Acabion 360 PS, 450 km/h und nur 2,5 Liter

Fahrleistungen wie ein Formel-1-Wagen - und ein Spritverbrauch wie ein Mofa. Das kann nur das Acabion. Seit 18 Jahren tüftelt Peter Maskus an seinem Mobil, das die gängigen Maßstäbe radikal auf den Kopf stellt. SPIEGEL ONLINE hat es bereits ausprobiert.

Von Jürgen Pander


Schuhe ausziehen! Sonst wird es schwierig, sich in die Sitzschale zu falten und die Füße unter die Frontverkleidung zu schieben. Nach etwas Gymnastik aber sitzt man wie hineingegossen in das Fahrzeug, das es weltweit nur einmal gibt und von dem sein Schöpfer Peter Maskus glaubt, es sei der bislang intelligenteste Vorschlag, lange Strecken sehr schnell, sehr ökonomisch und sehr kommod zurückzulegen. Acabion heißt der Prototyp, der einem Haifisch ähnelt und von einem modifizierten Suzuki-Motorradmotor angetrieben wird.

In Socken liegt man also in der bequemen, mit hellem Leder ausgeschlagenen Fahrersitzmulde und wird praktisch eins mit dem Acabion. Die Griffe der ultrakompakten Lenkung – schon die ist eine exquisite Konstruktion, an der Maskus rund zwei Jahre tüftelte – gleiten wie von selbst in die Hände. Ein Knopfdruck, und aus dem Heck ertönt das heisere Grollen des 1,3-Liter-Vierzylinder-Turbos. 360 PS mobilisiert das Triebwerk, bis zu 10.000 Umdrehungen pro Minute sind möglich. und als Höchstgeschwindigkeit gibt Maskus beinahe beiläufig "etwa 450 km/h" an.

Ist das nicht Irrsinn? Das kommt auf die Perspektive an. Tatsächlich ist aus der Sicht der heutigen Straßenverhältnisse eine so hohe Geschwindigkeit verrückt – obwohl Bugatti sehr stolz ist, ein Auto, das 400 km/h schafft, im Angebot zu haben. Doch Maskus geht es nicht um schieres Tempo. Er denkt an ein umweltfreundliches, effizientes und individuelles Langstreckenverkehrsmittel, mit dem sich auf speziellen Strecken im Nu große Distanzen auf bequeme und sportliche Art zurücklegen und dabei die Kohlendioxid-Emissionen drastisch einschränken lassen.

Nach 1000 Metern durch die 400-km/h-Marke

Maskus hat die Technik dazu weitgehend im Alleingang entwickelt: Das Acabion wiegt fahrfertig lediglich 360 Kilogramm. Aufgrund des geringen Gewichts und des minimalen Luftwiderstands (cW-Wert 0,18) könnte man, vorausgesetzt man hätte den Mumm dazu, aus dem Stand nach 1000 Metern die 400-km/h-Grenze passieren – und das alles nach Angaben von Maskus bei einem Benzinverbrauch von durchschnittlich 2,5 Litern.

Wobei dies noch nicht offiziell gemessen wurde und die 217 Kilogramm schwere Suzuki Hayabusa, in der das Triebwerk lediglich 174 PS leistet, gut das Doppelte schluckt. Selbst mit diesem Wert wäre der Acabion-Verbrauch noch beeindruckend niedrig. Nur zum Vergleich: Der 1,9 Tonnen schwere Bugatti Veyron mit 1001 PS benötigt dazu mehrere Kilometer und verbraucht im Schnitt 24,1 Liter.

Diese Gegenüberstellung verdeutlicht ganz gut, warum Maskus von seiner Idee so überzeugt ist: "Es kann doch nicht sein, dass wir tonnenschwere Vehikel bauen, die wir mit einem enormen Aufwand und extremen Energieverbrauch mühsam beschleunigen müssen. Mein Vorbild in Sachen Effizienz ist das Fahrrad. Es wiegt zehn, zwölf Kilo und bringt einen Menschen zügig voran. In diese Richtung muss doch die Entwicklung des Automobils vorangetrieben werden."

Ganz sachte! Die ersten Meter im Acabion

Wir lassen also vorsichtig die Kupplung kommen und drehen noch vorsichtiger am Gasgriff. Hinten schwillt das Bollern an, vorne rauscht die Straße wie ein graues Flirren unter die Nasenspitze des Acabion. Bloß keine Unkonzentriertheit jetzt. Die Entwicklung dieses Einzelstücks hat 1,5 Millionen Euro gekostet, und Maskus hat nach eigenen Angaben weitere insgesamt 30 Millionen Euro indirekt in dieses Projekt gesteckt, weil er auf zahlreiche lukrative Aufträge für seine Unternehmensberatung verzichtete und stattdessen an seiner Fahrzeugvision arbeitete.

Der Waldrand fliegt vorbei, der Herbstwind klatscht ins Gesicht, denn wir fahren ohne Plexiglaskuppel. Schuhlos am Lenker sitzt diesmal Peter Maskus, der das Acabion schon ziemlich gut beherrscht. Wie vom Katapult geschleudert, jagt das bordeauxrote Projektil voran. Ein beeindruckendes Fahrgefühl, drastisch und doch dezent, weil man so geborgen in der Glasfaserkarosserie sitzt.

Tempo-Tests auf dem Flugplatz von St. Moritz

Die TÜV-Zertifizierung läuft, die Fahrerprobungen auch. Dann sitzt meist der Schweizer Rennfahrer Tobias Blättler in der "Pilotenkanzel" des Acabion und fegt über die Start- und Landebahn des Flugplatzes St. Moritz, wo die Details der Fahrwerksabstimmung erarbeitet werden. Derzeit wird das Acabion nahezu ausnahmslos noch mit den seitlichen Stützrädern gefahren. Später werden sie bei stabiler Geradeausfahrt eingefahren. In Entwicklung ist ein spezielles Balancesystem, das die Stützräder auch bei Schräglage in Kurven präzise auf die Fahrbahn bringt. Und Maskus hat bereits einen Allradantrieb im Kopf, bei dem die Seitenräder für zusätzlichen Vortrieb zum Beispiel auf Schnee sorgen könnten.

Zukunftsmusik? Keineswegs. Im nächsten Jahr soll ein weiteres Acabion entstehen – ein Edel-Prototyp mit 500-PS-Motor, etwas größerer Glasfaserkarosserie, überarbeitetem Innenleben und Dutzenden Verfeinerungen. 1,6 Millionen Euro wird das exklusive Highend-Sport-Spar-Spaßmobil kosten – zwei Interessenten haben sich bereits bei Maskus gemeldet. Dann wird die wesentliche Entwicklungsarbeit abgeschlossen sein und die Serienfertigung des Acabion angegangen. Wenn alles läuft, wie Maskus sich das vorstellt, wird er Serien-Acabions zum Beispiel mit einem 70-PS-Sojaöldiesel oder einem 20-kW-Elektromotor anbieten. Rund 200 km/h schnell und mit einem Energieverbrauch, der weit unter dem heutiger Sparautos liegt. Und die Schuhe ausziehen muss man dann auch nicht mehr.



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