Mögliches Kartell bei Ersatzteilen Unternehmensberatung soll Renault und Peugeot bei Preisabsprachen geholfen haben

Mit geheimen Informationen sollen Renault und Peugeot Citroën einen Milliardengewinn bei Ersatzteilen eingefahren haben. Drahtzieher des möglichen Preiskartells - eine der größten Beratungsfirmen der Welt.

Renault-Mitarbeiterin bei einem Workshop im Werk Flins (Symbolbild)
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Renault-Mitarbeiterin bei einem Workshop im Werk Flins (Symbolbild)

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Machtlos müssen Autobesitzer seit Jahren den Wucher bei Ersatzteilen durch die Autokonzerne ertragen. Was niemand wusste: Eine der größten Unternehmensberatungen der Welt, Accenture, half den französischen Autokonzernen Renault und PSA Peugeot Citroën, die Preise sichtbarer Teile wie Kotflügel oder Schweinwerfer noch weiter zu erhöhen - mit einem ausgeklügelten Softwaresystem. Im Schnitt betrug die Steigerung je 15 Prozent. So strichen die Hersteller in diesem quasi monopolistischen Markt seit rund zehn Jahren bis heute zusammen 1,5 Milliarden Euro ein - und das möglicherweise sogar innerhalb eines Preiskartells.

Accentures Vorgehen wurde durch Informationen der französischen Onlinezeitung Mediapart aus einem Gerichtsprozess in Paris bekannt. Die dort vorgelegten und weitere geheime Dokumente des Beratungshauses hat der SPIEGEL ausgewertet mit Partnern des Mediennetzwerks European Investigative Collaborations (EIC) und der belgischen Tageszeitung De Standaard.

Aus den vertraulichen Unterlagen geht hervor, wie eng Accenture die Preisniveaus für Ersatzteile von PSA mit denen von Renault abstimmte. Sogar ein heimliches Treffen zwischen Managern der Autokonzerne soll es gegeben haben zu der Preissoftware namens Partneo. Diese ermöglicht es, fast unbemerkt Preise für Autoteile anzuheben. PSA, Renault und Accenture weisen die Vorwürfe zurück.

Erfinder prangert Missbrauch seiner Software an

Der Erfinder von Accentures Software, Laurent Boutboul, hat das Gebaren der Unternehmensberatung ans Licht gebracht. Er hat Accenture verklagt, weil er sich nach dem Verkauf seiner Firma Acceria inklusive der Partneo-Software vor acht Jahren an Accenture zu niedrig bezahlt sieht.

Zugleich beschuldigt Boutboul das Beratungshaus vor Gericht, sein Programm missbraucht zu haben, um ein wettbewerbswidriges Arrangement bei Ersatzteilpreisen zwischen Autoherstellern zu ermöglichen. E-Mails und Dokumente, die nun vor Gericht liegen, belegen die Vorwürfe.

Zu vertraulichen Informationen will Boutboul keine Stellung nehmen. Auf Anfrage sagt er, es gehe in dem Streit um Accentures Verpflichtung, die in seiner Firma aufgestellten Wettbewerbsregeln einzuhalten.

Boutboul ist mit seinen Vorwürfen nicht allein. Auch Schriftstücke von Accentures Juristen und Beratern belasten die Unternehmensberatung schwer. Aus E-Mails geht hervor, dass sie vor dem Risiko warnten, Wettbewerbsbehörden könnten das Beratungshaus als Vermittler eines Preiskartells im Teilemarkt zur Verantwortung ziehen.

Accenture habe "PSA informiert, dass Renault die gleichen Algorithmen und Formeln für Preisdefinitionen verwendet wie PSA" und dann habe Accenture "PSA geholfen, seine Preise im gleichen Verhältnis wie die von Renault zu erhöhen", alarmierte ein Berater laut Gerichtsakten den für korrekte Unternehmensführung zuständigen Complianceberater. Ein Rechtsbeistand von Accenture aus London warnte zuvor vor "wettbewerbsrechtlichen Risiken" durch die Anwendung von Partneo.

Mit Partneo hat Boutpoul eine Software geschaffen, deren Algorithmus herausfiltert, was Autobesitzer maximal für Ersatzteile zu zahlen bereit sind. Sonst werden die Preise für Ersatzteile meist mit einem Multiplikator auf die Herstellungskosten berechnet. Partneo analysiert die Teile genau, teilt sie in Gruppen ein und richtet deren Preise an dem teuersten Ersatzteil dieser Familien aus. So kommt es zu Preissteigerungen von 20 bis 300 Prozent. 2006 gründete Boutboul dafür seine Firma Acceria.

Damit die Preisanstiege nicht auffallen, verteuert Partneo 70 Prozent der Ersatzteile - normalerweise diejenigen, die am häufigsten nachgefragt werden - 20 Prozent der Teile werden billiger gemacht, der Rest bleibt unverändert.

