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Enthüllungsbuch: "Beim ADAC hat Zahlenmanipulation Tradition"

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ADAC-Zentrale in München: "Wurde anonym angerufen und gewarnt" Zur Großansicht
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ADAC-Zentrale in München: "Wurde anonym angerufen und gewarnt"

Der ADAC will sein ramponiertes Image aufpolieren, das Enthüllungsbuch "Die gelbe Gier" hält dagegen: Im Interview spricht Autor und Ex-ADAC-ler Alfons Kifmann über unseriöse Produkttests, eine selbstherrliche Führungsriege und Lobbyarbeit im eigenen Interesse.

Zur Person
  • Alfons Kifmann
    Alfons Kifmann, Jahrgang 1946, geboren in Schondorf am Ammersee, war von 1995 bis 1998 Mitglied der ADAC-Geschäftsleitung in München und zugleich Leiter der Öffentlichkeitsarbeit sowie Chefredakteur der Mitgliederzeitschrift "Motorwelt". Zu Europas größtem Autoclub kam er über einen Headhunter, der ihn vom "Mercedes Magazin" in Stuttgart abwarb. Nach seinem Intermezzo beim ADAC wechselte Kifmann zurück in die Industrie. Heute ist er freier Autor und Buchautor. Er lebt in München.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kifmann, warum rechnen Sie in Ihrem Buch "Die gelbe Gier" mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber ab?

Kifmann: Nach so langer Zeit möchte ich nicht von Abrechnung sprechen. Das Thema ADAC hatte ich längst als merkwürdige Episode abgehakt. Als die Manipulationen beim Publikumspreis "Gelber Engel" enthüllt wurden, erinnerte ich mich an ein paar persönliche Notizen von vor neun Jahren. So kam es zu dem Buch. Ich will als Insider Erklärungen liefern, wie es zu den ADAC-Skandalen kommen konnte. Es herrscht noch Aufklärungsbedarf.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Drohungen erhalten, als bekannt wurde, dass Sie ein Buch über den ADAC veröffentlichen wollen?

Kifmann: Ja. Ich bin zweimal anonym angerufen und gewarnt worden. Meine E-Mails würden abgefangen, mein Telefon abgehört, Haus und Auto von einem Detektiv beobachtet. Ich habe anschließend Vorsichtsmaßnahmen getroffen und tatsächlich auf meinem Computer einen Trojaner gefunden - woher der stammte, weiß ich nicht. Von einer prominenten Medienanwaltskanzlei erhielt ich außerdem ein Schreiben mit der dringlichen Empfehlung, mein Buch nicht zu veröffentlichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in den gleichen Funktionen tätig wie Michael Ramstetter, der vom ADAC gefeuert wurde. Er hat die Auto-Hitparade beim Gelben Engel manipuliert. Bisher hat nur Ramstetter seine Schuld eingestanden, die gesamte ADAC-Spitze will nichts von dem Betrug gewusst haben. Ist das bei den Strukturen des ADAC überhaupt realistisch?

Kifmann: Das ist die Frage, die ich mir auch immer wieder gestellt habe. Ich habe Sie auch ehemaligen Mitarbeitern gestellt. Die Hälfte war der Meinung, dass Ramstetter nicht allein gehandelt haben kann. Die andere Hälfte wiederum glaubte, dass sein Handeln nie kritisch hinterfragt wurde. Weder vom Präsidenten noch von der Geschäftsführung. Der Ex-ADAC-Präsident Peter Meyer war wohl eitel genug, um gerne im Mittelpunkt zu stehen und hat sich deshalb auch die Preisverleihung des "Gelben Engel" verkaufen lassen. Zu meiner Zeit hatten wir ebenfalls einen Preis in Planung - und haben es nicht gemacht. Aus guten Gründen.

SPIEGEL ONLINE: Die da waren?

Kifmann: Der damalige Präsident Otto Flimm lehnte einen Auto-Preis für die Industrie mit der Begründung ab, der ADAC habe doch so viele Kunden unter den Herstellern. Werde einer vorgezogen, seien alle anderen sauer.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Nähe zwischen ADAC und Autoherstellern?

Kifmann: Sehr groß. Bis auf VW und BMW sind alle Autofirmen in Deutschland über die Mobilitätsgarantie mit dem ADAC verbunden. Dieser eilt auch dann zur Hilfe, wenn ein Autofahrer den markeneigenen Pannenservice angerufen hat. Pannen, die im Rahmen der Mobilitätsgarantie abgewickelt wurden, tauchen nicht in der ADAC-Pannenstatistik auf. Ich kann zwar nicht beweisen, dass die Pannenstatistik verfälscht worden ist, aber die Abhängigkeit zwischen ADAC und Herstellern ist da.

SPIEGEL ONLINE: Beim ADAC hat Zahlenmanipulation Tradition, schreiben Sie. Als Beispiel führen Sie an, dass fast 400.000 Mitglieder gar keinen Beitrag zahlen, aber in der Statistik als Mitglieder geführt werden. Warum sind dem ADAC Zahlen so wichtig?

Kifmann: Diese eindrucksvollen Zahlen wurden vor allem in der politischen Lobbyarbeit eingesetzt. Zuletzt gerne mit der für mich anmaßenden Aussage, dass hinter dem ADAC 18 Millionen Mitglieder mit einer Meinung stehen. Völliger Unsinn, denn zu Themen wie Tempolimit, Abgaswerte oder Motorsport kann es gar keine einheitliche Meinung der Mitglieder geben. Mit solchen Aussagen sollte der Eindruck vermittelt werden, der ADAC sei auch eine politische Macht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der ADAC nicht die Interessen der Mitglieder vertritt - wessen denn?

