Abgewürgt Wir überdachen Schleswig-Holstein

Mieses Wetter, schlechte Wege, aggressive Autofahrer: Wer nicht mit dem Drahtesel fahren will, findet dafür reichlich Ausreden. Doch bald wird alles besser: Der Präsident des Verkehrsgerichtstags hat genialische Gedanken formuliert, die Deutschland zu Radl-Republik machen könnten.

Von


Radfahrer haben in Deutschland ein hartes Leben. Vor allem in meiner Heimatstadt Hamburg ist es schlimm: Auf der Straße läuft man Gefahr, von Müttern in großen Geländewagen planiert zu werden. Auf dem Bürgersteig drangsalieren einen ältere Frauen mit schweren Handtaschen. Den Radweg zu benutzen ist keine Option. Denn die sind hier praktisch unbekannt.

Außerdem regnet es ständig. Süddeutsche Radfahrer haben stramme Waden und einen mediterranen Teint. Hamburger Radfahrer haben Schnupfen. Insofern ist es kein Wunder, dass alle mit dem Auto zur Arbeit fahren.

Kein Herz für Drahtesel: Autos sind eine Gefahr für Radfahrer (hier eine Werbung der Stadt New York). Eine anderes Ärgernis ist Regen, weswegen findige Experten auf eine Überdachung der Innenstädte setzen
AP

Kein Herz für Drahtesel: Autos sind eine Gefahr für Radfahrer (hier eine Werbung der Stadt New York). Eine anderes Ärgernis ist Regen, weswegen findige Experten auf eine Überdachung der Innenstädte setzen

Doch demnächst wird Deutschland vielleicht zum Radler-Nirwana, und das liegt an Prof. Dr. jur. (em.) Friedrich Dencker. Der ist Präsident des ehrwürdigen Verkehrsgerichtstags, welcher derzeit in der Goslarer Kaiserpfalz sein jährliches Pow-Wow abhält. Dencker ist bekennender Fahrradfan und würde gerne dafür sorgen, dass die Menschen ihr Auto in der Garage stehen lassen.

Der Regen muss weg

Dieser hehren Vision eingedenk hat er ein bisschen gegrübelt und seine "kühnste einschlägige Fantasie" spielen lassen. Dabei sind nachgerade genialische Ideen herausgekommen. Denckers erster Vorschlag lautet, Arbeitgeber zum Bereitstellen von Räumen zum Trocknen nasser Regenkleidung zu animieren.

Das zeugt von immenser Kenntnis der Materie. Wenn es das nächste mal in Hamburg Hunde und Katzenhaie regnet, kann ich dank Dencker fürderhin unbesorgt ins Büro radeln - und meine nasse Hose, mein triefendes Hemd, das wässrige Jacket und die süppelnden Socken einfach in den SPIEGEL-ONLINE-Trockenraum hängen. Problem erkannt, Problem gebannt.

Damit wäre bereits viel erreicht - doch Dencker denkt noch viel weiter. Der Trockenraum ist nur eine Zwischenlösung für seinen eigentlichen Plan: Die "Überdachung der Hauptfahrradwege in die Innenstadt".

Man stelle sich das vor: Ob von Altona bis in die Speicherstadt oder von Haidhausen bis zum Marienplatz - fortan radeln wir geschützt vor den Fährnissen der Natur in die Arbeit. Der Volksmund wird es wohl "Dencker-Dach" nennen.

Eine Heizung wäre auch nett

Den Einwand, so eine Überdachung sei recht kostspielig, wischt Dencker souverän beiseite. Teurer als ein neues Parkhaus sei die Überdachung und Vergiebelung derartiger Zuwegungen nicht, sagt er. Recht hat der Mann. Doch statt sich auf kleine Dächelchen zu beschränken, könnte man aber - think big - auch gleich in die Vollen gehen.

Ebenso störend wie der deutsche Dauerregen ist beim Fahrradfahren nämlich der Wind von der Seite. Damit es nicht zieht wie Hechtsuppe, gehören an Radwege deshalb Seitenplanken. Ebenfalls wünschenswert wäre der flächendeckende Einsatz jener Heizlüfter, die man sonst in Restaurants verwendet.

Oder gleich die ganze Straße überdachen: Dann könnten wir im Dezember im T-Shirt zur Arbeit fahren. Zu teuer? Ach was, irgendwo im zweiten Konjunkturpaket wird sich schon eine Milliarde dafür finden - und wenn nicht, legen wir eben einfach ein drittes auf.

Kontakt zum Autor
Feedback? Anregungen? Schreiben Sie an abgewuergt@spiegel.de Alle bisher erschienen Teile der Kolumne finden Sie hier, den RSS-Feed können Sie hier hinzufügen.
So weit hat Dencker die Sache dann aber wohl doch nicht durchdacht. Doch immerhin, die Richtung stimmt. Was den scheidenden Präsidenten des Verkehrsgerichtstags wohl inspiriert hat? Da kann man nur spekulieren. Vielleicht Musik?

Es gibt da nämlich ein Lied der Band "Torfrock", das verblüffende Ähnlichkeit mit den Dencker-Vorschlägen aufweist, und das geht so: Wir unterkellern Schleswig Holstein / und dann wer'n die Alpen tapeziert / Oberbayern pinseln wir mit Holzleim / und das Ruhrgebiet wird asphaltiert ...

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rainer Girbig 30.01.2009
1. Das ist
Schwachsinn im Quadrat und zu Recht vom Autor des Artikels aufgespiesst. Eher könnte man sich einen Wetterschutz am Fahrrad selbst vorstellen, ähnlich wie beim BMW C1 oder noch weitergehend. Aber auch dafür scheint es keinen Markt zu geben, sonst hätten wir's ja schon.
Pauschalreisender 30.01.2009
2. Gute Idee
... aber nicht besonders neu. Derartige überdachte und mit Windschutz ausgestatte Radwege gibt es in den Niederlanden schon seit Jahren.
Wolfgang Jung 30.01.2009
3. Alles nicht nötig!
Das ist alles nicht nötig. Ich hätte einen Vorschlag, für den man nicht einen müden Euro ausgeben müsste und der in der volkswirtschaftlichen Bilanz sogar mit einem Plus zu Buche schlagen würde. Und das Beste: man kommt zu 100% trocken zur Arbeit oder wo auch immer hin: Bei Regen darf Auto gefahren werden, bei Trockenheit wird das Rad genommen. Wer dann mit dem Auto erwischt wird, darf einen Obulus für unsere Konjunkturprogramme entrichten.
The_Laser 30.01.2009
4. dagegen
Ich bin dagegen, dass alle Straßen überdacht werden. Ein bisschen Regen muss auch mal sein, wegen der Reinigung von Hundehaufen etc.
Wolfgang Jung 30.01.2009
5. Gereinigte Hundehaufen?
Zitat von The_LaserIch bin dagegen, dass alle Straßen überdacht werden. Ein bisschen Regen muss auch mal sein, wegen der Reinigung von Hundehaufen etc.
Wie stellt man sich einen gereinigten Hundehaufen vor? Aber selbst in gereinigtem Zustand wäre er immer noch da.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.