Preisvorschläge mit Partneo aus der Präsentation von Accenture bei PSA
Accenture & Acceria

Preisvorschläge mit Partneo aus der Präsentation von Accenture bei PSA

Bis zu 80 Prozent Gewinnmarge bei Ersatzteilen

Accenture wirbt in einer Präsentation für PSA von 2010: Der Hersteller könne mit Partneo zehn bis 20 Prozent mehr für sichtbare Original-Ersatzteile verlangen. Dabei ist der Markt auch so schon lukrativ: Automanagern rechnete Accenture laut den Dokumenten vor, dass die Gewinnmargen bei Ersatzteilen bis zu 80 Prozent betragen würden. Die Teile brächten zwar nur "9 bis 13 Prozent des Konzernumsatzes" aber dafür "bis zu 50 Prozent des Nettogewinns" ein.

Vor allem sichtbare Originalteile lohnen sich. Dort besitzen die Konzerne in mehreren europäischen Ländern wie Frankreich und Deutschland ein Monopol - abgesichert durch den Designschutz, der einen Nachbau verbietet.

Eine vertrauliche Daten zeigen, wie viel mehr die Autohersteller dank der Software in den Händen von Accenture verdienten: So wurde der Rückspiegel des Renault Clio III vor dem Einsatz von Partneo für 79 Euro verkauft, obwohl seine Fertigung nur zehn Euro kostet - die Software verdoppelte den Preis auf 165 Euro. Die Radlaufblende des Dacia Logan, die den Hersteller drei Euro kostet, verkaufte er für 21 Euro und Partneo steigerte diesen Preis um 264 Prozent auf 76 Euro.

Vertrauliche Informationen

"Sehr positives Feedback"

Der französische Autokonzern Renault war erster Partneo-Kunde und soll begeistert gewesen sein. Laut den Accenture-Unterlagen, mit denen die Berater bei anderen Kunden für die Partneo-Software warben, steigerte Renault seine Teilepreise um 15 Prozent und strich so pro Jahr 102 Millionen Euro mehr ein - bis dato zusammen rund 830 Millionen Euro. Nach Ansicht von Renault weichen diese Zahlen von den eigenen ab, die jedoch vertraulich seien.

Accenture wollte den Erfolg offensichtlich in die Autowelt tragen. Doch nun könnte die Beratung in die Bredouille kommen, denn Wettbewerbshüter könnten Accenture womöglich Beihilfe beim Aufbau eines Preiskartells nachweisen.

Das Problem: Accenture-Berater warben um PSA als neuen Kunden - und zeigten letztlich auf, dass Renault bereits hohe Aufpreise erzielt habe. In einer E-Mail vom 17. Dezember 2009 lockt Accenture-Verkaufsleiter Jean Cabanes eine PSA- Ersatzteilmanagerin damit, er könne durch Preiserhöhungen einen Gewinnanstieg von 70 bis 140 Millionen Euro pro Jahr versprechen. Er schreibt: "Wie in unseren vorherigen Sitzungen besprochen, basieren diese Größenordnungen auf den jüngsten Erfahrungen mit Volumenherstellern."

Kurze Zeit danach verriet Accenture, um welchen Konkurrenten es sich dabei handelt: Renault. In einer Präsentation für PSA Anfang 2010 wirbt das Beratungsunternehmen damit - sogar mit Fotos von der Preisverleihung - das Projekt für Ersatzteile sei intern von Renault "für Profitabilität und Qualität" honoriert worden.

Dann stellte Accenture offenbar sogar den Kontakt zu Renault-Managern her für einen geheimen Austausch mit PSA. In einer Zeugenaussage für das Gericht in Paris schreibt ein früherer Accenture-Mitarbeiter, damals hätten PSA-Manager "an dem Ergebnispotenzial gezweifelt" und "wollten sich rückversichern in einem Gespräch mit einem Kunden". Daraufhin habe Accentures Manager ein geheimes Treffen organisiert zwischen den Managern von PSA und Renault. Ein "sehr positives Feedback" habe PSA erhalten von Renault.

Gleich hohe Preisanstiege bei Renault und PSA

Letztlich erzielte PSA durch Partneo den Dokumenten zufolge einen Preisanstieg beim Teileverkauf von 15 Prozent - exakt so viel wie Renault. Dadurch verdiente PSA zusätzlich pro Jahr rund 110 Millionen Euro und damit bis dato 675 Millionen Euro.

Accenture hält dagegen, es gebe keinen Austausch sensibler oder vertraulicher Daten zwischen Kunden. Die aufgedeckten Informationen enthielten Ungenauigkeiten und Falschinterpretationen. Auch sei Boutbouls Klage unbegründet. Darüber hinaus könne sich das Unternehmen angesichts des laufenden Gerichtsverfahrens nicht äußern.

Renault erklärt, die Auszeichnungen für hohe Profitabilität habe ein Team erhalten, das schon vor Partneo an Ersatzteilpreisen arbeitete. Renault sei in keinerlei Koordinierung mit PSA involviert gewesen. Man sei nie informiert worden, inwiefern die Software für PSA genutzt würde. Accenture sei nicht autorisiert , Informationen über Renault an Wettbewerber weiterzugeben. "Wir sehen nicht, dass unser Unternehmen zu irgendeiner Zeit etwas getan hat, das die Wettbewerbsregeln verletzt haben könnte." Auch habe es nie einen Treffen mit PSA zu Partneo gegeben. PSA bestreitet die "unbegründeten Anschuldigungen", ohne auf Details einzugehen.

