Chronische Leiden Ärzte fordern Pflicht-Checks für Unfallfahrer

Es ist eine heiß diskutierte Frage: Soll chronisch kranken Autofahrern, die schon mal einen Unfall verursacht haben, der Führerschein entzogen werden können? Verkehrsmediziner fordern nun, dass zumindest strengere Kontrollen nach schweren Crashs eingeführt werden.

Ärztliche Untersuchung: "Keiner kam auf die Idee, ihn aus dem Verkehr zu ziehen"
DPA

Ärztliche Untersuchung: "Keiner kam auf die Idee, ihn aus dem Verkehr zu ziehen"


Hamburg - Wer betrunken Auto fährt, kann aus dem Verkehr gezogen werden. Doch wie sieht es aus bei Leiden wie Epilepsie, Herzrhythmusstörungen, Tagesschläfrigkeit oder Diabetes? Schließlich können sie zu einem Kontrollverlust am Steuer führen. Diese Frage wird derzeit auf einem Verkehrs-Symposium mit fast 400 Teilnehmern in Hamburg diskutiert.

"Es gibt keine belastbaren Statistiken, aber man kann davon ausgehen, dass etwa fünf Prozent aller Verkehrsunfälle durch solch eine Krankheit ausgelöst werden", sagt Professor Hermann Klein, der für die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie ein Positionspapier miterarbeitet hat. "Das sind deutlich weniger als beispielsweise durch Alkohol am Steuer, aber dennoch muss man sich Gedanken machen", so der Mediziner vom Klinikum Idar-Oberstein. Es gehe nicht darum, Erkrankten sofort die Fahrerlaubnis zu entziehen, aber um eine sorgfältige Begutachtung und gute Therapie, um sie fit zu machen.

Bittere Lehren ziehen die Experten auf dem Kongress aus einem tragischen Unfall in Hamburg-Eppendorf. Ein Fahrer war im März 2011 nach einem epileptischen Anfall in eine Menge gerast, und hatte dabei vier Menschen getötet. Das Unfassbare für die Verkehrsmediziner: Sein Anfallsleiden war bekannt, und der Mann war zuvor schon in Unfälle verwickelt. "Aber keiner kam auf die Idee, ihn aus dem Verkehr zu ziehen", sagt Professor Volker Dittmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin.

Schwierige Rechtslage

Dittmanns Gesellschaft fordert: Nach jedem schweren Unfall soll ein unabhängiger Arzt den Verursacher daraufhin untersuchen, ob nicht ein Herzleiden, eine Unterzuckerung oder eine andere körperliche Ursache hinter einer Unachtsamkeit am Steuer gesteckt hat. Es werde sehr viel Wert auf technische Details am Auto und beim Unfallhergang gelegt. Dies solle auch für den Körper des Fahrers gelten, hieß es.

Doch was kann ein Arzt tun, wenn er einen Patienten nicht mehr für fahrgeeignet hält? "Wenn der Patient völlig uneinsichtig ist, und sich selbst und andere gefährdet, dann muss der Arzt überlegen, ob er die Schweigepflicht bricht, und etwa die Fahrerlaubnisbehörde davon in Kenntnis setzt", sagt Tagungspräsident Professor Klaus Püschel, Rechtsmediziner vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Ärzte täten sich aber oft schwer, die Rechtsgüter abzuwägen. Dem Gedanken, das Vertrauensverhältnis zum Patienten nicht zu zerstören, stehe dann das Recht der Allgemeinheit gegenüber, nicht gefährdet zu werden. Ähnlich den Gesetzen zum Schutz von Kindern in Deutschland sollten hierfür Richtlinien geschaffen werden, forderte Püschel.

Diskutiert wird in den Fachkreisen auch ein verpflichtender Fahreignungs-Check für ältere Menschen. Erst kürzlich hatte eine 80-jährige Autofahrerin in Wuppertal aus ungeklärter Ursache die Kontrolle über ihren Wagen verloren und zwölf Menschen bei einem Unfall verletzt.

"Es ist nicht so, dass jeder per se durch sein Alter auffällig ist." Auch seien viel mehr junge Autofahrer in tödliche Unfälle verwickelt als Senioren. Aber es gebe eine Summe an Dingen bei Älteren, etwa Beschwerden an den Augen, ein Altersdiabetes oder die Einnahme vieler Medikamente gleichzeitig, die auf den Prüfstand sollten. Püschel befürwortet diese Checks, weiß aber auch: "Damit macht man sich keine Freunde."

Christiane Löll, dpa



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