Airstream-Wohnwagen: Silberstreif am Horizont

Von Jürgen Pander

In den USA sind die silberfarbenen Airstream-Wohnanhänger Ikonen: In ihnen lebt der Frontier-Gedanke fort, die Lagerfeuer-Romantik und das bittersüße On-the-road-Gefühl. Jetzt gibt es den Kult-Caravan auch in einer Europa-Version - doch die Kundschaft zögert noch.

Zum 75. Firmenjubiläum der Airstream Manufacturing Company, das im Sommer 2006 in Jackson Center im US-Staat Ohio gefeiert wurde, waren 165 Fans mit ihren silberfarbenen Wohn-Zeppelinen angereist, denen die Geschäftsführung persönlich Hamburger servierte. Die Herren aus der Firmenleitung betätigten sich nicht nur als Servicepersonal, sondern beschlossen auch, den US-amerikanischen Kultwohnwagen in Europa zu etablieren. Für die Expansion war jedoch viel Vorbereitung nötig. Denn vom Fahrgestell bis zur Einrichtung musste praktisch alles auf europäische Größen- und Gewichtsverhältnisse und Gesetze abgestimmt werden. Inzwischen sind drei Varianten verfügbar und die ersten knapp hundert Modelle in England, Holland und Deutschland verkauft. Doch insbesondere hierzulande halten sich die Fans des mobilen Wohnens noch zurück.

"Es liegt wohl am miesen Image, das Wohnwagen in Deutschland haben", sagt Armin Heun, Geschäftsführer der Firma Roka im nordhessischen Mengerskirchen, dem bislang einzigen Airstream-Händler in Deutschland. Wohnwagen-Urlaub werde noch immer mit Knausertum in Verbindung gebracht. Doch wer sparen will, kommt gewiss nicht auf die Idee, einen Airstream-Caravan zu kaufen. Denn das günstigste Modell kostet 55.000 Euro, der Preis für das Topmodell 684, ein luxuriöser Tandemachser, kann bei Vollausstattung durchaus 90.000 Euro erreichen. Heun: "Wenn man bedenkt, dass der Durchschnittspreis der in Deutschland gekauften Wohnwagen bei 13.800 Euro liegt, erkennt man schon die Ausnahmestellung von Airstream."

Die Besonderheiten erschließen sich auch ohne solche Marktdaten auf Anhieb, denn Airstream-Wohnwagen gelten als Design-Klassiker. Während normale Caravans wie vergilbte Kunststoffblasen erscheinen, wirkt ein Airstream-Modell wie eine Art-Deco-Skulptur. Gebaut werden die Wohnanhänger seit 1931 praktisch unverändert - mit blanker Aluminium-Außenhaut, charakteristischer Zigarrenform und gediegener Innenausstattung. Der Wohnanhänger vermittelt durch die wie ein Flugzeugrumpf vernietete Außenhülle sowohl Solidität, Abenteurertum und einen Hauch Futurismus.

Es begann mit einer Bauanleitung für einen Dollar

Wally Byam erfand das Gefährt - und wenn man der Firmenhistorie glauben darf, dann war es seine Gattin Marion, die den Anstoß dazu gab. Denn sie begleitete ihren Mann zwar beim Camping, mochte aber die Nächte im Zelt nicht besonders. Deshalb baute Mr. Byam auf einem Ford-T-Fahrgestell eine Art rollende Hütte mit Kerosinofen und Kühlschrank. In einem Artikel mit dem Titel "Wie man für hundert Dollar einen Wohnwagen baut" beschrieb Wally Byam seine Konstruktion. Das Echo war so gewaltig, dass er Bauanleitungen für ein Dollar das Stück versandte und binnen kurzer Zeit 15.000 Dollar einnahm. Er witterte ein Geschäft - und gründete 1931 die Firma Airstream Manufacturing Company. Den Namen wählte er, weil seine Wohnanhänger leicht wie ein Luftstrom über die Straßen gleiten sollten.

Die Caravans selbst trugen später Namen wie Flying Cloud, Cruisette oder Trailwind. Die aktuell in Europa verfügbaren Versionen dagegen sind profan benannt. 532, 534 und 684 heißen die Modelle, die zwischen 5,30 und 6,80 Meter lang sind und 2,30 oder 2,50 Meter breit. Um in Europa zugelassen werden zu können, erhielten die Caravans ein komplett anderes Chassis, eine auf 230 Volt ausgelegte Stromversorgung, wurden deutlich abgespeckt und so neu austariert, dass die Stützlast maximal 140 Kilogramm beträgt.

Zu cool für den eingefleischten Dauercamper

"Airstream-Wohnwagen sind Vier-Sterne-Hotels auf Rädern", sagt der deutsche Repräsentant Armin Heun. Vergleichbares gebe es auf dem Wohnmobilmarkt nicht. Die Ausstattung reicht von Lederpolstern über Mikrowellenofen bis zum Flachbildschirm. Vor allem aber folgt die Einrichtung nicht den noch immer gängigen plüschig-gemütlichen Wohnwagen-Standards, sondern orientiert sich am kühl-eleganten Lounge-Stil moderner Großstadt-Bars - der Innenarchitekt Christopher Deam gestaltete das Interieur. Dem Dauercamper aus Castrop-Rauxel mag das fremd und unpassend vorkommen - dem stilbewussten Weltenbummler jedoch dürfte das hochwillkommen sein. Nur: Gibt es davon so viele, dass sich ein Geschäft daraus machen lässt?

Armin Heun und die Firma Airstream wollen es zumindest versuchen. Demnächst starte eine Roadshow durch 20 deutsche Städte, auf der Airstream-Wohnwagen vorgestellt werden. Firmengründer Wally Byam betonte stets, er verkaufe keine Wohnwagen, sondern einen Lebensstil. Heun sieht das ähnlich. "Das richtige Airstream-Gefühl, das muss sich in Deutschland erst noch entwickeln."

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