Absatzkrise der Autobauer: "Hart wird es erst 2013"

Opel-Autohaus: Derzeit geben Hersteller wieder hohe Rabatte Zur Großansicht
dapd

Opel-Autohaus: Derzeit geben Hersteller wieder hohe Rabatte

Das Euro-Drama erreicht die Autobranche, in Südeuropa brechen die Absatzzahlen ein. Automobilwirtschaftler Willi Diez erklärt im Interview, warum Rabatte die falsche Antwort auf die Krise sind und warum der Industrie das Schlimmste noch bevorsteht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Diez, die Euro-Krise erreicht die Autohersteller, vor allem in Südeuropa brechen die Absätze dramatisch ein. Wie reagiert man als Hersteller darauf?

Diez: Die Frage ist ja eigentlich: Sind wir überhaupt schon in der Krise? Sicher, in einigen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien sind die Absatzzahlen alarmierend. Gleichzeitig sind die Zahlen in anderen Ländern einigermaßen stabil, etwa in Großbritannien, auf osteuropäischen Märkten wie Polen oder Tschechien und nicht zuletzt in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Auch in Deutschland ist der Markt im September doch um fast elf Prozent eingebrochen.

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Diez: Ja, aber Sie dürfen Monatsergebnisse nicht überbewerten. Der September hatte zwei Werktage weniger, das macht schon einen Unterschied. Über das Jahr gesehen deuten die Prognosen derzeit auf ein Minus von zwei Prozent hin. Das halte ich für verkraftbar und nicht für eine Krise. Hart wird es wohl erst 2013, da werden auch bislang kräftige Märkte schwächeln.

SPIEGEL ONLINE: Wir müssen also mit einer weiteren Abwärtsspirale rechnen?

Diez: In der jetzigen Situation handelt es sich um eine reine Marktkrise, die sich allein aus der wirtschaftlichen Situation in den Schuldenländern ergibt. Das Problem ist: Die Verunsicherung der Käufer greift jetzt auch auf jene Länder über, die bislang noch nicht direkt von der Schuldenkrise betroffen sind. Wenn ich als Verbraucher jeden Tag Horrormeldungen sehe, höre und lese, ermutigt mich das natürlich nicht gerade zum Autokauf. Beim Autokauf spielt Psychologie eine große Rolle. Wir haben also eine schlechte Mischung aus realwirtschaftlicher Krise in Teilen Europas und einer gefühlten Krise im anderen Teil. Beide ergänzen sich und ziehen den Markt nach unten.

SPIEGEL ONLINE: Deswegen ja: Wie reagiert man als Hersteller auf so eine Situation?

Diez: Die wichtigste langfristige Überlebensstrategie ist Globalisierung. Es gibt ja auch wachsende Märkte, etwa China und Russland. Dort muss man als Hersteller vertreten sein, um Schwächen in anderen Märkten auszugleichen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland reagieren die Autohersteller auf die Krise mit einer heftigen Rabattschlacht. Ist das die richtige Antwort?

Diez: Ich halte das für ein Nullsummenspiel, bei dem sich die Hersteller gegenseitig immer weiter unterbieten und am Ende keiner gewinnt. Und ich wundere mich immer wieder, dass die Firmen zu diesem Mittel greifen. Viel sinnvoller wäre es, sich dem Markt anzupassen, die Produktion zu drosseln und die Kapazitäten zu senken. Vor allem, weil es heutzutage Spielräume für Produktions- und Kapazitätssenkung gibt, ohne dass man gleich Mitarbeiter entlassen muss.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit helfen Allianzen mit anderen Herstellern bei der Bewältigung von Absatzkrisen auf einzelnen Märkten?

Diez: Allianzen sind grundsätzlich ein probates Mittel, um sich breiter aufzustellen. So eine Verbindung fruchtet in der Regel aber erst nach vier bis acht Jahren - nämlich dann, wenn man gemeinsam Autos baut. Kurzfristig helfen strategische Allianzen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der französische PSA-Konzern, zu dem Peugeot und Citroën gehören, ist von der gegenwärtigen Krise am stärksten betroffen. Liegt das auch daran, dass PSA keinen starken Partner hat?

Diez: Auf jeden Fall. Sowohl Peugeot als auch Citroën sind stark vom europäischen Markt abhängig - auch deshalb, weil sie keine starke, strategische Partnerschaft haben. Die Motorenkooperation mit BMW war mäßig erfolgreich, auch die Verbindung mit Mitsubishi hat lediglich den SUV Peugeot 4008 ergeben, aber keine globale Strategie. Jetzt bandelt PSA auch noch mit General Motors an. Aber irgendwann muss man sich entscheiden, mit wem man sich ins Bett legt - mit allen gleichzeitig geht es nicht. Peugeot hat sich immer der Illusion hingegeben, als eigenständiges Unternehmen überleben zu können. Vielleicht hätten sie das sogar geschafft, wenn sie in China nicht komplett den Anschluss verpasst hätten. Nun müssen sie sich gezwungenermaßen einen Partner suchen, um zu überleben - und jetzt kann der Partner die Bedingungen diktieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind Anbieter von hochpreisigen Autos in Krisenzeiten im Vorteil?

