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ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair: "Herr Ramstetter war für uns nicht greifbar"

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ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair: "Hätte vorsichtiger sein müssen" Zur Großansicht
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ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair: "Hätte vorsichtiger sein müssen"

Nach dem Skandal um die manipulierten Stimmabgaben beim ADAC-Autopreis "Gelber Engel" steht die Führung des Autoclubs unter Druck. Geschäftsführer Karl Obermair spricht mit SPIEGEL ONLINE über seine Gutgläubigkeit und den Whistleblower, der den Betrug öffentlich machte.

Zur Person
Karl Obermair, 50, ist seit dem 1. August 2012 Geschäftsführer des ADAC. Bevor der gebürtige Österreicher 2003 zum ADAC nach München kam, gehörte er 13 Jahre lang der Geschäftsführung des Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Clubs (ÖAMTC) an.
SPIEGEL ONLINE: Herr Obermair, wann haben Sie erfahren, dass Herr Ramstetter die Zahlen tatsächlich manipuliert hat?

Obermair: Am Dienstag (vergangener Woche - d. Red.) sind erstmals die Vorwürfe in der "Süddeutschen Zeitung" erschienen. Wir haben daraufhin mehrere Male versucht, von Herrn Ramstetter die Zahlen der Leserwahl zum "Lieblingsauto" zu bekommen. Unabhängig davon habe ich - ohne sein Wissen - eine erste interne Revision angeordnet. Herr Ramstetter hat es geschafft, bis nach der Preisverleihung des "Gelben Engel" am Donnerstag unseren Fragen auszuweichen. Erst am Freitagvormittag um 9.56 Uhr habe ich per E-Mail zum ersten Mal Zahlen von Herrn Ramstetter zu dieser Angelegenheit vorliegen gehabt. Ob diese Zahlen überhaupt die endgültigen sind, kann ich Ihnen auch heute noch nicht beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Warum erst so spät?

Obermair: Neben mir haben auch andere Personen intensiv versucht, Herrn Ramstetter im Zusammenhang mit den Vorwürfen in der "Süddeutschen" zu befragen und belastbare Zahlen zu bekommen. Allerdings hatten wir vergangene Woche eine echte Großkampfwoche beim ADAC: die Generalprobe zum "Gelben Engel", eine Präsidiumssitzung, eine Spendengala zugunsten der Stiftung "Gelber Engel" und schließlich die Preisverleihung selbst - und das alles binnen 24 Stunden. Ohne irgendetwas beschönigen oder kleinreden zu wollen, aber: Es war klar, dass es in diesen Tagen sehr schwierig würde, die Vorgänge richtig klären zu können. Zumal zu Herrn Ramstetters Verantwortungsbereich auch das hausinterne Eventmanagement gehört hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber bei so schweren Vorwürfen hätten die Probleme doch noch vor der Preisverleihung geklärt werden müssen. Sowohl Sie als auch Herr Ramstetter haben sich ja in München aufgehalten, oder nicht?

Obermair: Sicher, aber Herr Ramstetter war für mich in diesen Stunden nicht greifbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich das vorstellen? Wollen Sie sagen, er hat sich versteckt?

Obermair: Rückblickend betrachtet hatte er zumindest immer plausible Begründungen. Zum Beispiel, dass er wegen der "Gelber Engel"-Generalprobe unabkömmlich sei oder sich gerade in dringenden Abstimmungsprozessen zur Gala befinde. Erst nachdem mir der Kragen geplatzt ist, kamen die Zahlen am Freitagmorgen per Mail.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat diese Mail außer Ihnen noch erhalten?

Obermair: Adressat der E-Mail war nur ich persönlich. Ob weitere Personen in Blindkopien auf dem Verteiler waren, weiß ich nicht. Da diese E-Mail wahrscheinlich eine arbeits- und strafrechtliche Konsequenz nach sich zieht, sind uns im Übrigen auch die Hände gebunden, sie zu veröffentlichen. Sollte die Staatsanwaltschaft München doch noch Ermittlungen aufnehmen, werden wir aber auf Wunsch jedes Dokument vorlegen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie Herrn Ramstetter verklagen?

