Elektro-Pritschenwagen für Afrika Einfach machen

Ausgerechnet mit einem E-Mobil wollen drei deutsche Ingenieure den afrikanischen Markt erobern. Ihr Plan: Eine konsequente Kundenorientierung.

TU München

Wer an alternative Antriebe und die elektrische Revolution denkt, dem kommen als erstes Kalifornien in den Sinn, China und vielleicht noch Norwegen oder die Niederlande. Doch Ghana, der Sudan oder Namibia? In diese Länder werden doch eher ausrangierte Autos aus Europa verschifft - gerade jetzt, wo man bei vielen Herstellern seinen alten Diesel in Zahlung geben kann. "Die werden ihren Weg nach Afrika finden", sagte Nico Vermeulen, Chef des Verbands der Automobilhersteller Südafrikas kürzlich.

Alles Quatsch, sagen Sascha Koberstaedt, Martin Soltés und Matthias Brönner, drei Doktoranden am Institut für Fahrzeugtechnik der Technischen Universität München. Sie wollen den afrikanischen Markt mit einem Elektroauto erobern.

Freilich nicht mit einem Hightech-Produkt wie von Tesla, BMW oder Nissan, sondern mit einem ebenso rudimentären wie rustikalen Kleinlaster. Nicht mehr als 10.000 Euro soll er kosten. aCar heißt der Pritschenwagen mit zwei Sitzplätzen und einer Tonne Nutzlast. Nach vier Jahren Entwicklung mit zigtausend Testkilometern feiert er jetzt Weltpremiere auf der IAA in Frankfurt.

Fotostrecke

12  Bilder
Elektro-Pritschenwagen für Afrika: Diese Vorteile bietet das aCar

Wer in einer Industrienation groß geworden ist, kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Auto wie das aCar in Afrika ein Erfolg wird. Aber genau das ist das Problem, haben Koberstaedt undŠ Soltés erkannt: "Es ist sinnlos, den Afrikanern unsere Autos zu verkaufen." Mit neuen Modellen mag das im reichen Südafrika funktionieren. Und für importierte Gebrauchte findet sich überall Abnehmer. "Aber wer diesen riesigen Markt im großen Stil erschließen will, muss die Autowelt aus afrikanischer Perspektive betrachten."

Deshalb haben Koberstaedt, Brönner und Soltés ihr Projekt vor gut vier Jahren zwar mit über 40 verschiedenen Fahrzeugtypen gestartet, sich aber schnell auf den Kleinlaster konzentriert. "Wichtiger noch als Menschen zu bewegen, ist es, den Warenfluss in Gang zu bringen," sagt ŠSoltés. "Viele Bauern flüchten in die Stadt, weil es ihnen nicht gelingt, ihre Ernte ins nächste Dort zu bringen."

Das aCar ist gar kein richtiges Auto

Vor allem bei den Fahrleistungen lohne sich deshalb ein Perspektivwechsel: "Wir mussten auf unseren Forschungsreisen ein neues Gefühl für Geschwindigkeiten und Distanzen entwickeln", erinnert sich Brönner an tagelange Testfahrten über schlammige Dschungelpisten, bei denen sie am Ende doch nur 30 oder 40 Kilometer zurückgelegt hatten. Die Schlussfolgerung: Es braucht keine Hochleistungsmotoren, keine riesigen Akkus und kein Hightech-Fahrwerk, ja es muss nicht einmal ein echtes Auto sein.

Stattdessen sollen dem aCar zwei Antriebe mit je acht kW und ein Spitzentempo von 60 km/h reichen, dazu eine Batterie für eine Reichweite von 80 Kilometern, ein Allradantrieb und eine Zulassung als Leichtkraftwagen. Auf diese Weise spart sich das Gefährt Crashtests oder Airbags, die bei der geringen Verkehrsdichte ohnehin nichts bringen. Weiterer Vorteil: Der E-Antrieb im aCar besteht nur aus 200 Teilen, es kann schlichweg nicht soviel kaputt gehen wie bei einem Verbrennungsmotor und die Wartung ist damit einfacher.

Auf den Elektroantrieb sind die Münchner aber nicht gekommen, weil sie sich Sorgen um die Umwelt machen. "Sondern weil Strom in Afrika für unsere Zwecke die am einfachsten verfügbare Energiequelle ist. Zumindest als Solarstrom."

