Dieselaffäre Abgas-Tricks auch beim neuen Porsche Cayenne

Die Abgasaffäre ist vorbei? Im Gegenteil: Bei Messungen des SPIEGEL mit einem neuen Porsche Cayenne zeigte sich eine dubiose Softwarefunktion. Experten sprechen von einer illegalen Abschalteinrichtung.

Porsche Cayennes im Porsche Werk in Leipzig (Archivbild)
DPA

Porsche Cayennes im Porsche Werk in Leipzig (Archivbild)


Der Abgasskandal scheint für den Volkswagen-Konzern nicht ausgestanden zu sein. Der TÜV Nord stellte bei einem Labortest eines Porsche Cayenne im Auftrag des SPIEGEL deutlich erhöhte Stickoxidwerte fest. Einem Insider zufolge sind die Diesel-Modelle dieses Geländewagens mit einer Abschalteinrichtung ausgestattet, die dafür sorgt, dass der Geländewagen im Straßenverkehr weit mehr giftige Abgase ausstößt als zulässig.

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Heft 24/2017
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Der Insider hatte dem SPIEGEL einen Hinweis darauf gegeben, dass in der Getriebesoftware des Cayenne ein als Aufwärmmodus getarnter Mechanismus arbeitet. Dessen Zweck ist es offenbar, die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte einzuhalten. Aber nur auf dem Prüfstand: Schon bei kleinen Kurven oder einer Steigung registriert der Wagen, dass er auf der Straße ist, und wechselt in ein anderes Schaltprogramm. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

SPIEGEL-Redakteure gingen diesem Hinweis in einer aufwendigen Recherche nach - und wurden fündig. Als sie auf einem Prüfstand des TÜV Nord in Essen das Schaltprogramm aktivierten, stiegen die Emissionen deutlich. "Die bei diesem Test gemessenen Abgaswerte liegen über dem für die Typenzulassung geltenden Grenzwert", sagte der TÜV-Prüfleiter Helge Schmidt dem SPIEGEL. Damit hätte der Wagen keine Genehmigung von den Zulassungsbehörden erhalten.

Umfangreiche Fahrtests zeigten, dass das vermeintliche Aufwärmprogramm nicht bei warmem Motor ausgeschaltet wird, sondern sobald der Wagen etwa in Kurven oder am Berg bestimmte Längs- und Querbeschleunigungen registriert. Dies bewirke, dass "Porsche gegenüber seinen Kunden und den Zulassungsbehörden niedrigere Verbräuche und NOx-Emissionen angeben kann, als das Fahrzeug in der Realität hat", sagte der Professor für Motorentechnik der Hochschule Aschaffenburg, Kai Borgeest, dem SPIEGEL. "Porsche verwendet hier eine Abschalteinrichtung, die nach europäischem Recht verboten ist", erklärte Martin Führ, Verwaltungsrechtsprofessor der Hochschule Darmstadt, nachdem er die Unterlagen gesichtet hatte.

Ein Porsche-Sprecher erklärte dem SPIEGEL, der beim TÜV Nord vorgenommene Test sei "für Porsche nicht plausibel nachvollziehbar". Porsche habe "umgehend eigene Messungen an einem vergleichbaren Fahrzeug durchgeführt". Dabei seien "die gesetzlich geforderten Stickoxid-Grenzwerte in beiden Schaltprogrammen erfüllt". Der Cayenne V6 TDI, so Porsche, "beinhaltet gemäß unseren vorliegenden Informationen keine unzulässigen Abschalt- oder Umschalteinrichtungen".

Das Getriebe ist auch in anderen Modellen des VW-Konzerns verbaut, unter anderem im Audi A8, A7 und dem Q7 und Q5. Vergangene Woche gab Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt bekannt, dass man eine illegale Abschalteinrichtung in Audi A8- und A7-Dieselfahrzeugen gefunden habe, die nach der Abgasnorm Euro 5 zugelassen seien. 24.000 Fahrzeuge seien mit dieser Abschalteinrichtung ausgestattet. Audi behauptete daraufhin, es handele sich um einen technischen Fehler und versprach eine Umrüstaktion für die betroffenen Modelle. Der Audi-Konzern blieb auch bei dieser Aussage, nachdem er vom SPIEGEL über die Ergebnisse am Porsche Cayenne informiert worden war. Nun wird Dobrindt nichts anderes übrig bleiben, als weitere Überprüfungen in dem Luxusklasse-Segment des VW-Konzerns vorzunehmen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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fdo, haw, gt

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Seite 1
b.eindorf 09.06.2017
1. Schönen Dank ...
... für den aufwändigen Test. Verwette allerdings meinen Hut, dass Herr Dobrindt nichts - gar nichts - unternehmen wird. Auch nicht, wenn man ihm die Abschalteinrichtung mitten auf den Schreibtisch legt. Dieser Minister ist eben so.
frankfranic 09.06.2017
2. Spitze des Eisbergs
Ich prognostiziere mal, dass jetzt immer mehr Dieselfahrzeuge von unterschiedlichsten Herstellern auffliegen werden....
M. Vikings 09.06.2017
3. Alle deutschen Dieselhersteller benutzen Abschaltvorrichtungen.
Auf Ministerweisung vom KBA genehmigt, da so etwas aber nur in Ausnahmefällen genehmuigt werden darf, ist eine derart durchgängige Praxis illegal. Dobrindt macht das, um die deutsche Autoindustrie vor dem Ruin zu schützen. Selbst das VW-Software-Update übertrifft, trotz erneuter Abschaltvorrichtung, die erlaubten Werte um ein Mehrfaches. Das Ganze ist längst eine Staatsaffäre. https://presseportal.zdf.de/pressemitteilung/mitteilung/geheimakte-vw-zdfzoom-ueber-hintergruende-der-abgasaffaere/
Tolotos 09.06.2017
4. Die Frage ist: Was gilt mehr:
Das europäische Recht, oder die Komplizenschaft zur deutschen Politik. Mich würde es inzwischen nicht mehr wundern, wenn die deutsche Politik zur Not die deutschen Steuerzahler haften lässt!
paula_f 09.06.2017
5. Fehlentscheidung in den 90 ern
Diesel laufen nur sauber mit Harnstoff und mit einem großen Anteil Abgas in der Ansaugluft zur Vermeidung von Stickoxyden welche bei Sauerstoffüberschuss extrem verstärkt auftreten. Hohe Raten von Abgas im Ansaugweg (AGR Abgasrückführung) führen zu Diesel und Abgasschwaden und zu einer Verkokung im Ansaugsystem insbesondere bei Kurzstrecken. Versaut hat es Schremp und Piech als sie die damalige gemeinsame Batterieentwicklung gestoppt haben. Damals war man führend - und zusammen mit einer Hybridlösung dem Diesel haushoch überlegen. Noch heute leiden die Benziner heute daran, dass das Geld in die Diesel geflossen ist. Gegen einen Toyota Hybrid mit Atkinson Zyklus und Partikelfilter fällt alles andere mit Verbrennungsmotor weit ab. In China wurden mehr als 350 Millionen Elektroroller verkauft für durchschnittlich 380 US Dollar. Die Frage mit den deutschen Autos erledigt sich bald von selbst - denn was hätten sie einem 5000,-- oder 15.000,-- € Elektroauto entgegenzusetzen. Es ist also ein Bärendienst für die deutsche Wirtschaft wenn die Politik sich den Lobbyisten hingiebt. Diese Lobbyisten werden gesteuert durch Manager deren Ziel die nächsten Quartalszahlen und der nächste Boni ist.
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