Airbrush-Künstler Knud Tiroch: "Muscle-Cars sind meine Passion"

Wenn Knud Tiroch nicht gerade Oldtimer in staubigen Scheunen aufspürt, besprüht er V8-Monster oder die Formel-1-Flotte von Team Scuderia Toro Rosso. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Airbrushkünstler über seine Maltechnik, seine Lehrjahre und seinen beeindruckenden Fuhrpark.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tiroch Sie sind Tuner, Airbrush-Künstler, Muscle-Car-Fan und seit Anfang des Jahres auch noch Darsteller in Ihrer eigenen Reality-Soap "Hot Rod Hangar". Was machen Sie gerade?

Knud Tiroch: Im Moment bin ich in Italien und gestalte für Sebastian Vettel und Sébastien Bourdais die Formel-1-Wagen fürs Team Scuderia Toro Rosso.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprühen der Fahrzeugflotte für diese Saison den Red-Bull-Stier auf die Karosserie?

Tiroch: Genau. Das ist ein Quantensprung in der Rennwagenszene: Wir gehen weg von der Einheitsfarbe, das Fahrzeug wird zum Kunstobjekt. Ich lege das Motiv über die komplette Karosserie. Mir gefällt das Projekt, weil es eigentlich unmöglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso unmöglich?

Tiroch: Jedes Fahrzeug ist handgemacht. Jedes Einzelteil wird separat bemalt - von der Motorabdeckung über den Heckspoiler bis hin zu den 20 Anbauteilen der Karosserie. Und das drei- bis viermal.

SPIEGEL ONLINE: Warum so oft?

Tiroch: Wenn beim Rennen ein Anbauteil wegfliegt, wird er beim Boxenstopp durch das Duplikat ersetzt.

SPIEGEL ONLINE: In der Boxengasse sind Sie mit Ihrem Kunst-Diplom ein ziemlicher Exot. Wo haben sie studiert?

Tiroch: Ich habe meinen Abschluss vor 25 Jahren an der Kunstakademie in Österreich gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Danach haben Sie in Chicago Kulissen und Motorhauben gestaltet. Warum wollten Sie so weit weg?

Tiroch: Für mich war es die absolut richtige Entscheidung. In Europa steckte Airbrush noch in den Kinderschuhen. Mich faszinierte die Möglichkeit, mit dieser Technik großen Illustrationen in kurzer Zeit mit wenigen Strichen viel Ausdruck zu verleihen.

SPIEGEL ONLINE: Nachts zogen Sie mit Freunden durch die Straßen und besprühten Mauern und Container. Wurden Sie nie erwischt?

Tiroch: Ich weiß gar nicht, ob das damals illegal war. Das hat mich auch nicht interessiert, hinterher sahen die tristen Mauern jedenfalls besser aus.

SPIEGEL ONLINE: Entdeckten Sie in Chicago auch Ihre Passion für Muscle-Cars und Hot-Rods?

Tiroch: Ja, denn diese Szene war dort gegenwärtig. Am Wochenende trafen sich die Muscle-Car-Fahrer im Drive Inn, im Cafe oder auf einer einsamen Landstraße. Jedes Wochenende gab es Cruisings. Für mich war das komplett neu. Es hat mich sehr begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Hot-Rodder sind Geschwindigkeitsfanatiker ...

Tiroch: ... und Minimalisten. Die haben wenig Geld, besorgen sich eine alte Schrottkiste, werfen alles raus, was Gewicht hat, bauen den neuen Motor eines Unfallautos ein und fahren Rennen.

SPIEGEL ONLINE: Hot-Rods oder Muscle-Cars - was lieben Sie mehr?

Tiroch: Muscle-Cars sind meine Passion. Ich habe mich mit Auge und Geist in der Zeit von 1968 bis 1973 eingependelt. Damals wurden die stärksten, solidesten und verlässlichsten Modelle gebaut. Mit denen kann man problemlos ein paarmal Amerika durchqueren.

SPIEGEL ONLINE: Deren Markenzeichen sind wuchtige Formen ...

Tiroch: … ja, tiefe Schürze, bulliger Kühlergrill, knallige Farben und 400 bis 600 PS.

SPIEGEL ONLINE: Also ziemliche Macho-Kisten!

Tiroch: Absolut. Wenn du cool bist, fährst du ein Muscle-Car, hieß es in den Siebzigern. Die Muscle-Cars wie die Hot-Rods waren größenwahnsinnig in ihrer Motorleistung und superindividuell in ihrer Optik.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Autos besitzen Sie?

Tiroch: Sieben Muscle-Cars, zwei Hot-Rods, einen Chevy Custom und jetzt noch einen Cuda und einen Superdee.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind Sie der Super-Macho?

Tiroch: Ich lebe im Einklang mit der Kunst und der Technik. Das ist mein Lebensstil, mein Lebenskunstwerk.

SPIEGEL ONLINE: Im Muscle-Car durch Österreich zu heizen ist ein Lebensstil?

Tiroch: Es ist meiner. Im Muscle-Car fahre ich nicht zum Brötchenholen. Muscle-Car zu fahren ist ein Erlebnis. Diese Autos muss man noch richtig schalten. Sie haben null Schallisolierung, man spürt das Vibrieren des Motors und genießt den bärigen Sound des V8-Motors.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie überhaupt an diese alten Autos? Die stehen ja nicht beim Händler um die Ecke.

Tiroch: Ich ziehe zusammen mit meinem Sohn Dominic in den Krieg.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Tiroch: Der Krieg, den wir uns selbst machen. Zum Beispiel die Limited Edition eines Muscle-Cars in einer alten Scheune mitten in Texas aufzutreiben. Der Fahrer war am Tag nach dem Kauf gestorben, und seitdem hatte die Witwe den Wagen in der Scheune nicht mehr angerührt.

SPIEGEL ONLINE: Schöne Geschichte.

Das ist tatsächlich passiert.

SPIEGEL ONLINE: Woher bekommen Sie Ihre Infos?

Tiroch: Normalerweise berichten uns Freunde aus einem US-Autoclub von einem Wagen, der irgendwo auf einer Farm verrottet. Wenn wir nach wochenlanger Recherche und unzähligen Telefonaten den Besitzer des Wagen auftreiben, den Zustand des Wagens kennen und einen Preis vereinbart haben, ziehen wir los. Dann sind wir zwei Spartaner und holen unsere Trophäe heim.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt danach?

Tiroch: Dann sichten wir das alte Schrotttier, zerlegen es und machen eine Liste, was gebraucht wird für die Restauration. Weil wir möglichst viele Originalteile verbauen, dauert das.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange?

Tiroch: Fünf bis sechs Monate, wenn das Auto in einem guten Zustand ist. Sonst auch mal zwei Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie, wenn Sie nicht im Krieg sind und weder Autos aufarbeiten noch malen?

Tiroch: Dann kann ich gut abhängen. In einer heißen Badewanne mit einem Hot-Rod- oder Muscle-Car-Magazin werde ich zur Wasserleiche.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Benzingespräch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Knud Tiroch: Autos als Kunstwerke

Aktuelles zu