Professorin für Wettbewerbsrecht involviert

Bald könnte die EU-Kartellbehörde auf den Fall aufmerksam werden. Das zeigt eine Expertise der französischen Professorin für Wettbewerbsrecht, Emmanuelle Claudel. Sie analysierte auf Bitten des Partneo-Erfinders Boutboul Dokumente von Accenture. Ihr Urteil in einem 46-seitigen Bericht: Angesichts der Unterlagen gebe es "den begründeten Verdacht einer horizontalen Preisvereinbarung zwischen den Unternehmen Renault und PSA und dem Unternehmen Accenture als Vermittler".



insgesamt 41 Beiträge
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aurichter 31.05.2018
1. Ist das wirklich so neu?
Ein Freund hat vor über 25 Jahren anhand der Preisliste für Ersatzteile einen VW Golf "zusammengebaut" und hatte dann ein Fahrzeug zum dreifachen Preis eines Neuwagens. Das Ersatzteile grundsätzlich völlig überteuert verkauft werden, wird u.a. mit "enormen" Lagerkosten begründet, darüberhinaus hält man Teile vorrätig, auf die ein normaler Fahrzeugbesitzer fast nicht kommt, so z.B. waren es beim Golf (Russlandbleche) Bleche um den Tnkeinfüllstutzen, Holmbleche etc, die dann ordentlich ins Portemonnaie gingen. Diese Machenschaften der Franzosen zeigen dann noch einmal eine weitere "Verfeinerung" der Abzocke. Der Kunde ist König - beim Teuerkauf und Bezahlen!
muzikpusher 31.05.2018
2. Hmmmmm
So wie sich die Sache liest handelt es sich aus meiner Sicht nicht um ein Kartell. Abzocke ist das, ja. PSA wollte sich durch ein Gespräch mit einem bestehenden Nutzer der Software vergewissern, dass das Ganze auch funktioniert. Dieser Kunde hätte auch ein Chinesischer Hersteller sein können. Nun war es aber Renault, und gleich spricht man von Kartell. Nun, ich bin zuwenig Jurist um das stringent beurteilen zu können, aber es klingt alles so an den Haaren herbeigezogen zu sein.
joG 31.05.2018
3. Das würde mich nicht wundern...
....wenn Absprachen diesen Weg genommen hätten. Hier wurde kürzlich beschrieben, wie die deutschen Hersteller im Zusammenhang des Dieselbetrugs Technologien abgestimmt wurden sogar vermutlich unter Einbezug von Beamten und Politikern. Das wirkt sehr auf die Preisgebung, wenn bspw sich geeinigt wird, dass die Harnstoffbehälter klein sein können. Dem ging meines Wissens niemand nach. Aber es sind just solche Kartellbildungen, nennen wir sie "Arteitsgruppe", die einen wesentlichen Teil der unserer Konkurrenzfähigkeit ausmachen. Ihre illegalität ist sehr schwer nachzuweisen und da die Politik dies auch keinesfalls will, bleiben sie meist um Schatten und man spricht lieber von Qualitätsvorsprung usw. Das aber solche Machenschaften wesentliche Handelshemmbisse bedeuten ist offensichtlich.
felisconcolor 31.05.2018
4. Wundersame
Geldvermehrung bei Ersatzteilen. Huch da werden Preise für Ersatzteile abgesprochen.... Der Schmu findet doch schon viel früher statt. Nämlich beim Einkauf beim Zulieferer. Keilriemen zum Beispiel. Die werden für Cent Beträge eingekauft und dann für 2stellige Euro Beträge an den unbedarften Kunden weiter verkauft. Ich lasse mir schon lange keine überteuerten Ersatzteile in der Fachwerkstatt einbauen. ich gehe zur Werkstatt meines Vertrauens, lasse den Schaden feststellen und das Ersatzteil benennen. Das kaufe ich selbst und lasse es dann einbauen. Da ist dann auch immer was für die Kaffeekasse über. Die Abzocke führte auch dazu das ich mir ein OBD Gerät zugelegt habe. Das liest in Europa zwar nicht alles aber ist gut genug, die meisten Fehler selbst eingrenzen zu können. Man muss halt nur selbst bissel im Netz recherchieren. Und schon wird einem kein neuer DPF für 1500 Euro (im Netz im Austausch schon ab 250) verkauft, wenn es nur der Differenzdrucksensor oder die Schläuche dazu sind (max 80 Euro). Man muss sich halt mit der Maschine die man gekauft hat auch mal mehr auseinandersetzen als nur tanken und Wischwasser nachfüllen. Aber schwer ist das nicht.
spontanistin 31.05.2018
5. Na und?
So macht das jeder „ehrbare“ Kaufmann, denn nur Geschäftserfolg verdient Ehre. Daher so billig wie möglich einkaufen/beschaffen und so teuer wie möglich verkaufen. Dazu braucht es kein BWL-Studium! Und irgendwie müssen ja auch die Topgehälter und Pensionsrückstellungen der Topmanager erwirtschaftet werden.
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