Obermair: Das hängt von dem Ergebnis der laufenden Untersuchungen ab.

SPIEGEL ONLINE: Hat Herr Ramstetter Ihnen gegenüber gesagt, warum er die Zahlen manipulierte?

Obermair: Ja, er hat sich dazu im Gespräch mit mir geäußert. Er habe es als blamabel empfunden, dass die Teilnehmerzahl viel geringer war als von ihm erwartet. Um das Ansehen des ADAC und der "Motorwelt" nicht zu beschädigen, habe er seinem Empfinden nach aus guter Absicht gehandelt und eine höhere Zahl angegeben. Bis zu einem gewissen Grad ist das sogar ein Stück weit nachvollziehbar, bei einer zweistelligen Millionenauflage.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ihn gefragt, ob er auch an anderer Stelle manipuliert hat?

Obermair: Ich habe ihm genau diese Frage gestellt, aber keine Antwort bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was unternimmt der ADAC jetzt, um den Manipulationsfall beim "Gelben Engel" aufzuklären?

Obermair: Wir werden alle verfügbaren Dokumente dazu untersuchen. Das heißt, wir versuchen Computerdateien, Dokumente und Aktenordner von Herrn Ramstetter auszuwerten. Wir wollen überprüfen, ob neben der Preisvergabe zum "Lieblingsauto der Deutschen" auch andere Dinge manipuliert worden sind. Auch den Vorwürfen, die das Verhalten von Herrn Ramstetter gegenüber seinen Mitarbeitern betreffen, werden wir intensiv nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Leute kümmern sich um die Aufklärung?

Obermair: Mindestens drei Personen der internen Revision widmen sich ausschließlich diesem Fall. Zur externen Unterstützung suchen wir derzeit ein renommiertes Wirtschaftsprüfungsunternehmen aus, das uns entsprechende Unterstützung leisten und genügend Personal zur Aufarbeitung der Vorwürfe zur Verfügung stellen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zu dem Whistleblower, der den ganzen Fall ins Rollen gebracht hat, indem er interne Papiere weitergab?

Obermair: Ehrlich gesagt bewerte ich das ambivalent: Einerseits muss es natürlich möglich sein, dass sich ein Mitarbeiter in berechtigten Fällen über seinen Chef beschweren kann, und zwar bei dessen Vorgesetzten. Das wäre in diesem Fall ich gewesen. Ich bedauere ausdrücklich, dass das hier nicht passiert ist. Aber ich kann auch verstehen, dass viel Mut dazu gehört, gerade wenn ein Chef, sagen wir, so 'selbstbewusst' auftritt wie Herr Ramstetter. Andererseits hätte es natürlich den besseren und aufrechteren Weg gegeben, auf eventuell vorhandene Missstände hinzuweisen. Es hätte sich sehr viel Schaden vom ADAC abwenden lassen können, denn wir hätten sofort und konsequent die Reißleine gezogen. Das habe ich am Montag auch noch mal auf einer Mitarbeiterversammlung klargemacht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den oder die betreffenden Mitarbeiter schon gefunden?

Obermair: Nein, das ist jetzt auch nicht unsere Hauptpriorität. Wir haben momentan andere Aufgaben zu erledigen. Derzeit kämpfen wir um unseren guten Ruf.

SPIEGEL ONLINE: Einerseits ist der ADAC Dienstleister für die Automobilindustrie, andererseits präsentiert er sich als objektiver Verbraucherschützer der Autofahrer - Beispiel Pannenstatistik. Sollten nicht die Strukturen geändert werden?

Obermair: Alles, was Grundsatzfragen und die Ausrichtung des ADAC angeht, gehört zum Aufgabenbereich des Präsidiums und Ehrenamts.

SPIEGEL ONLINE: Wird der "Gelbe Engel" nächstes Jahr noch vergeben?

Obermair: Das wissen wir nicht. Momentan steht alles auf dem Prüfstand.

SPIEGEL ONLINE: Welchen persönlichen Vorwurf machen Sie sich?

