ACE testet Spritverbrauch: Alle Angaben ohne Gewähr

ACE prüft Angaben der Hersteller: Diese Autos verbrauchen viel mehr als versprochen Fotos
Mitsubishi

Bei vielen Autos ist der Spritverbrauch höher als vom Hersteller angegeben. Wie krass die Unterschiede sein können, zeigt jetzt ein Test des Auto Club Europa (ACE). Die Prüfer listen auf, bei welchen Modellen der Mehrverbrauch am deftigsten ist.

Der Autobauer VW bewirbt sein Modell Sharan TDI mit einem Verbrauch von 5,5 Liter Diesel auf hundert Kilometern. Laut einem Test des Auto Club Europa (ACE) ist dieser Wert im Alltag allerdings nicht zu erreichen: Der Van ist laut Messung des ACE viel durstiger und benötigt rund 38 Prozent mehr Sprit. Das Ergebnis ist kein Einzelfall - der ACE stellte bei 55 der insgesamt 91 getesteten Autos einen Mehrverbrauch von mehr als zehn Prozent fest. Im Schnitt benötigten die Fahrzeuge 13,4 Prozent Kraftstoff mehr als vom Hersteller angegeben.

Mit den illusorischen Angaben der Autobauer haben sich viele Fahrzeugbesitzer abgefunden - es ist bekannt, dass die Werte im NEFZ-Zyklus ermittelt werden und dort unter realitätsfernen Umständen zustande kommen. Zu dreist dürfen die Hersteller aber den Spritverbrauch bei Neuwagen nicht schönen: "Liegt der Verbrauch zehn Prozent über dem angegebenen Wert, kann der Käufer sein Geld zurückfordern", sagt Klaus Schaal, Chefredakteur des ACE-Mitgliedermagazins "Lenkrad".

Er verweist auf ein aktuelles Urteil des Oberlandesgerichts Hamm (AZ: 28 U 94/12, 4 O 250/10). Dort hatte der Fahrer eines Renault Scénic erfolgreich geklagt. Über ein Gutachten ließ er nachweisen, dass der Verbrauch des Wagens nicht wie in der Verkaufsbroschüre versprochen 7,7 Liter sondern 8,5 Liter auf hundert Kilometer beträgt, also 10,3 Prozent mehr als vom Hersteller angegeben.

Das Oberlandesgericht weist in seiner Urteilsbegründung darauf hin, dass der Käufer erwarten könne, dass "die im Prospekt angegebenen Werte unter Testbedingungen reproduzierbar sind" - auch wenn "ein verständiger Käufer weiß, dass die tatsächlichen Verbrauchswerte (…) nicht mit den Prospektangaben gleichgesetzt werden dürfen". Laut ACE hatte bereits der Bundesgerichtshof die Überschreitung der Zehn-Prozent-Grenze als "erhebliche Pflichtverletzung" bezeichnet.

So können sich Autofahrer wehren

Einfach ist es für Käufer allerdings nicht, diese "Pflichtverletzung" der Hersteller nachzuweisen. Im Falle des Renault-Fahrers zog sich der Rechtsstreit über drei Jahre. Und in einem Prüflabor ein Gutachten erstellen zu lassen, kann laut Klaus Schaal bis zu 7000 Euro kosten. Der ACE empfiehlt deshalb folgende Punkte zu beachten:

  • Liegt der Verbrauchswert deutlich über den Herstellerangaben, sollte der erste Weg zur Vertragswerkstatt führen. Im Normalfall wird das Fahrzeug dann sorgfältig gecheckt und gegebenenfalls die Motorelektronik neu eingestellt.
  • Verbessert sich der Verbrauch anschließend nicht, sollte man sich mit einem Anwalt beratschlagen. Der ACE rät, ein Gutachten in Auftrag zu geben, das die überhöhten Verbrauchswerte dokumentiert. Um Probleme bei der Kostenerstattung durch die Rechtsschutzversicherungen auszuschließen, sollte ein amtlich bestellter und vereidigter Sachverständiger hinzugezogen werden.
  • Wird der Mehrverbrauch durch ein Gutachten belegt, sollte man den Händler erneut auffordern, Nachbesserungen an dem Wagen vorzunehmen. Bleiben diese ebenfalls wirkungslos, wäre eine Klage vor Gericht der nächste Schritt.

Der ACE betonte, dass auch sein nun veröffentlichter Test "nicht die herkömmlichen gutachterlichen Bewertungskriterien" erfüllt. Jedoch liefere er Hinweise darauf, dass die Überschreitung von zehn Prozent des tatsächlichen Spritverbrauchs gegenüber der Herstellerangaben unter den Bedingungen im Prüflabor nachgewiesen werden könnten.

