Katalysator umrüsten zu lassen. Ausgerechnet ein Regierungsgutachter spricht sich nach SPIEGEL-Informationen nun dafür aus.

Abgase (Archiv)
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Millionen Dieselbesitzer fürchten ein ausstehendes Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu Fahrverboten in deutschen Innenstädten. Kommenden Monat wird es erwartet. Ihre Autos könnten an Wert verlieren, je nach Ursprungskaufpreis um einige tausend Euros. Wer will schon einen Gebrauchtwagen kaufen, mit dem man nicht zum Einkaufen oder zur Arbeit in die City fahren kann?

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Heft 4/2018
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Laut Experten könnten Hardware-Nachrüstungen diese Fahrverbote verhindern, die auch eine Folge der Dieselaffäre sind. Doch das Verkehrsministerium lehnte diese Maßnahme ab, ebenso wie die Autoindustrie. Doch nun spricht sich ausgerechnet ein Gutachten im Auftrag der Bundesregierung für die Nachrüstung sogenannter SCR-Katalysatoren für Dieselfahrzeuge aus. Das berichtet der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

SCR-Katalysatoren seien eine "sehr effiziente Maßnahme zur Emissionsreduzierung", heißt es in der Studie, die von Georg Wachtmeister von der TU München erstellt wurde. "Deshalb wird dieses System für eine Nachrüstung vorgeschlagen", so das Gutachten.

Reduzierung giftiger Stickoxide um 90 Prozent

Die Technik ist nicht neu und wird bereits in vielen Fahrzeugen eingesetzt, die sich auf dem Markt befinden. Dieselautos benötigen dafür AdBlue, eine synthetisch hergestellte Harnstofflösung, die in einem Extratank im Fahrzeug eingefüllt wird. Durch eine thermische Reaktion wird AdBlue in Ammoniak zersetzt, das im SCR-Kat mit den Stickoxiden reagiert und diese in die harmlosen Bestandteile Wasser und Stickstoff umwandelt.

Die Nachrüstung bringe eine Reduzierung der giftigen Stickoxide um 90 Prozent. Sie kostet rund 1300 Euro. Autos mit dieser Technik könnten von Fahrverboten von Dieselfahrzeugen in deutschen Innenstädten ausgenommen werden. Wachtmeister lässt Einwände der Autohersteller nicht gelten, wonach das Reinigungssystem zu kompliziert einzubauen und im Fahrzeug kein Platz dafür sei: "Der Bauraum für eine SCR-Nachrüstung ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vorhanden." Viele Autos - vor allem die, die für den Export in die USA vorgesehen sind - verfügen bereits über den nötigen Bauraum - unter anderem klassische Dienstwagen wie der VW Passat, die Mercedes E-Klasse oder der Audi A4.

Das Bundesverkehrsministerium wie die Hersteller haben bislang nur Softwareupdates für Dieselfahrzeuge vorgesehen. Detailliert beschreibt Wachtmeister, wie das Reinigungsset entwickelt werden muss, damit es vom Kraftfahrt-Bundesamt zugelassen werden kann. "Grundsätzlich sind Rechtsinstrumentarien für eine solche Nachrüstung vorhanden", heißt es in einer Bewertung des Verkehrsministeriums, die dem SPIEGEL vorliegt. Autos, die mit dem SCR-Katalysator nachgerüstet werden, könnten einen Eintrag in den Fahrzeugschein bekommen und auf diese Weise auch bei Fahrverboten in die Innenstädte einfahren.

Autokonzerne wollen nicht für die Nachrüstung zahlen

Ungeklärt ist die Frage, wer die Umrüstung bezahlen würde. Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, SPD, sieht die Autokonzerne in der Pflicht, die ihrerseits jegliche finanzielle Verantwortung aus der Dieselaffäre von sich weisen. Sie berufen sich auf eine angebliche Gesetzeslücke, die das Abschalten der Abgasreinigung aus Motorschutzgründen erlaube.

Experten wie Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, verlangen, dass die Autokonzerne zahlen. Schließlich seien die Abschalteinrichtungen oft der Regel- und nicht der Ausnahmebetrieb gewesen, sagt er. "Bei vielen Dieselfahrzeugen ist das System zu mehr als zwei Dritteln der Zeit abgeschaltet."

Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, die bereits auf drei Dieselgipfeln Maßnahmen gegen die drohenden Fahrverbote diskutieren ließ, kündigte beim letzten Treffen Ende vergangenen Jahres an, man wolle bei der Hardware-Nachrüstung Gutachten abwarten, die in den Arbeitsgruppen des von ihr ins Leben gerufenen Nationalen Forum Diesel erstellt werden sollten.

Das Wichtigste liegt nun vor. Jetzt muss die Bundesregierung entscheiden.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
interessierter10 20.01.2018
1. Da sollte man doch vernünftig bleiben...
Die Autokonzerne haben zwar betrogen und fahren Rekordgewinne ein, aber man kann doch von Betrügern nicht erwarten, dass sie für den Schaden aufkommen. Dann würden doch die ganzen Autobosse unseren Verkehrsminister nicht mehr lieb haben. Dabei braucht der das so. Also müssen das natürlich die Betrogenen bezahlen. So ist das nun mal in der deutschen Marktwirtschaft.
mrmink 20.01.2018
2. Lobbyisten
die Lobby der Autoindustrie wird im Kanzleramt schon dafür sorgen das die Kosten beim Autofahrer hängen bleiben. Zu dem wäre ein Fahrverbot für Diesel Fahrzeuge perfekt für die Auto Industrie. Wie bei der Abwrackprämie schonmal durchgeführt würden Millionen neue Benzin Autos benötigt und die Konzerne und Aktionäre reiben sich jetzt schon die Hände bei der Aussicht auf die Gewinne.
biggoldensun 20.01.2018
3. OK... völlig normal..
Also nochmal zum mitdenken: Autos verursachen Umweltverschmutzung. Daher ist der Ausstoß von Abgasen reguliert und durch eine Prüfung wird sichergestellt, das die Menge der Abgase gering genug ist um Umwelt- und Gesundheitsschäden zu reduzieren. Die Industrie baut Autos, die nur bei diesem Test ausreichend wenig Schadstoffe von sich geben, ansonsten aber die Umwelt und Gesundheit schädigen. Die Leute die das entschieden haben, sind immer noch da. Niemand wurde wegen Betrugs, Körperverletzung, Umweltverseuchung oder Ähnlichem angeklagt. Die Lösung soll ein Software Update sein !? Warum gab es das nicht von Vornherein?! So ganz ohne kriminellem Hintergrund? Das stinkt nach weiterem Betrug! Und diese Betrüger sind auch noch der Meinung, dass sie hemmungslos betrügen dürfen, indem sie Testergebnisse fälschen!? Also Alles völlig normal in diesem Land - Hier gibt es nichts zu sehen, bitte weitergehen...
Hans_Kammerer 20.01.2018
4. Ich begrüße eine Nachrüstung von SCR Katalysatoren
Die Nachrüstung von SCR Katalysatoren muss sein. Die Modelle der neuesten Generation mit direkt in den Motor verbauten SCR Katalysatoren wie beispielsweise bei Daimler zeigen, dass die Stickoxidemissionen dauerhaft reduziert bleiben und die Grenzwerte eingehalten werden können. Zwar ist eine Nachrüstung selbiger etwas komplizierter, 1300 oder 1600 Euro einmalig auf die Restnutzungsdauer eines Fahrzeuges sollte uns das jedoch wert sein. Eines mal vorneweg: Ich rüste lieber meinen alten Diesel nach bzw. kaufe mir einen modernen SCR Kat Diesel (vornehmlich deutscher Bauart) als dass ich mir ein Elektrofahrzeug anschaffe. Die Zukunft liegt erstmal im Diesel und dann in Wasserstoffautos die, nebenbei bemerkt, auch gleich Lösungen für Speicherung überflüssigen EEG Stroms und Langstreckentauglichkeit bieten. Hatte man früher Angst vor explodierenden Wasserstofftanks, so soll man sich auf Youtube bitte mal Bilder von explodierenden Elektroautos und Lithiumakkus ansehen. Wasserstoff ist die Zukunft, nicht Lithiumakkus in Umfang von 100 kwh aufgeladen an einer Steckdose..
c.kloss1 20.01.2018
5. Cdu/csu
Das sind die beiden Parteien die für die Abarbeiung des Skandals verantwortlich sind. Diese gehen sprichwörtlich über Leichen, um ihre guten Freude bei den Konzernen zu schützen. Aber was solls werden alle wieder gewählt und in Bayern mit absurden Anteil. Menschen lassen sich zu sehr täuschen.
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