Kifmann: Dazu würde ich gerne eine Anekdote erzählen: In der "Motorwelt" berichteten wir über Leitplankensysteme, die deutlich sicherer sind als Betonschutzwände. Der Redakteur lieferte eine tolle Geschichte ab, auf die er und ich sehr stolz waren. Im Präsidium führte der Text aber zu erbosten Reaktionen. Uns wurde vorgehalten, der Artikel laufe den Interessen des Vereins zuwider. Als ich fragte weshalb, bekam ich zur Antwort, dass der ADAC ein Bündnis mit der Bauindustrie eingegangen sei. Unter dem Slogan "Pro Mobilität" macht der ADAC heute gemeinsam mit dem Verband der Automobilindustrie (VDA) und der Bauindustrie gemeinsam Lobbyarbeit für Ihre Anliegen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie es trotz der autokratischen Strukturen dennoch mehr als drei Jahre beim ADAC ausgehalten?

Kifmann: Anfangs hatte ich wirklich das Gefühl, hier kannst du was bewegen. Aber spätestens nach zwei bis zweieinhalb Jahren hatte ich resigniert und fasste den Beschluss: Den Hanswurst musst du hier nicht mehr geben.

SPIEGEL ONLINE: Dienstreisen mit dem Helikopter, Gelbe Engel, die Pannenopfern teure Batterien verkaufen - hat Sie als Insider überhaupt noch etwas an den Skandalen der vergangenen Wochen überrascht?

Kifmann: Zu meiner Zeit verkaufte der ADAC weder Batterien noch flog die Führungsspitze Hubschrauber. Mit einer Ausnahme: Es gab Reisen mit dem Helikopter zur Formel 1 auf dem Nürburgring. Die Oberen reisten mit dem Ex-Chef des Weltautomobilverbandes (FIA) Max Mosley oder Formel-1-Funktionär Bernie Ecclestone an. Die Häufung der Verstöße im ADAC war mir so nicht bewusst.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen in Ihrem Buch dem Automobilclub vor, in mehreren Fällen gegen die Interessen der Mitglieder gehandelt zu haben. Was ärgerte Sie am meisten?

Kifmann: 1997 haben wir den Mitgliedsbeitrag fusioniert mit dem Auslandsschutzbrief. Dadurch ergab sich eine Beitragssenkung. In der Führungsspitze diskutierten wir lange hin oder her, ob es nun zehn oder nur zwei Euro sein sollten. Am Ende setzte sich der Präsident mit zwei Euro durch. Sonst stünde der ADAC ja da, als hätte er bisher viel zu viel verlangt, argumentierte er. Und das, obwohl der Leitsatz des ADAC lautet: "Das Mitglied steht im Mittelpunkt."

SPIEGEL ONLINE: Der ADAC verkauft beispielsweise Reifen und Kindersitze - testet diese aber auch. Sie bezeichnen die Tests als reine Glaubenssache. Wie kommen Sie zu Ihren Zweifeln?

Kifmann: Als wir damals den Kindersitz-Test in der Motorwelt veröffentlichten mussten, und ich die Ergebnisse hinterfragte, bekam ich die lakonische Antwort: "Glauben Sie einfach, was da drinsteht." Punkt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst noch ADAC-Mitglied?

Kifmann: Erst als ich zum Verein kam, bin ich eingetreten - und anschließend sofort wieder aus. Überhaupt ist das ein heißes Thema: Wer braucht den ADAC wirklich? Das haben wir uns damals sogar selbst gefragt. Bei Neuwagen gibt es eine Mobilitätsgarantie durch den Hersteller. Im Inland decken die Schutzbriefe der Versicherer den Pannenservice ab. Das Glück des ADAC ist das deutsche Bedürfnis, überversichert zu sein.

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insgesamt 37 Beiträge
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    Seite 1    
1. Prügelknabe
LDaniel 14.04.2014
Der ADAC als neuer Prügelknabe? Hier hat ein frustrierter Ex-Mitarbeiter ein Buch geschrieben - natürlich kann man ihm alles glauben... . Und dann die Aussage wofür es den ADAC braucht... . Komisch, andauernd sehe ich ADAC-Pannenhelfer und täglich Rettungshubschrauber des ADAC. Aber stimmt, wozu braucht man den ADAC... .
2. Im Jahr 1997
Quintatön 14.04.2014
... wurde der Beitrag sicher nicht um "2 Euro" gesenkt. Waren es vielleicht 2 oder 4 D-Mark? Ansonsten - interessanter Artikel.
3. Skandal?
zylinderkopf 14.04.2014
Ein "Enthüllungsbuch" von einem, dessen ADAC Karriere wohl schon 15 Jahre her ist - ein Kracher! Und mal wieder SPON-würdig "Kopfschüttel"
4. Wie immer ...
graue_eule 14.04.2014
Wie immer geht es um das Geld ... Mitglieder sind nur Mittel zum Zweck ... was verdienen die Manager des "Vereins"?
5. Bekannt, aber ...
giordano_filippo_bruno 14.04.2014
das ist ja alles bekannt. Ich selber bin vor vielen Jahren nach einem "Impuls"-Artikel des Spiegel aus dem Verein ausgetreten. Aber es ist etwas Magisches, Vor-Logisches Denken, von dem der ADAC profitiert. Es gibt "schwarze" Magie und "weiße". Mit der schwarzen werden Leute verhext, mit der weißen kann man sich vor diesem bösen Zauber schützen. Weiße Magie ist also wie ein Amulett. Das ist es, was der ADAC ausnützt: Jeder glaubt, wenn der beim ADAC ist, passiert nichts - und erwartet, wenn er austritt, DANN passiert was. Es passiert weiterhin nichts, weil er nicht austritt. Q.e.d.
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