Benzin-Talk: "Anne Will" im Schnellcheck

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Der Benzinpreis steigt und steigt - wer ist schuld? Oder muss Sprit noch viel teurer werden, damit wir zur Vernunft kommen? Bei Anne Will rangen sechs Gäste um Antworten, nur zwei konnten überzeugen. Der Talk im Schnellcheck.

ARD-Moderatorin Anne Will (Archivbild): Auf der Suche nach neuen Erkenntnissen Zur Großansicht
dapd

ARD-Moderatorin Anne Will (Archivbild): Auf der Suche nach neuen Erkenntnissen

Um was ging's?

Den Benzinpreis, mal wieder. Seit Wochen klettert er von Hoch zu Hoch. Der Volkszorn brodelt. "Preis-Wahnsinn an der Zapfsäule - wird Autofahren bald unbezahlbar?", fragte deshalb Anne Will.

Bereits Anfang April hatte Günther Jauch in seiner Sendung zum gleichen Thema ergebnislos nach Verantwortlichen gefahndet. Danach wünschte man sich, dass die Ölreserven bald aufgebraucht sind - damit man solche Shows nicht mehr ertragen muss. Doch noch ist Sprit da, also: Wie würde es bei Anne Will werden? Würde es neue oder überhaupt Erkenntnisse geben?

Wer war da?

Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Mineralwirtschaftsverbandes. Der hatte schon bei Jauch sein Klagelied angestimmt über die harte Wirklichkeit der Ölkonzerne. Außerdem Bernhard Brink, Schlagersänger und Moderator, Ines Pohl, Chefredakteurin der "taz" und bekennende Fahrradfahrerin, sowie Alexander Graf Lambsdorff, Europaabgeordneter der FDP. Als Vertreter der Porschefahrer-Fraktion waren Klaus Ernst, Bundesvorsitzender der Linken, anwesend und Ulf Poschardt, früherer "Vanity-Fair"-Chef und heute stellvertretender Chefredakteur der "Welt"-Gruppe.

Auf wen hätte man verzichten können?

Bernhard Brink hatte zur Debatte nicht viel beizutragen, außer, dass er 120.000 Kilometer im Jahr fährt und sich abgezockt fühlt.

Das wurden die Teams:

Im Verlauf der Sendung fand eine überraschende Lagerbildung statt: Der Linke Klaus Ernst verbündete sich mit dem liberalen Graf Lambsdorff, sie einte der Wunsch nach einer Kontrolle der Ölkonzerne und einer Entlastung der Bürger. Beide bemühten abwechselnd Rentner, alleinerziehende Mütter und einfache Arbeiter als von der Zapfpistole gegängelte Opfer - und versuchten, Klaus Picard den Schwarzen Peter zuzuspielen, also dem Lobbyisten der Ölmultis.

Der konterte alle Vorwürfe (Preisanstieg zu Ferienbeginn o. ä.) souverän mit Fakten und Statistiken, die sich nicht nachprüfen ließen.

Gleichzeitig taten sich "taz"-Frau Pohl und "Welt"-Mann Poschardt zur Allianz der Vernunft zusammen und wiesen darauf hin, dass in Wahrheit doch ganz andere Dinge geklärt werden müssten als die Höhe des Benzinpreises: nämlich wie sich auch in Zukunft Umweltverträglichkeit und Mobilität vereinen lassen. Die beiden waren die Rettung der Show.

Das beste Zitat:

"Die Rohstoffmärkte richten sich nicht nach unseren Skiferien." (Klaus Picard)

Im Ernst:

"In einer ökologisch verantwortungsbewussten Gesellschaft sollte Mobilität, wie wir sie kennen, den Gestus von Luxus haben. Anders gesagt: Autofahren muss wehtun." (Ulf Poschardt)

Schachmatt gesetzt:

"Wenn Sie die Leute entlasten wollen, dann senken Sie doch einfach die Mineralölsteuer." (Klaus Picard zu Klaus Ernst)

Der beste Einspieler:

Als rund zwei Drittel der Sendung vorbei waren, fragte Anne Will, ob Benzin nicht vielleicht sogar viel zu billig sei. Dann wurden Menschen, die mitten in Berlin aus Geländewagen (SUVs) oder großen Limousinen stiegen, nach dem Benzinverbrauch ihres Autos gefragt. Eine Frau sagte: "Keine Ahnung, da müssen Sie meinen Mann fragen." Und Rolf Eden in seinem Rolls-Royce-Cabrio sagte: "Das interessiert mich nicht."

Wer war der heimliche Star der Sendung?

Ulf Poschardt hat das gesagt, was alle wissen, sich aber niemand zu sagen traut. Nämlich dass es kein Grundrecht auf Autofahren gibt. Und dass man sich am leichtesten selbst finanziell entlasten kann, in dem man wenig und vor allem vernünftig fährt. Und dass man, wenn man so wie er nicht mit der Bahn zur Arbeit fährt, sondern mit dem Auto, nicht rumjammern darf.

Was ist die Erkenntnis?

Dass Menschen, die sich eigentlich um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in Sachen Mobilität kümmern müssen (Lambsdorf und Ernst), daran kein Interesse zu haben scheinen, sondern sich eher auf kurzfristig werbewirksame Projekte kaprizieren (Pendlerpauschale). Sämtliche themenrelevanten Stichworte wie Nachhaltigkeit von Energie, Carsharing, alternative Stadtplanung et cetera wurden von Pohl und Poschardt genannt. Das war für die Sendung unterhaltsam, ist als Perspektive für Deutschland aber eher deprimierend.

