Verkehrskollaps in China Stau fürs Leben

China gilt als gelobtes Land der globalen Autoindustrie, doch die Pkw-Flut führt vielerorts zum totalen Stillstand. Immer mehr Metropolen begrenzen daher die Neuzulassungen - die Probleme werden dadurch aber nur verschleppt.

REUTERS

Von Markus Bruhn


Wer einmal in einer chinesischen Großstadt mit dem Auto unterwegs war, wird sich in Deutschland nie wieder über Staus ärgern. In Shanghai oder Peking bewegen sich die Autos meist nicht schneller als Fußgänger. Trotzdem gibt es die dort kaum noch. Die Menschen sitzen alle in Autos.

In Peking allein sind in den vergangenen fünf Jahren zwei Millionen Autos neu auf die Straßen gekommen. Vielspuriger Stillstand ist längst ein Alltagsphänomen; Blechkarawanen, die binnen einer halben Stunde kaum 500 Meter weit vorankommen, sind zu den Stoßzeiten fast schon normal.

In Shanghai, Peking und Guangzhou gibt es deshalb schon seit Jahren Regelungen, nach denen an bestimmten Tagen nur Autos mit geraden oder ungeraden Kennzahlen auf dem Nummernschild fahren dürfen. Zusätzlich wurde die Zahl der jährlichen Neuzulassungen gedeckelt. Erst vor wenigen Wochen führte auch die Millionenstadt Tianjin im Norden der Ostküste diese Maßnahmen ein. Ab sofort gibt es dort pro Jahr maximal 100.000 neue Zulassungslizenzen, von denen 60.000 an Bewerber verlost und weitere 40.000 zu einem Mindestpreis von 10.000 Yuan (rund 1200 Euro) auktioniert werden. Chinesische Zeitungen berichten, dass zahlreiche weitere Metropolen diesem Beispiel folgen werden.

Kampf gegen den täglichen Verkehrskollaps

Es ist der Versuch, den täglichen Verkehrskollaps zu bekämpfen. Denn auch achtspurige Hauptstraßen sind mittlerweile zu klein, um die drastisch gestiegene Zahl von Fahrzeugen aufnehmen zu können. Es sind nämlich vor allem die Bewohner von Großstädten, die in China Autos kaufen. Allein 20 Millionen Fahrzeuge waren es im vergangenen Jahr. Würde man sie dicht an dicht parken, wäre eine Fläche so groß wie 35.000 Fußballfelder mit Blech bedeckt.

Inzwischen gibt es in China 31 Städte mit mehr als einer Million Fahrzeuge. Genau diese Ballung ist das Problem, denn die insgesamt 250 Millionen Kraftfahrzeuge in China entsprechen bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen bei weitem noch nicht der Pkw-Dichte, wie sie beispielsweise in Deutschland herrscht - mit gut 50 Millionen Kraftfahrzeugen bei rund 80 Millionen Einwohnern.

Fällt China als Wachstumsmarkt der Autoindustrie aus?

Müssen nun die Autohersteller um ihren Wachstumsmarkt bangen, wenn immer mehr Metropolen die Pkw-Neuzulassungen begrenzen? Wohl kaum. Solche Obergrenzen würden einen Rückgang von zirka 400.000 Einheiten pro Jahr bedeuten, sagt Shi Jianhua, der stellvertretende Generalsekretär der Vereinigung Chinesischer Autohersteller (CAAM). Das entspräche einem Minus um zwei Prozent.

Die viel wichtigere Frage jedoch lautet, inwiefern die Regulierung das Problem der überfüllten Straßen und der eklatanten Schadstoffbelastung der Luft lösen kann. Die bisherigen Maßnahmen "haben nicht erreicht, was die Regierung sehen wollte, denn die Bestimmungen haben den Anstieg der Zahl der Autos nur verlangsamt", sagt Zhao Jian, Professor an der Universität für Ökonomie und Management in Peking. Bereits die bestehende Masse an Autos sei zu groß, sagt der Verkehrsexperte.

Dass die Bewohner der Großstädte entnervt vom täglichen Verkehrswahnsinn irgendwann das Auto stehen lassen, ist bei allem Unmut über die Situation nicht zu erwarten. Denn die Möglichkeit, sich ein eigenes Auto leisten zu können, ist für viele Chinesen ein Novum; eine Pkw-Zulassung ist Privileg und Statussymbol zugleich. Ein Lizenzierungsverfahren könnte das sogar noch verstärken, mutmaßen chinesische Zeitungen. Das Interesse an einem eigenen Auto jedenfalls ist riesig: Die Zahl privat genutzter Fahrzeuge hat sich seit 2003 verfünffacht. Diese Entwicklung könnte sich nun etwas verlangsamen - den Verkehrsfluss schneller macht das aber nicht.



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insgesamt 78 Beiträge
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täufer 18.02.2014
1. Autowahn
Ich kann den Chinesen ihren Autowahn nicht wirklich verdenken, wenn ich mir die hiesigen Verhältnisse anschaue. Autowahn, wohin man schaut: Zweit- und Drittwagen in einem Haushalt sind nicht selten, selbst die Brötchen am Samstag werden in einer Großstadt (!) mit dem Auto geholt. Doch während China noch am Beginn dieses Wahnsinns steht, sollte man in Europa eigentlich schon weiter sein, aber Pustekuchen! Ich werde mir jedenfalls auch in Zukunft kein Auto zulegen und scheine damit ja zumindest bei der jüngeren Generation im Trend zu liegen, weg mit den Blechkisten!
ph.latundan 18.02.2014
2. solange ............
solange die staus mit deutschen autos verursacht werden ist das alles kein problem. zum glueck kenne ich peking noch aus der zeit wo 99 pct der bevoelkerung mit dem fahrrad unterwegs war.
vrdeutschland 18.02.2014
3. Abwarten
Die Chinesen werden irgendwann auch noch einmal erfahren, daß das Auto eigentlich nur in der ersten Phase ein erstrebenswertes Ziel ist. Danach besteht es nur noch aus Kosten, verlorene Lebenszeit im Stau und Ärger mit der Technik. Das Auto wird total überbewertet. ich sitze z.B. freitags lieber im ICE auf dem Boden als auch nur eine halbe Stunde im Stau zu verbringen. Und der Ruf nach Straßen weniger Baustellen etc. wird sowieso nichts bringen und keine Regierung dieser Welt erfüllen können. P.S.: Meines Wissens hat der Smog in den chinesischen Großstädten nichts mit den Autos zu tun, sondern eher mit dem verfeuern stark schwefelhaltiger Braunkohle. Die Autos wirken da schon fast als "Luftreiniger"...
hansgustor 18.02.2014
4. Zwei Autos
Wer es sich leisten kann, organisiert sich zwei Autos. Eins mit gerader und eins mit ungerader Zahl auf dem Nummernschild. Zulassen kann man nur eins, das zweite läuft auf den Namen eines Bekannten. So wird der Absatzmarkt verdoppelt statt verkleinert.
anderermeinung 18.02.2014
5. bei diesen Aussichten ...
... sollten die europäischen Hersteller von Klein- und Kompaktwagen nicht zuviel vom China-Geschäft erwarten. Etwas anderes gilt natürlich für die Hersteller von "Premium"-Fahrzeugen. Derartige Fahrzeuge gehen wohl immer.
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