Manipulationsverdacht bei VW-Software Weit mehr als "Auffälligkeiten"?

Per Softwareupdate sollten Millionen VW-Diesel sauber werden. Im Dezember wurden Vorwürfe laut, auch dieses Programm enthalte Abschalteinrichtungen. Dieser Verdacht erhärtet sich jetzt.

VW-Fahrzeuge in Wolfsburg
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VW-Fahrzeuge in Wolfsburg

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Volkswagen sieht sich dem Vorwurf einer neuerlichen Manipulation an Zehntausenden Dieselfahrzeugen ausgesetzt. Es geht ausgerechnet um jene Fahrzeuge, bei denen mit einem Softwareupdate so genannte Abschalteinrichtungen beseitigt worden waren, die für die Reduzierung der Abgasreinigung in den Wagen sorgten. VW hatte die Existenz solcher Abschalteinrichtungen eingeräumt und damit den Abgasskandal ausgelöst.

Nun wurde eine solche Funktion nach Informationen des SPIEGEL und des BR auch in diesen überarbeiteten Diesel-Pkw gefunden.

Dabei soll es sich um einen Softwarebefehl handeln, der dafür sorgt, dass die Abgasreinigung sich nach 1120 Sekunden anders verhält - genau jene Zeit, die ein gewöhnlicher Abgastest dauert. "Der Konzern hat diese Abschalteinrichtung den Behörden gegenüber nicht offengelegt", heißt es aus Behördenkreisen. Allein das sei schon ein Verstoß gegen die Zulassungsbestimmungen. Betroffen sollen davon zunächst rund 30.000 Diesel-Autos mit 1.2-Liter-Motoren sein, die die Schadstoffklasse Euro 5 erfüllen.

Auffälligkeiten beim Skandalmotor EA189

Schon Ende Dezember waren diese "Auffälligkeiten" bekannt geworden. Zuerst hatte die "Bild am Sonntag" darüber berichtet. Zwischenzeitlich liegen die Details vor, und die Behördenseite ist überzeugt, dass es weit mehr als "Auffälligkeiten" sind.

VW erklärte dazu gegenüber dem SPIEGEL, "bei den regelmäßigen internen Qualitätskontrollen für Dieselfahrzeuge mit 1,2l-Motoren des Typs EA189 sind Auffälligkeiten verzeichnet worden, die nun weiter analysiert werden müssen."

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) soll VW-Chef Herbert Diess mit den Vorwürfen konfrontiert haben. Die Drohung des Ministeriums stand im Raum, die Fahrzeuge unverzüglich stilllegen zu lassen. VW soll widersprochen haben: Die von den Behörden beanstandete Funktion sei legal und diene dem Motorschutz. Auf SPIEGEL-Anfrage gibt sich das Ministerium wortkarg: "Die Vorwürfe sind bekannt. Das Kraftfahrzeugbundesamt geht diesen Vorwürfen nach", so erklärte ein Sprecher. Die Prüfung dieser Vorwürfe sei noch nicht abgeschlossen.

Angespanntes Verhältnis zwischen Verkehrsministerium und Volkswagen

Das Verhältnis von Scheuer und Diess gilt als extrem angespannt. Der CSU-Politiker ist verärgert darüber, dass Volkswagen die geplante Umrüstung von alten Dieselfahrzeugen mit Stickoxid-Katalysatoren torpediert, ausgerechnet in dem Moment, wo der Minister die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen geschaffen hat.

Hinzukommt, dass die sogenannte Umtauschaktion alter gegen neuer VW-Diesel nur schleppend läuft. So zumindest ist es aus dem Ministerium zu vernehmen. Dabei hängt von dem Erfolg dieser Programme ab, ob Scheuer den Zorn der Dieselfahrer wegen Fahrverboten in Dutzenden deutschen Städte noch abwenden kann.

Anfang dieser Woche kam es zwischen Scheuer und Diess, der in China weilte, zu einer Aussprache am Telefon. Ein heikles Telefonat, in dem sowohl der neuerliche Manipulationsverdacht als auch die Umtauschprogramme und die Dieselnachrüstung Thema waren. Dabei soll Scheuer dem Konzernchef nach Informationen des SPIEGEL eine gewichtige Zusage abgerungen haben. Die Konditionen des Prämienprogramms für den Umtausch alter Dieselfahrzeuge gegen neue, die bislang nur in den von Fahrverboten bedrohten Städten gelten, sollen auf die ganze Republik ausgeweitet werden.

