Anti-Falschfahrer-App Bei Anruf Gefahr

Plötzlich einem Falschfahrer entgegenzurasen - eine schreckliche Vorstellung. Studenten der TU Clausthal haben nun zusammen mit Ingenieuren der Software-Firma c4c eine Smartphone-App entwickelt, die in diesen Fällen warnen soll.

Von Christian Frahm

TU Clausthal

Falschfahrer verursachen in Deutschland jedes Jahr rund 80 Unfälle - häufig mit schweren Folgen. Bei jedem zweiten Unfall gibt es Verletzte, bei jedem sechsten kommt ein Mensch zu Tode, teilte das Bundesverkehrsministerium in einem Bericht aus dem Jahr 2012 mit. Immer wieder wird diskutiert, wie die Gefahr gebannt werden könne: durch zusätzliche Warnschilder, durch Metallkrallen auf der Fahrbahn oder durch eine Radarüberwachung der Autos. Bislang scheiterten alle Vorschläge an den Kosten. Jetzt schlagen Studenten der TU-Clausthal eine vergleichsweise billige Lösung vor. Denn viele Autofahrer besitzen längst ein Falschfahrer-Warngerät: ihr Smartphone.

In Kooperation mit Software-Entwicklern der Firma c4c Engineering aus Braunschweig entwickelten die Studierenden eine App für das Smartphone, die Leben retten könnte. Das Warnsystem soll folgendermaßen funktionieren: Der Autofahrer installiert die Anti-Falschfahrer-App auf seinem Smartphone. Fährt er auf eine Autobahn, sendet das Programm alle paar Sekunden seine GPS-Positionsdaten an die Notrufsäulen, die im Abstand von zwei Kilometern entlang der Autobahn aufgestellt sind. Dort werden die Positionsdaten der Fahrzeuge gesammelt und ständig ausgewertet.

"Erkennt die Software mit Hilfe dieser Daten einen Falschfahrer, warnt die App innerhalb von einer Sekunde alle entgegenkommenden Autos im Umkreis von etwa 50 Kilometern", sagt Andreas Rausch, Professor am Institut für Informatik an der TU Clausthal, der das Projekt betreut. Kurz gesagt: In allen Fahrzeugen in der Nähe mit Smartphone plus Anti-Falschfahrer-App an Bord klingelt das Telefon und das Display blinkt - einschließlich das Gerät des Falschfahrers.

Was das System nicht kann: Geisterfahrten verhindern

Das System hat zwei Vorteile gegenüber den bislang diskutierten Maßnahmen gegen Geisterfahrer: Zum einen existiert der Großteil der nötigen Infrastruktur bereits und der weitere Umbau wäre nicht sehr teuer. "Es müsste jede Notrufsäule mit W-Lan oder einem anderweitigem Funksystem ausgestattet werden", sagt Rausch. "Wir rechnen dafür pro Säule mit Kosten von weniger als 15 Euro." Der zweite Vorteil: Autofahrer würden frühzeitig gewarnt und könnten viel schneller auf die Gefahr reagieren. Bislang erfolgen die Warnung vor Geisterfahrern vor allem über den Verkehrsfunk im Radio, und dabei können wertvolle Minuten verstreichen.

Am Projekt mit dem Namen "Car2infrastructure-basierte Falschfahrererkennung" haben fünf Studenten und zwei Mitarbeiter der TU Clausthal sowie drei Mitarbeiter von c4c Engineering etwa neun Monate lang gearbeitet. Öffentlich vorgestellt wird ein Prototyp des Systems erstmals auf der CeBit in Hannover im März.

Fraglich ist allerdings, ob Autofahrer durch das Alarm schlagende Smartphone nicht zusätzlich irritiert und womöglich zu überhasteten Fahrmanövern verleitet werden, was eine zusätzliche Unfallgefahr bedeuten würde. Darüber hinaus sind Geisterfahrer häufig ältere Autofahrer und nutzen womöglich gar kein Smartphone. In solchen Fällen müsste eine passende Elektronik im Auto selbst verbaut sein, damit der Warneffekt eintritt. Und schließlich: Das System wird erst dann aktiv, wenn ein Autofahrer bereits in der falschen Richtung unterwegs ist - eine Geisterfahrt kann also auch diese Technik nicht verhindern.



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Seite 1
winterwoods 28.02.2014
1. Hm
Jetzt muss man nur noch den Umstand ändern, dass wohl die Mehrzahl der Falschfahrer entweder bewusst ihrem Leben (und dem der anderen) ein Ende setzen möchten, oder es sich um ältere verwirrte Menschen handelt mag? In beiden Fällen werden die Betreffenden keine App auf Ihrem Smartphone installieren. Deshalb sinnlos. Ein brauchbares System hierfür muss ohne die "Mithilfe" des Falschfahrers auskommen.
Lagenorhynchus 28.02.2014
2. Theorie
Wie viele Geisterfahrer gibt es? Eine eigene App ist - schon aus Datenschutz-, Kosten- und Bürokratiegründen - kompletter Unfug. Würde ich nicht nutzen. Ich fahre seit 30 Jahren und bin noch keinem Geisterfahrer begegnet. Was aber sinnvoll wäre, ist ein Alarmsystem per Navi, dort ist bereits mit TMC eine Informationsstrecke gegeben. Wäre aber nur Warnung bei bereits bekanntem Geisterfahrer. Millionen Autofahrer zu überwachen, ob sie auf der falschen Seite fahren (inkl Fehlalarme bei Baustellen) ist einfach technokratischer Blödsinn.
fjr 28.02.2014
3.
Das Smartphone klingelt und blinkt? Ja, das tut es bei jedem Anruf. Ich blicke unwillkürlich nach dem Telefon und übersehe dabei den Falschfahrer, dem ich sonst noch hätte ausweichen können. Danke für den Schwachsinn.
Holperik 28.02.2014
4. Damit lässt sich etwas anfangen
Die App kombiniert mit einer Kfz-Selbstzerstörungseinrichtung, wer falsch fährt, fliegt in die Luft. Irgendwann wird die EU das für Neuwagen vorschreiben.
c218605 28.02.2014
5. Stoerfunk
Frage mich ob nicht ein starker Stoersender nicht schon am Ende der Abfahrt Autos direkt lahmlegen keonnte. Sind doch schon fast alle mit sensibler Bordelektronik ausgestattet. Korrekt Abfahrende koennten den ja vorher ueber eine Bodensensor abschalten Kann zwar auch zum Unfall am dann stehenden Fahrzeug fuehren wenn ein Depp zu schnell ausfaehrt, aber das immer noch besser als Hochgeschwindigkeits-Crashs auf der Autobahn.
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