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1.
franneck 26.04.2012
Zitat von sysopDer Benzinpreis steigt und steigt - wer ist schuld? Oder muss Sprit noch viel teurer werden, damit wir zur Vernunft kommen? Bei Anne Will rangen sechs Gäste um Antworten, nur zwei konnten überzeugen. Der Talk im Schnellcheck. Benzin-Talk: "Anne Will" im Schnellcheck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,829838,00.html)
Meine vollste Zustimmung, ein guter Kommentar zu einer recht überflüssigen Sendung. In Sachen Benzinpreisen ist ja eigentlich alles gesagt worden in den letzten Wochen. Traurig, dass sich nur ein paar wenige wie Herr Poschardt trauen, das wirkliche Problem anzusprechen: Unsere selbstverschuldete Abhängigkeit vom Automobil.
2. Schade
macping 26.04.2012
Bin zwar "Will"-Fan, aber diese Sendung war wirklich unmöglich. Alle redeten durch- und gegeneinander und eine Linie war nicht zu erkennen. Volle Zustimmung für die Argumentation von Klaus Ernst: Wer so wenig verdient, daß er keine oder nur wenig Einkommenssteuer zahlt, hat von einer Erhöhung der Pendlerpauschale nichts. Egal ob es die Kosten an der der Tankstelle oder Fahrpreise im ÖPNV betrifft, jede Erhöhung schmälert das verbleibende Einkommen.
3. Ja ja
tharimar 26.04.2012
[qoute]*Wer war der heimliche Star der Sendung?* Ulf Poschardt hat das gesagt, was alle wissen, sich aber niemand zu sagen traut. Nämlich dass es kein Grundrecht auf Autofahren gibt. Und dass man sich am leichtesten selbst finanziell entlasten kann, in dem man wenig und vor allem vernünftig fährt. Und das man, wenn man so wie er nicht mit der Bahn zur Arbeit fährt sondern mit dem Auto, nicht rumjammern darf. [/quote] Das mag in deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg, München etc. ja ein gangbarer Weg sein. Aber was ist mit den vielen Menschen die auf dem Land, in kleineren Städten oder der Umgebung wohnen? Meine Schwester hat 30 km Arbeitsweg, wohnt in einer Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern. Der Bahnhof, der früher mal existierte, wurde vor gut 10 Jahren durch die deutsche Bahn stillgelegt, der Bus fährt 4x am Tag - nur leider auch nicht dahin, wo sie arbeitet. Meinen Schwager gehts ähnlich. Berücksichtigt man dann noch, dass sie 2 schulpflichtige Kinder haben, die auch noch nach hier und da gefahren werden müssen, dann erklären Sie mal, wie das funktionieren soll.
4.
neuroheaven 26.04.2012
das ist alles unsinn. natürlich haben wir deutschen einen grundanspruch aufs autofahren. und den setze ich natürlich mit allen mittel durch. das heißt ich spare zu erst an allen anderen sachen (essen, klamotten, wohnung, urlaub also quasi alles was für die deutsche wirtschaft gut wäre), wenn das nichts mehr bringt, würde ich meinen wohnsitz in grenznähe verlagern und nur noch im ausland tanken, aber um himmels willen, ich werde NIEMALS MEINE RECHT AUF AUTOFAHREN aufgeben. schon gar nicht für die dumme umwelt. soll sie doch verdrecken. das ist nicht meine verantwortung. gruß nach china an dieser stelle.
5. Danke!
vogelskipper 26.04.2012
Zitat von sysopDer Benzinpreis steigt und steigt - wer ist schuld? Oder muss Sprit noch viel teurer werden, damit wir zur Vernunft kommen? Bei Anne Will rangen sechs Gäste um Antworten, nur zwei konnten überzeugen. Der Talk im Schnellcheck. Benzin-Talk: "Anne Will" im Schnellcheck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,829838,00.html)
Ein gutes Format, um solche Sendungen zu resümieren, denn wie bereits anfangs erwähnt, werden die selben Themen von allen Talkern durchgekaut und der mündige, gebildete und intelligente Bürger langweilt sich sonst beim Artikel zur Sendung genaus so, wie er es beim Betrachten derjenigen schon tut, wenn er dabei nicht, wie das bei mir immer häufiger der Fall ist, einschläft. So habe ich zumindest schnell einen Überblick, was noch von B und C-Promis und den immer gleichen Politikern gequasselt wurde. Apropos Politiker: Hat Deutschland eigentlich nur zwei Handvoll Volksvertreter im Parlament sitzen, die man zu Talkshows einladen kann? Sind wir mal ehrlich: Welchen Polittalk kann man sich denn heute als halbwegs informierter und gebildeter Bürger denn noch ansehen, ohne bei jedem dritten Beitrag eines Gastes im Stillen zu fragen, für wie blöd diese Leute und Politiker uns Bürger eigentlich halten? Mir fällt da nur noch Maybritt Illner ein, denn sie hat zumindest das Rückgrat auch mal vehement zu widersprechen, während Will, Maischberger und Jauch & Co. doch eher darum bemüht sind das Kaffekränzchen nicht in irgend einer Weise aus dem sanften und oft inhaltlich seichten Ruder laufen zu lassen.
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