Abgasskandal Bundesregierung geht bei BMW von systematischer Manipulation aus

BMW steht im Verdacht, die Abgasreinigung von Fahrzeugen manipuliert zu haben - und verweist auf eine irrtümlich aufgespielte Software. Das glaubt selbst die lange Zeit loyale Bundesregierung nicht mehr.

Das BMW-Logo spiegelt sich in der Fassade der BMW Welt in München
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Das BMW-Logo spiegelt sich in der Fassade der BMW Welt in München

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Die Ausrede des BMW-Konzerns am Freitagabend vergangener Woche war bemerkenswert: Man habe "irrtümlicherweise" eine falsche Software auf gleich zwei Modelle im Luxussegment aufgespielt, den 7er und den 5er. Fachleute ließ das Dementi der Bayern aufhorchen: Wenn die Presseleute in ihrer Mitteilung recht haben, würde es gravierende Mängel in der Qualitätsüberwachung des Konzerns geben - die auf Seiten der Behörden zu drastischen Sanktionen führen müssten.

Viele dieser Modelle kosten weit mehr als 100.000 Euro; BMW-Kunden dürfte der Fehler gar nicht erfreut haben. 11.700 Wagen hat der Autobauer aus München ausgeliefert, die deutlich schlechtere Stickoxid-Grenzwerte haben als erlaubt. Und niemandem in München soll das aufgefallen sein? Obwohl die Vorschriften jeden Autokonzern dazu verpflichten, in eigenen Produktionskontrollen zwei Prozent aller ausgelieferten Fahrzeuge nachzumessen, in diesem Fall also über 200 Autos?

Die Legende, die BMW nach Veröffentlichungen im SPIEGEL eilends verbreitete, dürfte sich als Schutzbehauptung herausstellen, eine Verteidigung, die sich möglicherweise als folgenschwerer Fehler herausstellen könnte. Der Kotau soll offensichtlich davon ablenken, dass BMW viel größere Probleme hat: Neben einem Umweltproblem auch ein großes Glaubwürdigkeitsproblem, das insbesondere den Vorstandsvorsitzenden Harald Krüger in arge Bedrängnis bringen dürfte.

Der hatte stets behauptet, BMW würde "saubere" Diesel verkaufen, eine Aussage, die ihm die Wut seiner Vorstandskollegen bei VW und Mercedes eingebracht hatte. Die finden es nämlich gar nicht spaßig, dass der Konkurrent sich nunmehr über zwei Jahre seit Bekanntwerden des Dieselskandals auf ihre Kosten zu profilieren versucht.

Die schützende Hand aus Berlin ist weg

Auch die Stimmung in der Bundesregierung gegenüber BMW hat sich nach dem Eingeständnis arg eingetrübt. Die Verantwortlichen hatten den vermeintlichen Saubermännern aus Bayern geglaubt und eine schützende Hand über den Konzern gehalten. Selbst dann noch, als die Deutsche Umwelthilfe (DUH) äußerst bedenkliche Messwerte an einem BMW 320 vorgestellt hatte, die ein Indiz für Abschalteinrichtungen im Abgassystem des Fahrzeugs sind. Was die Glaubwürdigkeit von BMW in Berlin ins Wanken bringt, sind die Umstände, wie die Abgasmanipulationen aufgeflogen sind. Im Bundesverkehrsministerium geht man dem Verdacht nach, dass BMW ein ausgeklügeltes System betreibt, das den Konzern davor warnt, wenn seine eigenen Fahrzeuge von den Behörden geprüft werden sollen.

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) besorgt sich die Wagen über BMW-Händler, die ganz offensichtlich von dem Konzern angewiesen sind, dies sofort nach München zu melden. Auch bei dem 7er-BMW, der vor wenigen Wochen bei einem Händler zur Kontrollmessung angefragt worden war, geschah dies. Die Folge war hektische Betriebsamkeit in der Konzernzentrale aus München.

Nach Informationen des SPIEGEL, denen BMW heftig widerspricht, soll der Versuch unternommen worden sein, den Wagen vor den Prüfungen der Flensburger Zulassungsbehörden einem "Service" durch BMW zu unterziehen. Der Verdacht im Ministerium: Dabei wären die Software überspielt und die Manipulationen vertuscht worden. "Es spricht einiges dafür, dass hier ein Täuschungsversuch des Konzerns vorliegt", heißt es aus der Bundesregierung. Ein ungeheuerlicher Verdacht, der nun mit einer genauen Untersuchung von Software-Ständen und auch dem internen Qualitätswesen bei BMW nachgegangen werden soll.

Leugnen, Einlenken, Ablenken

Brisant ist dieses harte Vorgehen der Behörden vor allem, weil BMW in der Vergangenheit schon mehrmals in Verdacht geraten war, ähnliche Abgasmanipulationen begangen zu haben, wie sie bei der Konkurrenz nachgewiesen worden sind - nur dass die Bayern trickreich die Prüfer davon überzeugt haben, an ihren Wagen sei alles in Ordnung. Möglicherweise allerdings genau mit den Methoden, wie sie das KBA und das Verkehrsministerium nun nachzuweisen versuchen.

