Vorwürfe gegen Hersteller Das Autokartell - Keimzelle des Dieselskandals

Bei den Kartellabsprachen der deutschen Autohersteller wurde offenbar auch der Grundstein für den Dieselskandal gelegt. Um welche technischen Details geht es dabei? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Auspuff (Symbolbild)
DPA

Auspuff (Symbolbild)

Von


Was genau haben die Hersteller Problematisches vereinbart?

Wie aus der Akte, die dem SPIEGEL vorliegt, hervorgeht, haben sich die deutschen Autohersteller in etlichen Arbeitskreisen zu allen möglichen Aspekten ihrer Produktion eng abgestimmt - auch über die Größe der AdBlue-Tanks, die in ihren Fahrzeugen verbaut werden sollten. Damit hatten sie sich in eine technische Zwickmühle manövriert, die später zum Problem werden sollte.

Welche Funktion hat der AdBlue-Tank?

Modernere Dieselfahrzeuge vollziehen die Abgasreinigung mit sogenannten SCR-Systemen (Selective-Catalytic-Reduction-Systeme). Dabei wird in den Auspuff eine wässrige Harnstofflösung eingespritzt. Mithilfe des darin enthaltenen Ammoniaks werden dann im SCR-Katalysator die gefährlichen Stickoxide im Dieselabgas in ungefährliches Wasser und Stickstoff umgewandelt. Weil Harnstoff kein besonders attraktiver Name ist, wurde die reinigende Lösung "AdBlue" genannt, die in die sogenannten AdBlue-Tanks eingefüllt wird.

Harnstoff-Einspritzung (AdBlue) in den Abgasstrang eines Dieselfahrzeugs (Schaubild)
SPIEGEL ONLINE

Harnstoff-Einspritzung (AdBlue) in den Abgasstrang eines Dieselfahrzeugs (Schaubild)

Warum sind kleine AdBlue-Tanks problematisch?

Wie stark die Stickoxide im Abgas reduziert werden, hängt direkt von der Menge der eingespritzten AdBlue-Lösung ab. Eine intensive Einspritzung ergibt eine gute Reinigung, wird zu wenig eingespritzt, nimmt der Stickoxidanteil im Abgas wieder zu. Um die aktuell geltende Schadstoffnorm Euro 6 zu erreichen und die Stickoxide auf 80 Milligramm pro Kilometer zu senken, müssen im Schnitt fünf Prozent des Treibstoffverbrauchs an AdBlue beigemischt werden, je nach Fahrweise kann es auch etwas mehr oder etwas weniger sein. Aus der Größe des AdBlue-Tank ergibt sich also automatisch die Reichweite, die das Auto mit sauberen Abgasen erreicht: Bei einem Realverbrauch von sieben Litern auf hundert Kilometer wäre ein Achtliter-AdBlue-Tank also nach rund 2300 Kilometern leer.

Das hieße also, dass die Kunden bei rund jedem vierten regulären Tankvorgang auch den AdBlue-Tank hätten nachfüllen müssen. Ein bislang eher unkomfortabler Vorgang: Langsam halten an Tankstellen auch AdBlue-Zapfsäulen Einzug, vor allem für LKW. Aber bis dato musste man die AdBlue-Lösung noch in Kanistern kaufen und umständlich einfüllen. Dies wollten die Hersteller ihren Kunden offenbar ersparen und wählten einen anderen Weg.

Der Weg aus der Zwickmühle: Abgasreinigung abschalten?

Um den Harnstoffverbrauch zu senken und häufiges AdBlue-Nachtanken zu vermeiden, entschieden sich etliche Hersteller dazu, die Abgasreinigung im Realbetrieb deutlich einzuschränken. Die Fahrzeuge erfüllten bei den Labortests alle Anforderungen, lagen aber im Betrieb auf der Straße deutlich über den gesetzlichen Grenzwerten. Die bei VW von den US-Behörden gefundene sogenannte Abschalteinrichtung löste den Dieselskandal aus. Etliche andere Hersteller regelten ihre Abgasreinigung aber ebenfalls im Realbetrieb herunter und begründeten dies mit dem Motorschutz - ihre Systeme funktionierten nur in den sogenannten Thermofenstern, die manche Hersteller extrem eng definierten: So schalteten zum Beispiel mache Hersteller die Abgasreinigung schon bei Temperaturen von 20 Grad Celsius aus. Das Ergebnis: Im Straßenbetrieb stießen die Fahrzeuge mit abgeschalteter AdBlue-Einspritzung bei Tests zehnmal mehr Stickoxid aus als erlaubt. Dies führte in einigen Städten zu so hohen Stickoxid-Belastungen, dass dort nun Fahrverbote für Diesel drohen.

