Aggressivität im Straßenverkehr "Tempolimits würden helfen"

Kampfradler, Bleifüße, Bordsteinschleicher - im Straßenverkehr scheint die Auseinandersetzung zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern zu eskalieren - nicht nur verbal. Ein Verkehrspsychologe erklärt, warum.

Mann am Steuer (Symbolbild)
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SPIEGEL ONLINE: Herr Schlag, Experten beklagen eine zunehmende Aggressivität im Straßenverkehr - zuletzt auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar. Deckt sich das mit Ihrer Forschung?

Zur Person
    Bernhard Schlag, geboren 1950 in Aachen, leitete bis 2016 die Professur für Verkehrspsychologie an der TU Dresden. Er ist seit 2017 Seniorprofessor Forschung. Schlag publizierte vor allem zu psychologischen Fragen der Mobilität und des Verkehrsverhaltens.

    Er ist Berater verschiedener Ministerien und Industriefirmen und gehört unter anderem dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur an.

Schlag: Nein, nicht wenn man objektive Zahlen zugrunde legt. Die Zahl der Unfälle, die voraussichtlich durch Aggressivität verursacht worden sind, geht zurück oder nimmt, gemessen am Pkw-Bestand, zumindest nicht zu. Dazu zählen Raserunfälle oder Unfälle durch extrem dichtes Auffahren.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es in der Gesellschaft das Gefühl, die Auseinandersetzungen auf der Straße werden härter. Wie kommt das?

Schlag: Wesentlich durch die steigende Verkehrsdichte. Es gibt eine berühmte Aggressionstheorie, die besagt, Frustration mündet in Aggression. Werde ich durch ein hohes Verkehrsaufkommen beispielsweise am Wechseln einer Fahrspur gehindert, führt das zu Frust und damit zu Aggression.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der am Spurwechsel gehinderte Autofahrer wild hupt, gilt er dann schon als aggressiv?

Schlag: Ja, wenn er durch sein Hupen das Ziel verfolgt, die Fahrbahn auf Kosten des anderen zu wechseln. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen instrumenteller Aggressivität, die dazu dient, eigene Interessen oder Ziele besser durchzusetzen, und einer feindseligen Aggression, welche die Intention hat, andere zu schädigen. Im Straßenverkehr wird es sich meistens um instrumentelle Aggressivität handeln.

SPIEGEL ONLINE: Hupen gilt in Italien als freundliche Aufforderung, weniger als Beleidigung. Gibt es kulturelle Unterschiede beim Aggressionsempfinden?

Schlag: Durchaus. Nehmen Sie nur das Kommunikationsverhalten von Menschen im Süden Europas. Dort ist es üblich, bei einer Diskussion näher an den Gesprächspartner heranzutreten als im Norden. Was im Süden als normal empfunden wird, kann im Norden als übergriffig gewertet werden. Ähnlich kann es beim Autofahren sein. Stoßen unterschiedliche Kulturen aufeinander, führt das womöglich zu Konflikten. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass Aggression auch immer im Auge des Betrachters liegen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sind Männer im Straßenverkehr aggressiver unterwegs als Frauen?

Schlag: Es gibt die sogenannte sensation seeking theory, die das postuliert. Sie vertritt die These, dass Männer ausgeprägter den Wunsch haben als Frauen, starke Reize zu erleben und dabei starke Empfindungen zu haben, und diesen bei Sportarten, aber auch im Straßenverkehr ausleben. Verbunden ist das Verlangen nach einem besonderen Erlebnis mit einer hohen Sensibilität gegenüber Langeweile. Langeweile fördert Aggressivität.

SPIEGEL ONLINE: Dann hilft es nicht nur der Autoindustrie, dass sie teure Unterhaltungselektronik fürs Auto verkauft, sondern auch der Gesellschaft?

Schlag: Mittlerweile ergreifen manche Städte oder Kommunen sogar bauliche Maßnahmen gegen die Monotonie. So sind auf der Autobahn A4 zwischen Aachen und Köln Schilder aufgestellt, die jeweils einen Baum des Jahres zeigen - zur Bekämpfung der Langeweile auf gerader, breiter Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Besonders der Konflikt zwischen Radfahrern und Autofahrern spitzt sich in Städten zu - woran liegt das?

Schlag: Der Streit zwischen Radfahrern und Autofahrern ist ein fundamentaler Ressourcenkonflikt. Radfahrer sind häufig der Meinung, dass ihnen mehr Raum zusteht als vom Straßenbau zugeteilt. Und damit haben sie vermutlich sogar recht. Die Autofahrer befürchten natürlich, dass ihnen Raum durch immer mehr Radler genommen wird.

SPIEGEL ONLINE: Steigert es das gegenseitige Verständnis, wenn Autofahrer und Fahrradfahrer häufiger die Rollen tauschen?