Bei seinem Test fährt der ACE nach eigenen Angaben mit jedem Fahrzeug eine 221 Kilometer lange sogenannte Normrunde. Zuvor werde vollgetankt, der Reifenluftdruck gemessen und der Innenraum auf 21 Grad reguliert. Die Klimaanlage ist also in Betrieb. Anschließend gehe die Fahrt über 49 Kilometer innerorts, 76 Kilometer führten über die Autobahn und 96 Kilometer über Landstraße. Gestartet werde jeweils um 10 Uhr morgens. Tage mit einem ungewöhnlich hohen Verkehrsaufkommen würden gemieden. Die Fahrer werden laut ACE dazu angehalten, die Tempolimits einzuhalten, frühzeitig hochzuschalten und sanft zu fahren.

Nach Ansicht von Klaus Schaaf sind die Tests aussagekräftig, weil dabei Kaltstarts vermieden werden und ein ausgewogenes Streckenprofil gefahren wird. Ziel sei es, einen möglichst realitätsnahen Verbrauchswert zu ermitteln. Und daran sollten sich seiner Meinung nach auch die Autohersteller ein Beispiel nehmen: "Ehrlichere Verbrauchsangaben", schreibt er in einem Vorwort zur jüngsten "Lenkrad"-Ausgabe, "würden die Kundezufriedenheit deutlich erhöhen."

Bei welchen Modellen im ACE-Test die größte Differenz zwischen dem tatsächlichen Verbrauch und den Herstellerangaben gemessen wurde, erfahren Sie hier.

cst/afp

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insgesamt 100 Beiträge
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    Seite 1    
1. einerseits eine Lumperei...
andy69 12.04.2013
Zitat von sysopBei vielen Autos ist der Spritverbrauch höher als vom Hersteller angegeben. Wie krass die Unterschiede sein können, zeigt jetzt ein Test des Auto Club Europa (ACE). Käufer von Neuwagen können sich gegen die falschen Versprechen wehren - wenn sie das Risiko nicht scheuen. ACE vergleicht in Test den Spritverbrauch mit Angaben von Herstellern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/ace-vergleicht-in-test-den-spritverbrauch-mit-angaben-von-herstellern-a-893650.html)
... der Hersteller, andererseits ist das Thema ja nun hinlänglich bekannt. Wenn man eine solche Verbrauchsangabe liest, zählt man bei einem durchschnittlichen Mittelklassewagen gedanklich einfach einen Liter obendrauf oder man geht in Internetforen, wo Nutzer teilweise den tatsächlichen Verbrauch posten.
2. Ist doch alles Mist
mittagspause 12.04.2013
Das Problem kann nur durch 2 Maßnahmen gelöst werden. 1.) Dir Vorschiften zum NEFZ-Zyklus sind so anzupassen, dass sie realistisch sind. Realistische Strecken und Beladung, auch mal Klimaanlage und Licht an. 2.) Die Tests müssen von unabhängigen Gutachtern/Instituten durchgeführt werden, denen bei Gefälligkeitsgutachten Strafe bis zum Lizenzentzug droht.
3.
marthaimschnee 12.04.2013
Dumm nur, daß eigentlich kein Hersteller einen verbindlichen Richtwert angibt, sondern den eines genormten, idealisierten Test, der vor allem eins liefert: einen vor allem zwischen Fahrzeugen verschiedener Motorisierung vergleichbaren Wert, was in der Regel auch exakt so im Kleingedruckten steht! Daß dieser mit der Realität herzlich wenig zu tun hat, ist ein ganz anderes Problem.
4. Fahrverhalten
Klaus's Meinung 12.04.2013
Also bei meiner 10 Jahre alten C Klasse stimmen die Angaben. Ich brauche sogar wesentlich weniger als vom Hersteller angegeben. 6,7 l / 100 km ist vom Hersteller angegeben, ich komme nie über 6 l / 100 km. Und das bei 160.000 km auf dem Tacho.
5. optional
wakaba 12.04.2013
ACE Test ist betont sanftes fahren. Paarmal überholen, 140 auf der Autobahn, etwas bergauf, 1x mehr Kaltstart und der Verbrauch geht durchs Dach. 12l mit Kleindieselturbo in Kleinwagen ist irre und Konsequenz der "Co2" Reduktion durch NEFZ Optimierung mit Kleinstmotoren für Flottenreduktionen. Ein heutiger Kleinwagen spuckt unter realen Fahrverhältnissen dann 280/km raus. Mehr als als ein 4.5l Geländewagen - der ein solches Profil eben knapp über Standgas bewältigt.
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