"Die Sonne scheint dort ja doch ein bisschen öfter und länger"

Ausgerechnet in Regionen, in denen es meist nicht einmal fließendes Wasser gibt, soll das Problem der Lade-Infrastruktur gelöst werden - wo das selbst Industrienationen nicht richtig in den Griff bekommen? Für die beiden Münchner PS-Pioniere ist das kein Widerspruch. Denn erstens brauchen ihre Kunden nicht die Energie für viele hundert, sondern nur für ein paar Dutzend Kilometer. Mit einer Kapazität von 20 kWh ist die Batterie des aCar kleiner als bei vielen Plug-in-Hybridmodellen, bei denen die E-Maschine nur den Verbrenner unterstützt. Und zweitens ist Strom in Ländern wie Ghana oft noch leichter zu bekommen als Sprit. Während der Treibstoff in Fässern durchs Land gekarrt werden muss, könne sich jeder aCar-Käufer sein eigenes Kraftwerk aufs Dach schrauben und daheim laden, sagt ŠSoltés: "Die Sonne scheint dort ja doch ein bisschen öfter und länger."

Auf das Dach haben die Entwickler Solarmodule montiert
TU München

Auf das Dach haben die Entwickler Solarmodule montiert

Die beiden Forscher planen mit ihrer neu gegründeten Firma Evum Motors das aCar nicht zu in einer automatisierten Fabrik vom Band laufen lassen, sondern im Sinne der lokalen Wirtschaftsförderung und im Kampf gegen Import-Beschränkungen vor Ort zu produzieren. Eine Vielzahl von Mini-Manufakturen sollen entstehen, in denen pro Jahr etwa 1000 Fahrzeuge montiert werden könnten.

Lob vom Marktbeobachter

Der Ansatz ist vielversprechend, sagt Andreas Radics vom Münchner Strategieberater Berylls: "Zwar werden etwa in Südafrika seit vielen Jahren Autos für die aufstrebenden afrikanischen Märkte produziert. Aber ein bezahlbares Auto für die afrikanische Landbevölkerung ist bislang nicht darunter", sagt der Marktbeobachter. So ein Fahrzeug müsse allerdings nicht nur in der Herstellung und der Anschaffung günstig sein. "Sondern wichtig ist ein möglichst stabiler und einfacher Aufbau ohne anfällige Teile oder viel Elektronik. Die meisten Reparaturen müssen vom Fahrer selbst erledigt werden können."

Während die aCar-Macher genau das als ein Problem vieler afrikanischer Billigimporte aus Indien oder China ausgemacht haben, bekommen sie für ihr aCar Lob vom Experten: "Mit so einem Konzept könnten diese Anforderungen erstmals erfüllt werden."

Um das zu beweisen, müssen Koberstaedt, Brönner und Soltés jetzt aber erst einmal eine Pilotfabrik aus dem Boden stampfen, die noch in Deutschland entstehen und später auch mal als Ausbildungsplatz für die afrikanischen Automobilbauer dienen soll. Vorher allerdings müssen sie noch um Investoren werben und fünf Millionen Euro Kapital einsammeln. Bevor das aCar mit Strom unterwegs ist, braucht es jetzt vor allem Geld, damit es in Fahrt kommt.


Weitere Neuheiten der IAA sehen Sie in der Bildergalerie:

Fotostrecke

50  Bilder
Die Neuheiten auf der IAA: Demnächst auf Ihrem Parkplatz?


insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wolfvon Drebnitz 13.09.2017
1. Sehr gut - sowas wird gebraucht
So ein Fahrzueg hätten die Deutschen Autobauer entwickeln sollen. Aber wie schon bei dem E-Postauto haben sie an so einer günstigen Variante kein Interesse. Das wird sich rächen. Denke, das Auto hat nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa Absatzchancen. Aber es müssen auch leichte Türen angeboten werden. Während der Monsunzeit schüttet es erbarmungslos - da wollte ich nicht offen fahren. Vielleicht langen ja Plastikvorhänge mit Druckknöpfen etc. - Aber insgesamt Super! Wünsche viel Erfolg mit dem Projekt.
fundador 13.09.2017
2. Super,
endlich mal ein Bericht über ein vernünftiges Projekt - auch wenn die Reichweite dieses Lieferwagens recht schwach dimensioniert scheint - wie soll der eigentlich zu seinen Kunden kommen? - und der Kaufpreis noch um den Preis für eine brauchbare Ladeinfrastruktur steigt - schließlich soll das Gerät ja nicht am Dieselgenerator aufgeladen werden. Und selbst uns gering erscheinende 10.000 Euro sind für einen afrikanischen Kleinbauern nun wahrlich kein Pappenstiel... Da ist wohl noch Einiges an Arbeit nötig, damit dieses an sich sinnvolle Projekt Erfolg haben kann!
RalfBukowski 13.09.2017
3. Eine konsequente Kundenorientierung??
Vielleicht in einer fernen Zukunft ...aber aktuell wird sich sowas nicht durchsetzen. Ein gebrauchter Pickup mit Verbrenner kostet umgerechnet was? 1500 bis 2000€? Den kann man noch lange fahren, wenn kein TÜV mit Stilllegung droht. Der Fahrkomfort ist wohl auch besser als in dieser rudimentären Elektroschaukel ohne Türen. Der Sprit lässt sich organisieren und die Reparaturen erfolgen mit bekanntem afrikanischen Improvisationstalent. Welcher zentralafrikanische Bauer, der gerade so mit seinem Ertrag überlebt, hat denn 10000 (ZEHNTAUSEND!!!)€ übrig (nur für das frugale Fahrzeug) und kann sich dazu noch sein eigenes PV-Kraftwerk leisten? Tendenz gegen null, denke ich. Haben die sicher sehr klugen Erbauer einmal eine wirkliche Erhebung vor Ort gemacht, was der afrikanische Bauer will und vor allem, was er sich leisten kann? Ich denke nicht, Tim.
Tobi_86 13.09.2017
4. Gute Idee
Doch, ich finde das eine gute Idee. Genauso wie sich Solarzellen in Afrika durchgesetzt haben, obwohl es vor wenigen Jahren noch Hightech war. Ein Liter Diesel kostet in Afrika erschreckend viel! Mehr als z.B. in den USA. Umgerechnet auf die Kaufkraft eigentlich unbezahlbar für die Bauern. Aber mir ist noch nicht ganz klar, wie sie den E-LKW wieder aufladen wollen. Tagsüber fährt er, nachts steht er, aber nachts scheint auch nicht die Sonne. 20 kWh kostengünstig zu speichern geht auch nicht. Dafür braucht es noch eine Lösung. Oder reicht die Mittagspause / Siesta?
Nubari 13.09.2017
5. Sehr guter Ansatz
Hoffentlich findet sich ein gutwilliger Sponsor, der die Anlauffinanzierung ohne schnelle Renditeerwartungen übernimmt. So ein kleinteiliges überregionales Projekt braucht Zeit, Leidenschaft und Engagement. Der Ansatz, in Deutschland zu schulen, um in den Märkten vor Ort Manufakturen zu schaffen, ist großartig und nachhaltig, und bietet die Chance, aus der Wertschöpfung vor Ort langfristig auch andere Produkte zu entwickeln. Das Fahrzeug mag frugal sein und uns lächerlich erscheinen, aber es sieht so aus als würde damit das Bedarfsprofil vieler potentieller Kunden und Nutzer abgedeckt, die mit einem runtergerittenen Diesel-Pickup aus dritter Hand nichts anfangen können, weil dessen Betrieb und Unterhalt viel zu teuer ist und die schwere Fuhre auf den extrem schlechten Pisten keinerlei Vorteile bietet - im Gegenteil! Mir kamen sofort die selbstgebauten Lastkarren in den Sinn, die man in den Pampas Südamerikas sehen kann. Der aCar sieht ähnlich, aber viel solider aus, ist ähnlich schnell (oder meinetwegen, langsam) und wohl gut konstruiert, um haltbar und reparaturfreundlich zu sein. Bleibt der elektrische Antrieb; dazu kann ich nichts sagen, aber wenn sich die Batterie laden lässt, dann sollte das der perfekte und haltbare Antrieb sein. Hut ab! Ich wünsche Evum Motors viel Erfolg und wünsche mir, dass es bald viele kleine Fertigungsstätten in afrikanischen Ländern geben wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.