Schlag: Das bringt interessanterweise meist gar nichts. Es fällt den Menschen schwer, sich in den jeweils anderen zu versetzen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Schlag: Selbst Radfahrer oder Autofahrer, die grundsätzlich dazu bereit sind, sich in die Rolle des anderen zu versetzen, scheitern oft. Gerne dann, wenn sie in großer Eile sind und möglichst schnell durch- und vorankommen wollen. Generell fördert Geschwindigkeit Aggression, weil sie uns die Chance nimmt, mit anderen erfolgreich zu kommunizieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

Schlag: Die klassische Lösung ist, dass man Auto- und Radverkehr trennt, beispielsweise durch getrennte Radwegenetze wie in den Niederlanden. Damit erhält jeder Verkehrsteilnehmer seine eigene Ressource. Wo das nicht möglich ist, müssen Menschen Zeit bekommen, miteinander durch Handzeichen oder Blickkontakt zu kommunizieren. Empfundene Aggression hat auch etwas mit Geschwindigkeit zu tun. Denn der Fahrer beansprucht nicht nur den Raum, den er mit seinem Auto einnimmt, sondern die gesamte Trajektorie voraus, den gesamten "Fahrschlauch".

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Schlag: Als Fahrschlauch bezeichnet man den Bereich, den der Verkehrsteilnehmer im Blick hat, aber erst in wenigen Sekunden erreichen wird. Je niedriger die Geschwindigkeit, desto kleiner auch der beanspruchte Raum und damit das Konfliktpotenzial. Fußgänger ecken beispielsweise so gut wie nie an, weil sie aufgrund des langsamen Tempos einen Automatismus fürs Ausweichen entwickelt haben, der ohne Gesten und Worte funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lösung schlagen Sie vor, um die gefühlte Aggressivität im Straßenverkehr zu bekämpfen?

Schlag: Tempolimits würden helfen. Im Ausland versteht ohnehin niemand, dass in Deutschland immer noch zwei Drittel aller Strecken auf der Autobahn völlig unlimitiert sind. Aber auch in Städten müsste die Geschwindigkeit gedrosselt werden.

SPIEGEL ONLINE: Härtere Strafen und höhere Bußgelder gelten als Möglichkeit, die Aggressivität im Straßenverkehr zu unterbinden. Wie Erfolg versprechend sind diese Maßnahmen?

Schlag: Härtere Strafen bringen nichts, wenn nicht die Überwachung erhöht wird und damit auch die Wahrscheinlichkeit, das Fehlverhalten aufzudecken. Reflexartig härtere Strafen zu fordern - das ist zu kurz gedacht.



insgesamt 313 Beiträge
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Seite 1
fx33 12.03.2018
1. Diese Meinung...
Diese Meinung vertrete ich schon lange, u.a. auch in diesem Forum. Aber anscheinden braucht es erst wieder einen "Experten", damit das so Offensichtliche zur Kenntnis genommen wird. Anscheinend ist gesunder Menschenverstand etwas, was der Mehrzahl der Menschen abhanden gekommen ist. Und ich kann jetzt schon gedanklich die Beiträge derjenigen antizipieren, die behaupten, dass wir kein Tempolimit brauchen, solange nur die "Schleicher" einfach auf der rechten Spur bleiben...
Mathesar 12.03.2018
2. Oha...
...das nächste Ziel in der Verbotsrepublik wird anvisiert!
Barças Superstar 12.03.2018
3. autonomes Fahren
Mit dem autonomen Fahren und der automatischen Verkehrsschildererkennung ist ja dann alles gelöst. Bis auf die Tatsache, dass es viele Zeitgenossen als Freiheitsberaubung werten werden. Es gehört wohl zur (tendenziell maskulinene) Seite des Lebens, dass man es dem anderen ja auch mal richtig zeigen will. Gottlob sind unsere Straßen dann doch keine Sportplätze, wo man das ja auch ausleben kann. Gelassenheit und Nachgeben hilft aber in den meisten Fällen. Wenn ich dem anderen damit zeigen kann, dass ich mehr Zeit habe, erzeugt das schließlich auch Neid.
arnfriedthanau 12.03.2018
4. Kennzeichenpflicht würde helfen
Die meisten Radfahrer verhalten sich vernünftig und versuchen, mit den anderen Verkehrsteilnehmern (Fußgänger, ÖPNV, Kraftfahrer) auszukommen. Die geschätzt 15% Kampfradler, vor allem in den Innenstädten, erlauben sich Sachen, die sich sonst keiner trauen würde. Z.B. fahren im Dunklen ohne Licht, noch in dunkler Bekleidung, fahren auf dem Gehweg ohne Rücksicht auf Fußgänger, bei Rot über Kreuzungen, abbiegen ohne Zeichen zu geben und vieles andere. Warum machen sie das? Weil sie sich sicher sind, unerkannt davon zu kommen. Eine Kennzeichenpflicht für Fahrräder würde helfen, dass sich eher nach den Verkehrsregeln verhalten wird.
xvxxx 12.03.2018
5. Tempolimits?
Tempolimits würde m.E. überhaupt nicht bzw. nur für einen Bruchteil der Agressivität helfen. Besichtigen lässt sich das jeden Morgen und Abend auf den tempolimitbewehrten Ein- und Ausfallstrassen der Städte. Oder jederzeit auf den Ringstrassen. Fahren Sie doch mal genau mit Tempolimit auf dem mittleren Ring in München, und ungeahnte Aggression wird Ihnen zuteil werden. Und seit dem 50 ist wo vorher 60 war haben die Aggressionen eher zugenommen...
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