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Streit über Daimler-Kältemittel: Brüssel geht gegen Deutschland vor

Klimaanlage im Daimler: Der Autobauer will  weiter ein altes Kältemittel nutzen  Zur Großansicht
DPA

Klimaanlage im Daimler: Der Autobauer will weiter ein altes Kältemittel nutzen

Die EU-Kommission eröffnet ein Verfahren gegen die Bundesregierung. Grund sind Modelle des deutschen Autokonzerns Daimler, die ein umweltschädliches Kältemittel für ihre Klimaanlagen nutzen.

Brüssel - Im Streit über ein klimaschädliches Auto-Kältemittel erhöht Brüssel den Druck auf Deutschland. Die EU-Kommission leitet am Donnerstag ein Verfahren wegen der Verletzung europäischen Rechts gegen die Bundesregierung ein. Das wurde am Montag in Brüssel offiziell mitgeteilt.

Im Mittelpunkt des seit mehr als einem Jahr schwelenden Streits steht der Autobauer Daimler. Die Stuttgarter weigern sich nach eigenen Tests, die eine Entflammbarkeit der Chemikalie 1234yf ergeben haben, diese für ihre Klimaanlagen zu nutzen. Diese ist aber die einzige, die die in der EU seit 2013 geltenden schärferen Klimaschutzauflagen erfüllt.

Industriekommissar Antonio Tajani werfe der Bundesregierung vor, widerrechtlich neue Fahrzeugtypen von Daimler mit dem bisherigen, klimaschädlicheren Kältemittel zuzulassen, berichtete das "Handelsblatt". Bei neuen Fahrzeugtypen ist das nicht mehr zulässig. Damit verstoße Deutschland gegen EU-Klimaschutzauflagen.

Mercedes hatte für neue Modelle rückwirkend eine alte Typenzulassung beantragt. Nach EU-Recht muss das schädlichere Mittel schrittweise bis Ende 2016 aus dem Markt genommen werden, um zum Klimaschutz beizutragen. Daimler will deshalb als Alternative eine Klimaanlage mit CO2 als Kältemittel entwickeln und einsetzen. Die ersten Tests mit Fahrzeugen sollen im Frühjahr laufen. Die Serienreife will Daimler bis 2017 erreichen.

Daimler verwendet weiter das klimaschädliche Kältemittel R134a, weil das von der EU zugelassene Mittel bei einem Test in Brand geraten war.

Das Kraftfahrtbundesamt hatte deshalb das Risiko untersucht und festgestellt, dass die Brandgefahr nur unter ganz extremen Bedingungen besteht, aber nach dem Produktsicherheitsgesetz keine Bedenken bestehen. Auch der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK)hat daraufhin verkündet, an dem Einsatz des umstrittenen Kältemittels für Klimaanlagen festzuhalten. Daimler wertet dieses Ergebnis allerdings als Bestätigung der Zweifel.

Brüssel verpflichtet die Autoindustrie dazu, nur noch solche Kältemittel zu verwenden, die maximal 150-mal so klimaschädlich sind wie CO2. Das gilt für R 1234yf - nicht aber für das Mittel R 134a, das Daimler derzeit noch verwendet.

mia/dpa/Reuters

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Umstrittenes Kältemittel: Die Stellungnahmen der Autohersteller

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Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


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