Diez: Einerseits ist das Luxussegment weniger konjunkturanfällig. Andererseits hat sich in den vergangenen Jahren ein sehr stabiles Billigsegment herausgebildet, in dem Marken wie Dacia oder Skoda florieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Ankündigung von VW, eine neue Billigmarke im Konzern zu etablieren, auch eine Antwort auf die Krise?

Diez: Nein, denn die käme viel zu spät. Es wird ja - sollte diese Marke tatsächlich kommen - Jahre dauern, bis deren Autos auf der Straße stehen. Das ist wohl eher eine strategische Entscheidung, um auf den Schwellenmärkten, beispielsweise in Indien, vertreten zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden in Krisenzeiten eigentlich nicht Spritsparmobile zum Verkaufsrenner?

Diez: Weil für viele Menschen offensichtlich äußere Rahmenbedingungen die Autowahl diktieren - als Familienvater mit zwei Kindern kann ich schlecht auf einen sparsamen Kleinstwagen umsteigen. Aber wir beobachten ein gewisses Downsizing bei der Autowahl, viele Käufer wählen statt eines SUV ein Mini-SUV. Und beim Porsche Cayenne liegt der Anteil der Dieselmaschinen inzwischen bei 70 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Die Autoindustrie steht vor einem großen Umbruch und muss viel Geld in die Entwicklung von Fahrzeugkonzepten investieren, ohne zu wissen, welches sich letztlich durchsetzt. Wie hoch ist die Gefahr, dass die Krise zur Innovationsbremse wird?

Diez: Kein Hersteller wird in diesem Bereich sein Budget kürzen. Wer jetzt die Entwicklung einstellt, kegelt sich aus dem Markt, der hat dann in vier oder fünf Jahren den Anschluss verpasst. Das wissen alle - und der Arbeitsmarkt spiegelt das wider. Nichts ist gegenwärtig so gefragt wie gute Ingenieure.

Das Interview führte Michail Hengstenberg

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insgesamt 116 Beiträge
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1. ja, meine Güte
eldani 16.10.2012
Zitat von sysopDas Euro-Drama erreicht die Autobranche, in Südeuropa brechen die Absatzzahlen ein. Automobilwirtschaftler Willi Dietz erklärt im Interview, warum Rabatte die falsche Antwort auf die Krise sind und warum der Industrie das Schlimmste noch bevorsteht. Absatzkrise der Autobranche: Autowirtschaftler Willi Diez im Interview - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/absatzkrise-der-autobranche-autowirtschaftler-willi-diez-im-interview-a-861588.html)
ja, meine Güte, wie oft soll man das denn noch wiederholen? Autos kaufen keine Autos, ... man sehe sich in Europa die sinkenden Löhne, Renten etc. an und dann wird klar: wer -um Himmels Willen- soll sich denn da in Zukunft noch ein Auto kaufen können, ... leute wacht auf!
2. das ist Dudenhöffer-Niveau...
Gerüchtsvollzieher 16.10.2012
"Der September hatte zwei Werktage weniger..." Autsch! Ja, ich wollte mir einen Neuwagen kaufen und habe es im September leider nicht geschafft, zu wenig Werktage... ;-)
3. da
jamesbrand 16.10.2012
gibt es dann schnell wieder Milliarden Subventionen bis die Autokonzerne wieder im Milliardengewinn sind.
4.
meinmein 16.10.2012
Zitat von Gerüchtsvollzieher"Der September hatte zwei Werktage weniger..." Autsch! Ja, ich wollte mir einen Neuwagen kaufen und habe es im September leider nicht geschafft, zu wenig Werktage... ;-)
Ging mir genauso und ich bin froh deshalb. Heute weiß ich wieviel Rabatt ich bekommen kann. (In der Vergangenheit waren solche Rabattmeldungen in der Presse bei meinen Autohändlern jedoch immer gänzlich unbekannt. Die bestanden auf dem Listenpreis und wollten noch nicht mal ein Reserverad dazu packen.)
5.
exilostfriese 16.10.2012
Zitat von eldanija, meine Güte, wie oft soll man das denn noch wiederholen? Autos kaufen keine Autos, ... man sehe sich in Europa die sinkenden Löhne, Renten etc. an und dann wird klar: wer -um Himmels Willen- soll sich denn da in Zukunft noch ein Auto kaufen können, ... leute wacht auf!
Alle Autos werden größer, mit mehr Schnickschnack ausgestattet und haben mehr PS und natürlich wird alles teurer. Wer braucht denn so etwas?? Gut das der Trend nun zum "Downsizing" geht. Wobei ich bei dem Beispiel Cayenne mal fett lachen muss. Früher sind wir zu fünft im Käfer in den Urlaub gefahren! Heute geht ein Kleinwagen für einen Familienvater natürlich gar nicht mehr. Zu Dritt im Auto und mit weniger als 150 PS kommt man heute ja auch gar nicht mehr vorwärts und wenn es nicht mindestens ein Van ist hat nicht einmal der Schminkkoffer mehr Platz. Unter 100PS ist ja maximal für Hartz4-Empfänger noch okay. Aber ohne diese überhöhten Ansprüche ans heilige Blechle, wäre unsere Wirtschaft unlängst kaputt.
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    Willi Diez ist seit 1991 Professor im Studienschwerpunkt "Automobilwirtschaft" an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen. Seit 1995 leitet er das Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen/Steige.

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