Das Misstrauen auf staatlicher Seite ist noch größer geworden, weil BMW in seiner Stellungnahme vom Freitag behauptet, man habe die Behörden selber auf die falsche Software hingewiesen. Das ist zwar insofern nicht gelogen, weil das KBA die Ingenieure nach deren seltsamem Verhalten bei der Beschaffung des 7er-Modells einbestellt hatte und die BMW-Leute dabei die Unregelmäßigkeiten eingeräumt haben.

Doch warum ist BMW erst vergangene Woche auf die Behörden zugegangen, als diese BMW bereits einbestellt hatten?

Das 7er-Modell, um das es hier geht, war nämlich schon im vergangenen Frühjahr durch Messungen der DUH aufgefallen. Das hochgezüchtete Sechszylinder-Aggregat des 7ers, der auch bei Ministerien im ganzen Land als Dienstfahrzeug sehr beliebt war, hatte dabei mit 646 Milligramm Stickoxid pro Kilometer das Achtfache der zulässigen Menge ausgestoßen. Damals leugnete BMW, dass am Abgassystem Manipulationen vorgenommen worden waren. Und nicht nur das.

Kunde prüft selbst - und wird fündig

Nach Informationen des SPIEGEL hatte sich bereits im Oktober 2015 ein Käufer des 750d xDrive an den Kundenservice gewandt. Der Mann ist Experte, er betreibt in Franken ein Unternehmen für Katalysatoren. Er besitzt auch ein entsprechendes Messgerät, das er in den Auspuff seines 150.000 Euro teuren BMW gehängt und immer wieder dramatische Werte festgestellt hatte.

Der Unternehmer stellte eine ganze Reihe von Messwerten dem Konzern zur Verfügung, die im Fahrbetrieb Auffälligkeiten zeigten. BMW ließ seine Beschwerde kühl abperlen. Das Fahrzeug, so schrieb ihm ein Kundenbetreuer, sei "typgeprüft und erfüllt daher die Vorgaben voll umfänglich". Doch der Mann blieb hartnäckig, bis ihm schließlich ein Mitarbeiter von BMW zuraunte, er solle "nicht in der Technik herumschnüffeln". Da platzte dem BMW-Fahrer der Kragen.

Im Herbst 2016 verklagte er seinen Händler. BMW blieb im Laufe des Verfahrens, das immer noch vor einem Gericht in Bamberg anhängig ist, im Bilde. Die Erwiderung von BMW war stets die gleiche: An dem Wagen des Kunden sei alles in Ordnung. Dabei bleibt der Konzern auch heute noch: "Die BMW Group beauftragte den TÜV Süd, die Konformität des betreffenden Fahrzeugtyps zu begutachten. Mit dem Schreiben vom 02.12.2016 bestätigte der TÜV SÜD die Konformität des Fahrzeugs. Zu weiteren Messungen gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Anlass", so ein Sprecher auf Anfrage des SPIEGEL.

Die staatlichen Kontrolleure wollen bei BMW nun jeden Stein umdrehen. Der Verdacht der Beamten, womöglich jahrelang von dem Konzern an der Nase herumgeführt worden zu sein, nagt. "Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem betreffenden 7er-Modell um eine Abschalteinrichtung handelt", sagte einer von ihnen dem SPIEGEL.

BMW widerspricht dem weiterhin: BMW habe "alle Tests ordnungsgemäß durchgeführt. Im Rahmen dieser Tests ist der Fehler nicht identifizierbar", sagte ein Sprecher zum SPIEGEL.



insgesamt 176 Beiträge
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investor3000 26.02.2018
1. Dobrintismus
Wenn ein "willkürlich" durch unsere Behörden ausgewähltes Auto vorher nochmal ein Software-Update bekommen darf, dann agieren die Behörden mafiös, was leider durch unser Verkehrsministerium gedeckt zu sein scheint:(
michi_meissner 26.02.2018
2. Richtig hart rannehmen!
Unglaublich dreist, wie man mit diesem Premiumkunden umgesprungen ist. Man kann nur hoffen, dass das BVM die Bayern nun mal richtig hart ran nimmt. Warum werden die Test 7er über Händler gekauft, warum kauft das BVM die Autos nicht selbst über mobile.de? War nicht neulich etwas von 12 Milliarden Euro Strafe auch in Deutschland in einem Rechtsgutachten zu lesen?
gandhiforever 26.02.2018
3. Irrtuemlich?
Es ist erstaunlich, zu was fuer Irrtuemern die Betrueger greifen. Dabei haetten die es doch gar nicht noetig, denn die deutsche Regierung ist doch einverstanden, schliesslich geht es um deutsche Arbeitplaetze.
hauabb 26.02.2018
4. Es wird Zeit
Endlich Klartext zu reden: das ist BETRUG! (Genau wie bei VW u. A.) und nicht Manipulation etc.
ambulans 26.02.2018
5. na,
da kommt ja jetzt endlich mal ein bisschen bewegung in diese debatte - und meine heißesten tipps für die nächsten kandidaten lauten: mercedes mit z.b. dem 2,2 l/4 zyl.-diesel, die kleinen diesel von renault (auch bei nissan, dacia? & co.), natürlich opel (vielleicht auch peugeot?) und ford, fiat (auf jeden fall - also auch chrysler, jeep, und, hoffentlich, nicht alfa romeo), und und und ...
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