Warum bauten die Hersteller nicht einfach größere Tanks ein?

Es gab über diesen Punkt, wie aus den Akten hervorgeht, offenbar hitzige Diskussionen. Vor allem war es wichtig, Einheitlichkeit herzustellen. Wäre ein Hersteller ausgeschert und hätte einen deutlich größeren Tank verbaut, hätte das wohl Fragen bei den Abgasprüfbehörden aufgeworfen. Am Ende gingen, so steht es in den Akten, die Vertriebsleute in den herstellerübergreifenden Arbeitskreisen als Sieger aus den Debatten hervor. Den Platz, den man durch kleinere Tanks einspare, könne man für den Verbau teurer Stereoanlagen nutzen. Außerdem seien kleine Tanks günstiger, etwa achtzig Euro pro Fahrzeug. Angesichts des nun seit zwei Jahren über die ganze Branche hereinbrechenden Skandals und drohender Milliardenzahlungen eine Rechnung mit eklatantem Schönheitsfehler.



insgesamt 143 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cpvk 24.07.2017
1. Durchaus glaubhaft.
Originalzitat BMW, für mich durchaus glaubhaft. Die bei BMW eingesetzte Technologie unterscheidet sich deutlich von anderen im Markt. Wir suchen auch in der Abgasreinigung den Wettbewerb: Im Gegensatz zu anderen Herstellern kommt in Diesel-Fahrzeugen der BMW Group eine Kombination von mehreren Komponenten zur Abgasreinigung zum Einsatz. Soweit die Abgasreinigung durch Harnstoffeinspritzung mit AdBlue (SCR) erfolgt, ist in diesen Fahrzeugen zusätzlich ein NOx-Speicher-Katalysator verbaut. Dadurch werden alle gesetzlichen Emissionsanforderungen erfüllt und ein sehr gutes Realemissionsverhalten erreicht. Deshalb erübrigt sich für die Euro 6 Diesel-Pkw der BMW Group ein Rückruf oder eine Nachrüstung. Zudem führt die Kombination beider Systeme in Verbindung mit der Abgasrückführung zu einem im Wettbewerbsvergleich sehr niedrigen AdBlue-Verbrauch, da eine geringere Einspritzung notwendig ist. Das ermöglicht eine optimierte Behältergröße und gleichzeitig im Wettbewerbsvergleich sehr niedrige Emissionen im Realbetrieb. Ferner weisen die BMW Group Diesel-Fahrzeuge eine einfache Nachfülllösung je nach Modell über die Tankklappe oder die Motorhaube auf. BMW Group Kunden werden rechtzeitig und mehrfach auf einen niedrigen AdBlue-Füllstand hingewiesen. Wird dies ignoriert, wird eine Inbetriebnahme des Fahrzeuges verhindert.
Knackeule 24.07.2017
2. Danke SPON
Wieder einmal ist es SPON, der einen Skandal detailliert aufdeckt, über den man sonst nie etwas erfahren hätte. Jeder informierte Leser kann sich selbst einen Reim darauf machen und frei entscheiden, ob er solche Firmen durch den weiteren Kauf ihrer Produkte noch unterstützen will. Die für Autos zuständige deutsche Spitzenbehörde, das Bundesverkehrsministerium, sollte aus Kostengründen ersatzlos aufgelöst werden. Es ist offensichtlich überflüssig, dieses Ministerium braucht kein Mensch !
dirk1962 24.07.2017
3. Da kommt die Politik ins Spiel
Das Thema Abgasreinigung ist sicher das brisanteste, weil genau hier kommt die Politik ins Spiel. Nachdem 2015 der VW Skandal öffentlich wurde, haben Merkel und Dobrindt ihre schützende Hand über den Konzern behalten. Da es aber zu Lasten der Gesundheit der Bürger ging haben Beide ihren Amtseid gebrochen und sich strafbar gemacht.
roflxd 24.07.2017
4. Geht in Amiland alles mit rechten Dingen zu?
Die wichtigste Frage ist doch: Wer überprüft eigentlich die Amis und ihre Autobauer?
mortimer2 24.07.2017
5. Lügen und Betrügen...
Nach gegenwärtigem Stand der Informationen haben die Autohersteller jahrelang gelogen und betrogen. Unser Recht kennt dafür den Schluß: Betrug ist strafbewährt. Daraus folgt: Verbrecher. Im Ergebnis: Knast. Ich fahre seit Jahren Mercedes (Benzin). Das war es dann. Kein deutsches Auto mehr!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.