Angebliche Abzocke im Ausland: Die Panik vor dem Bindestrich

Pkw-Kennzeichen: Verwirrung um den fehlenden Strich Zur Großansicht
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Pkw-Kennzeichen: Verwirrung um den fehlenden Strich

Unter deutschen Autofahrern hält sich hartnäckig ein Gerücht: Steht in den Fahrzeugpapieren ein Bindestrich im Kennzeichen, heißt es, kostet das im Ausland bis zu 500 Euro Strafe. Die Geschichte ist haarsträubend - und sorgt für Ärger auf den Ämtern.

Hamburg - Seit Tagen wird Erhard Hirschberg die Arbeitslaune vermiest. Der Leiter der Zulassungsstelle des Eifelkreises Bitburg-Prüm muss Überstunden schieben, weil Hunderte Autofahrer in seiner Behörde Schlange stehen, um sich neue Fahrzeugpapiere zu besorgen. Im Grenzgebiet zu Luxemburg ist die Panik ausgebrochen. Und schuld daran ist das Bindestrichgerücht.

Dahinter verbirgt sich folgende Geschichte: Mit der Einführung des EU-Kennzeichens im Jahr 1994 verschwand der Bindestrich zwischen Stadterkennung und dem Rest des Nummernschilds. In alten Zulassungspapieren ist dieser Strich aber noch abgedruckt. Das ist alles richtig und eigentlich auch nicht weiter schlimm. Aber der winzige Strich in den Papieren stiftet trotzdem jede Menge Verwirrung.

Im Eifelkreis erzählen sich die Leute nämlich, dass die luxemburgische Polizei von deutschen Autofahrern saftige Strafen kassiert, weil die Angaben in den Fahrzeugpapieren angeblich nicht hundertprozentig mit dem Kennzeichen übereinstimmen.

Bekannte von Bekannten berichten Unglaubliches

"Gerade hat mir eine Kundin die neueste Version von diesem Gerücht erzählt", sagt Behördenleiter Erhard Hirschberg zu SPIEGEL ONLINE. Demnach ist ein Deutscher mit seinem Wagen in Luxemburg von der Polizei angehalten worden und musste 400 Euro Bußgeld blechen, weil der Bindestrich noch in seinen Papieren stand. Eine Quittung hätte weitere 100 Euro gekostet, weshalb der Fahrer darauf verzichtete und zahlte. Woher die Frau diese Geschichte hatte? "Von einem Arbeitskollegen, der sie wiederum von einem Bekannten gehört hat", sagt Hirschberg. Er klingt genervt.

Dazu hat er auch allen Grund. Denn am Bindestrichgerücht ist nichts dran. "Wir haben mit der Polizei in Luxemburg gesprochen, und die haben uns gesagt, dass sie keine Anordnung haben, die Papiere auf diesen Strich hin zu kontrollieren", sagt Hirschberg. Der ADAC bestätigt diese Info. Den Juristen des Autoclubs ist kein einziger Fall bekannt, in dem tatsächlich eine solche Strafe verhängt wurde.

Es kehrt keine Ruhe ein

Das Bundesverkehrsministerium sah sich bereits vor einem Jahr zu einer Klarstellung genötigt: In einem offiziellen Schreiben machte es deutlich, dass auch solche Fahrzeugscheine gültig sind, in denen der Bindestrich noch drin steht. Das Gerücht ist nämlich nicht neu - im August 2012 verbreitete die Handwerkskammer Reutlingen auf ihrer Homepage die gleiche Geschichte, die jetzt auch Erhard Hirschberg im Eifelkreis zu Ohren gekommen ist. Statt in Luxemburg spielte sich die angebliche Abzocke aber in Italien ab. Der Bericht stützte sich damals "auf mündliche Berichte".

Um die Bevölkerung zu beruhigen, hat Hirschberg bereits Info-Blätter auf den Gängen seiner Behörde aushängen lassen. Geholfen hat es nicht. Pro Tag kommen immer noch bis zu 30 Leute in die Zulassungsstelle des Eifelkreises Bitburg-Prüm. Sie ziehen eine Nummer und warten, bis sie an der Reihe sind und kostenlos neue Fahrzeugpapiere bekommen - ohne den Bindestrich.

cst

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insgesamt 112 Beiträge
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1. Vielleicht hat sich die Luxemburger Polizei so etwas ausgedacht?
MeineMeinungist... 31.07.2013
Wenn das Ausstellen einer Quittung auch noch 100 Euro kosten sollte, liegt es doch auf der Hand, dass es sich um Betrug handelt. Mein erster Gedanke war allerdings, sich die Luxemburger das ausgedacht haben, wegen der stark rückläufigen Schwarzgeldkonten. hbommy
2. Vielleicht...
dango 31.07.2013
...liegt es ja auch ein bisschen an den Behörden selbst, dass der Bürger das für absolut realistisch hält !
3. Früher gab es im Sommerloch das Ungeheuer von Loch Ness!
jerazi 31.07.2013
Wo ist es geblieben? Nach Gran Canaria zum All-Inklusive geschwommen?
4. In Bezug auf Italien glaubhaft
Malshandir 31.07.2013
Also es ist durchaus glaubhaft in Bezug auf Laender wie Italien oder Griechenland. man muss natuerlich auch Fragen, warum hat man den Bindestrich gestrichen?
5. Weder Spinnerei noch Sommerloch....
hf01587 31.07.2013
..ich hoffe aber das Problem ist langsam geklärt. Hier haben echt Leute bezahlt. Große Aufregung im Vorjahr! Siehe auch: http://www.sz-online.de/nachrichten/neues-kennzeichen-ohne-trennstrich-sorgt-weiter-fuer-aerger-1652140.html
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