ADAC-Manipulationsaffäre Großer Club ganz klein

So kleinlaut war der ADAC selten: Nach der Manipulationsaffäre bei der Wahl des Lieblingsautos versucht sich der Autoclub jetzt in Demut. In der Führungsetage habe man von den Machenschaften des geschassten Kommunikationschefs nichts gewusst, beteuert Geschäftsführer Obermair.

Von , München


Der Zeitpunkt, an dem aus dem weithin geachteten Automobilclub ADAC eine angeschlagene Organisation wurde, die um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen muss, ist jetzt ziemlich exakt bestimmt. Für diese Klarheit sorgt Geschäftsführer Karl Obermair, als er am Montag bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in der Münchner Zentrale über den Manipulationsskandal im eigenen Hause spricht. Der inzwischen zurückgetretene Kommunikationschef Michael Ramstetter habe am vergangenen Freitag "um 9.56 Uhr ein voll umfängliches Geständnis abgelegt" und die "alleinige und vollständige Verantwortung" übernommen, sagt Obermair.

Das klingt nach staatsanwaltschaftlicher Akribie und dient natürlich vor allem einem Ziel: Der Verein will Spekulationen entgegentreten, es könnte im Führungszirkel der Organisation Mitwisser geben, denen die Manipulationen bei der ADAC-Kür des sogenannten Lieblingsautos der Deutschen bekannt waren.

Gerade einmal fünf Tage sind seit Obermairs Auftritt beim aufwendig inszenierten ADAC-Festakt in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche vergangen, aber sein Rollenwechsel könnte nicht abrupter sein: Bei der Preisverleihung wählte der ADAC-Geschäftsführer mit Blick auf die Manipulationsvorwürfe einen Tonfall, den man nur als forsch werten konnte. Den Bericht der "Süddeutschen Zeitung", die als erstes Medium über geschönte ADAC-Daten geschrieben hatte, nannte Obermair damals noch "kompletten Unsinn".

Am Montag kommt Obermair quasi im Büßergewand und wirkt nervös: Er nestelt an seinem Anzug, wippt auf den Füßen hin und her, als er vor dem Rednerpult steht. Einer seiner Mitarbeiter macht ihm den Gang nach Canossa etwas leichter, indem er ankündigt, Obermair werde nur "einige wenige Fragen" beantworten - man möge Verständnis für den "laufenden Prozess" haben, die Untersuchungen würden noch andauern.

Dann spricht Obermair. Es sei ein "sehr, sehr schwieriger Moment für den ADAC". Man habe es nicht für möglich gehalten, dass es im eigenen Haus zu derartigen Manipulationen kommen könne. "Dieser Vorgang tut uns leid, er trifft den ADAC ins Mark", sagt Obermair. Und dann wechselt er in die Vergangenheit: Der ADAC habe als eine "der vertrauenswürdigsten und seriösesten Organisationen" gegolten. Dieser Ruf sei jetzt beschädigt, man werde mit internen Untersuchungen und der Hilfe externer Experten alles dafür tun, um dieses Vertrauen wiederherzustellen.

"Er ist kein Bauernopfer"

Vermutungen, es könnte auch Manipulationen und Fehler etwa bei der Pannen- und Tunnelstatistik geben, weist Obermair zurück. Lediglich die Daten zum sogenannten Lieblingsauto wären ausschließlich beim zurückgetretenen Kommunikationschef Ramstetter aufgelaufen. Andere vom ADAC bekanntgegebene Daten kämen aus den jeweiligen Fachabteilungen und würden "mehrere Schleifen" durchlaufen.

Derzeit ist die Organisation nicht nur damit beschäftigt, ihr schwer ramponiertes Ansehen wieder aufzupolieren, sie sucht offenbar auch nach der undichten Stelle, durch die es zur Weitergabe der manipulierten Daten an die "Süddeutsche Zeitung" kam. Es gebe "sehr konkrete Hinweise" darauf, dass Mitarbeiter entsprechende Informationen weitergeleitet hätten. Details nannte Obermair nicht.

Die Stimmung beim ADAC beschrieb Obermair am Montag als "sehr schlecht". Die Aufregung sei groß, es gebe derzeit eine Mischung "aus Empörung, Wut, Fassungslosigkeit". Weitere personelle Konsequenzen soll es Obermair zufolge zunächst nicht geben. Ramstetter, der auf "unglaublich dreiste Art" manipuliert habe, sei der Hauptverantwortliche. "Er ist kein Bauernopfer, sondern eine hochrangige Führungskraft des ADAC".

Ob es bei dieser Personalie bleibt, darf dennoch angesichts der massiven Manipulationen als fraglich gelten. Unangenehm für Obermair selbst ist, dass es möglicherweise ein oder mehrere ADAC-Mitarbeiter vorzogen, den Medien über die Manipulationen zu berichten statt ihn zu informieren. Der Geschäftsführer war der direkte Vorgesetzte Ramstetters und damit eigentlich der Ansprechpartner.

Möglicherweise kämpft jetzt also auch Obermair um seinen Job. Diesen Eindruck hatten am Montag auch manche ADAC-Mitarbeiter. Gegenüber SPIEGEL ONLINE deuteten sie an, dass sich jetzt auch die Frage nach der Kontrolle stelle. Offenbar, so hieß es, hätte so mancher in der Geschäftsführung einige Strukturen zu wenig hinterfragt.

Mitarbeit: Margret Hucko

insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
wind_stopper 20.01.2014
1. Der Boss hat
immer die letzte Verantwortung, da kann er einen Schuldigen nach dem anderen anprangern. Ändert aber nichts daran, dass er seinen Laden scheinbar nicht im Griff hat.
compass 20.01.2014
2. Undichte Stelle
Wenn die Manipulationen durch eine "undichte Stelle" ans Licht gekommen sind, dann haben doch offenbar mehr als nur einer beim ADAC davon gewusst. Hatten sie nur passive Kenntnis oder gab es doch weitere Verantwortliche?
simba00 20.01.2014
3. Austrittswelle
Und sicher kommt es nun zu keiner Austrittswelle beim ADAC, dabei ist die industriefreundliche Politik des ADAC schon seit Jahrzehnten nicht im Interesse der meisten Mitglieder und Autofahrer. Aber in der Wahrnehmung der meisten Leute gibt es halt auch nur den ADAC, kleinere, aber ebenso guten Service bietende Autoclubs wie der ACE oder ACV sind weitestgehend unbekannt. Ich zahle seit Jahren für den gleichen Service weniger Geld beim ACE und finanziere damit nicht auch noch die Speichellecker der Autoindustrie vom ADAC.
sitiwati 20.01.2014
4. hat er
Zitat von wind_stopperimmer die letzte Verantwortung, da kann er einen Schuldigen nach dem anderen anprangern. Ändert aber nichts daran, dass er seinen Laden scheinbar nicht im Griff hat.
was gewusst-muss er gehen, hat er nix gewusst.hat er seinen Laden nicht im Griff und muss gehen-gehen muss er auf alle Fälle !
derlabbecker 20.01.2014
5. eben...
Zitat von wind_stopperimmer die letzte Verantwortung, da kann er einen Schuldigen nach dem anderen anprangern. Ändert aber nichts daran, dass er seinen Laden scheinbar nicht im Griff hat.
... der konnte da jahrelang rumwurschteln, und Leuten, die unter dem Kommunikationschef standen haben es gemerkt, der darüber nicht....
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