Obermair: Ich mache mir den Vorwurf, dass ich zu lange von der Unschuld einer ADAC-Führungskraft überzeugt war und seinen Beteuerungen bedingungslos geglaubt habe. Gleichzeitig habe ich aber sofort alle notwendigen Schritte eingeleitet. Dennoch hätte ich vorsichtiger sein müssen. Das weiß ich jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlen Sie sich nun, nachdem Sie offenbar im großen Stil belogen wurden?

Obermair: Es trifft mich natürlich persönlich schwer. Auch alle Kollegen und Mitarbeiter sind entrüstet über diesen Vorgang. Der ADAC hat in den vergangenen Tagen immens an Vertrauen verloren und wir alle eine enorme Aufgabe vor uns. Die packen wir aber optimistisch an.

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insgesamt 133 Beiträge
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1. hallo, das Wort "Gleichzeitig"
Luna-lucia 22.01.2014
Zitat von sysopAFPNach dem Skandal um die manipulierten Stimmabgaben beim ADAC-Autopreis "Gelber Engel" steht die Führung des Autoclubs unter Druck. Geschäftsführer Karl Obermair spricht mit SPIEGEL ONLINE über seine Gutgläubigkeit und den Whistleblower, der den Betrug öffentlich machte. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/adac-geschaeftsfuehrer-karl-obermair-im-interview-a-944795.html
hat es wohl in sich! Das wäre ja in diesem Fall die, oder eben ene völlige Überlagerung von zur selben Zeit ablaufenden Geschehnissen. Also wenn der Mann aus der Technik kommen sollte ... ? Rein physikalisch betrachtet, wäre dieses Wort, an dieser Stelle aus unserer Sicht ein > Unwort
2. Hat SPON Herrn Obermair nicht gefragt,
si tacuisses 22.01.2014
Zitat von sysopAFPNach dem Skandal um die manipulierten Stimmabgaben beim ADAC-Autopreis "Gelber Engel" steht die Führung des Autoclubs unter Druck. Geschäftsführer Karl Obermair spricht mit SPIEGEL ONLINE über seine Gutgläubigkeit und den Whistleblower, der den Betrug öffentlich machte. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/adac-geschaeftsfuehrer-karl-obermair-im-interview-a-944795.html
ob er nicht seinen Hut nehmen will ? Bei 19 Millionen betrogener Mirglieder dürfte das in Kürze alternativlos sein. Der Knabe ist "verbrannt." So viel Schlafmützigkeit und Einfalt kann ein Unternehmen dieser Grössenordnung nicht verkraften. Der Fisch stinkt vom Kopf her und nicht von den Drückerkolonnen in den Baumärkten.
3. Lustig
iman.kant 22.01.2014
Wie kann der Typ uns Glauben machen wollen dass bei solchen Vorwürfen ein Vorabgespräch mit Herrn Ramstetter nicht möglich war? Welche Naivität schiebt man dem normalen Bundesbürger schon unter. Wenn es sich tatsächlich so zugespielt hätte dann würde Herr Obermeier auch kaum mehr haltbar sein. Man stelle sich vor er würde bei wichtigen strategischen Entscheidung genauso Naiv handeln. Das ganze was er sagt passt nicht zusammen.
4. Armutszeugnis
nur-mal-so-gesagt 22.01.2014
Ein Armutszeugnis par excellence. Leider nicht das einzige von Wirtschafts- und Politikgrößen in Deutschland. Eine klare Bestätigung schlechter Umfragewerte für unsere Eliten. Aber Internet sei Dank werden die Schwächen unsere Allerobersten immer häufiger aufgedeckt und geahndet. Ein positiver Aspekt (bei aller Vorsicht in der Einschätzung) des WWW.
5.
John.Wuk 22.01.2014
...ob er auch an anderer Stelle manipuliert hat? Obermair: Ich habe ihm genau diese Frage gestellt, aber keine Antwort bekommen. Autsch. Dafür, was in dieser Motorwelt drinsteht, sind über 3000 Einsendungen aber ein achtbarer Erfolg.
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