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Außerdem soll Diess dem Minister versprochen haben, in den sogenannten Intensivstädten mit schlechter Luft den Kunden die freie Wahl zu geben, ihren Wagen einzutauschen oder ein Nachrüstsystem zu installieren. Sobald geeignete Anlagen von Fremdherstellern entwickelt und zugelassen sind, wolle der Konzern dafür bezahlen, bis zu 3000 Euro.

Stilllegung der betroffenen Fahrzeuge droht wohl nicht

Bereits im Herbst 2018 hatte Scheuer den drei deutschen Autokonzernen bei einem Spitzentreffen eine grundsätzliche Bereitschaft zum Zahlen dieser Nachrüstaktion abgetrotzt. Jetzt sind die Modalitäten mit VW besprochen.

Offiziell kommentieren will dies keine der beiden Seiten. "Zu etwaigen vertraulichen Gesprächen zwischen Herrn Diess und anderen Personen sowie deren Inhalt äußern wir uns grundsätzlich nicht", so Volkswagen auf Anfrage. "Angekommen ist der Wunsch des Ministers, dass die Hersteller bei den Prämien drauflegen und sie attraktiver machen", sagt allerdings ein hochrangiger VW-Manager, der nicht namentlich genannt werden will.

Das Entgegenkommen von Diess ist wohl vor allem ein Kuhhandel. Die Stilllegung der von der neuerlichen Manipulation betroffenen Fahrzeuge sei vom Tisch, heißt es aus Behördenkreisen. Es werde stattdessen einen amtlichen Rückruf mit Sofortvollzug geben. Das wäre für VW weitaus glimpflicher.

insgesamt 125 Beiträge
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dirkcoe 11.01.2019
1. Machen wir uns nichts vor
Die Grundkonstruktion der Motoren ist Jahrzehnte alt - als er konstruiert würde, hat sich noch niemand für das Abgas interessiert. Natürlich ist dieses Alteisen mit ein Bisschen Software nicht sauber zu kriegen - diese Motoren sind gar nicht sauber zu kriegen, sie sind dafür schlicht nicht konstruiert. Die einzig saubere Lösung wurde in den USA gewählt - schreddern und verschrotten.
Susi64 11.01.2019
2. Echt jetzt?
Können sie es nicht ober wollen sie es nicht? Wenn VW so weiter macht, dann schliesse ich auch eine Pleite nicht mehr aus. Wer so stümperhaft vorgeht, der hat ein früher mal sehr gutes Produkt, auf das Millionen Menschen vertraut haben einfach gegen die Wand gefahren.
gerosr 11.01.2019
3. Wieder VW!
Sollte man nicht endlich mal Herrn Diess und den gesamten Vorstand einfach in U-Haft nehmeen, bis alle Motoren dieser Reihe umgerüstet sind?! Ein Bitten und Betteln von Minister Scheuer reicht jawohl nicht! Und Frau Merkel hält sich ganz still. Bestimmt SIE noch die Richtlinien der (Auto-)Politik oder bereitet sie sich nur noch auf Ihren RÜckzug aus dem Kanzleramt vor? Wie Kohl sitzt sie den Diesel-Betrug aus und verschwindet nach "Europa"!!!
dirkcoe 11.01.2019
4. Wer will den einen VW umtauschen?
Betroffene Dieselfahrer bekommen vom VW Konzern für ihren alten illegalen Schrott doch nur wieder neuen illegalen Schrott. Glaubt der Clown Scheuer wirklich damit die Welt zu retten? Der Mann ist noch wesentlich dümmer, als ich befürchtet habe.
ehrgeizbefreit 11.01.2019
5. Drohen hilft nichts ....
Fahrzeuge stillegen, nicht mehr zu lassen. Betrug auf ganzer Linie... Die Wiederholungstäter werden hoffentlich richtig zur Kasse gebeten.
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