Assistenzsysteme in Bussen: Hier ist Überwachung sinnvoll

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Busunglück in Italien: In diesem Wrack starben 38 Menschen

In Italien sind am Montag 38 Menschen bei einem Busunglück umgekommen. In PKW wachen und warnen längst unzählige Assistenzsysteme vor Gefahren, und greifen zur Not auch ein. Auch für Busse sind die elektronischen Helfer verfügbar - werden aber aus Kostengründen oft nicht eingebaut.

In Italien ist am Sonntagabend ein Reisebus in der Nähe von Neapel auf ein Stauende gefahren. Anschließend durchbrach er die Leitplanke einer Autobahnbrücke und stürzte rund 30 Meter in die Tiefe. Mindestens 38 Menschen starben. Augenzeugen berichteten im Anschluss an das Unglück, dass der Bus mit großer Geschwindigkeit gefahren sei. Belege zum tatsächlich gefahrenen Tempo gibt es bislang nicht.

In Zeiten moderner Assistenzsysteme wirken solche Unfälle wie Anachronismen. Längst bieten fast alle PKW-Hersteller umfangreiche Pakete mit elektronischen Helferlein, die im Sinne der Sicherheit wachen, warnen und auch eingreifen. Der Sign Assist von VW beispielsweise erkennt Verkehrszeichen und zeigt dem Fahrer die zulässige Höchstgeschwindigkeit an. Das Pre-Safe-Paket von BMW überwacht unter anderem die Fitness des Fahrers. Und die neue Mercedes S-Klasse kann im Stau selbstständig mit einer Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h fahren, lenken und bremsen.

Vor dem Hintergrund solcher Unfälle wie in Italien drängt sich die Frage auf: Was für Sicherheits-Features gibt es in Omnibussen? Und könnten auch dort Assistenzsysteme derlei Unfälle verhindern?

Grundsätzlich sind die meisten in PKW erhältlichen Assistenz- und Sicherheitssysteme auch für Busse verfügbar. Doch meist werden sie nicht geordert. "Jeder Touristikunternehmer entscheidet selbst, ob er das Geld in die Hand nimmt und seine Fahrzeuge damit ausstattet", sagt ADAC-Experte Klaus Reindl. Und das kann ganz schön teuer werden. "Ein Bus, der in der Grundausstattung etwa 350.000 Euro kostet, kann entsprechend aufgerüstet schnell auf 420.000 Euro kommen." Manche Firmen lassen deshalb nur das einbauen, was vorgeschrieben ist.

Problem der Überprüfung

Deswegen versucht die EU immer wieder, das Risiko von Busfahrten durch gesetzliche Vorgaben zu minimieren. "Ab November 2013 müssen alle neu zugelassenen Busse zusätzlich mit einer Abstandskontrolle, einem Notbrems- und Spurhalteassistenten ausgerüstet sein," sagt Johannes Hübner, Sicherheitsbeauftragter des Internationalen Bustouristikverbandes. Für Pkw gibt es diese Pflicht nicht.

Bei entsprechend ausgerüsteten Bussen überwachen Sensoren im Fahrzeug den vorausfahrenden Verkehr und anhand der Fahrbahnmarkierung die Position des Fahrzeugs auf der Straße. Registriert die Elektronik ein Verlassen der Spur oder die Gefahr einer Kollision, wird der Fahrer optisch und akustisch gewarnt. Der Notbremsassistent ist sogar in der Lage, das Fahrzeug selbständig abzubremsen. Wäre der Unglücksbus in Italien mit einer solchen Technik ausgerüstet gewesen, wäre er vermutlich mit niedrigerem Tempo auf das Stauende gefahren - und der Unfall vermutlich weniger tragisch abgelaufen.

Nicht alle Vorgaben der EU allerdings haben durchschlagenden Erfolg. So müssen sich bereits seit 2006 eigentlich alle Insassen eines Reisebusses in Europa anschnallen, weil wie im Auto auch im Bus durch einen Gurt das Verletzungsrisiko dramatisch minimiert werden kann. Die Fahrer sind verpflichtet, die Reisegäste auf die Benutzung des Sicherheitsgurtes hinzuweisen. Ob der während der gesamten Fahrt angelegt ist, lässt sich in der Praxis allerdings nur schwer überprüfen - schließlich muss der Chauffeur vor allem die Straße im Blick haben.

Überwachungstechnik im Auto

Den wohl größten Erfolg hatte nach Hübners Einschätzung die Einführung des digitalen Fahrtenschreibers. Damit lassen sich zahlreiche Fahreraktivitäten wie Lenk- und Ruhezeiten überprüfen. Die Busunternehmen müssen die Daten regelmäßig auslesen und speichern. Damit sind die Arbeitzeiten lückenlos dokumentiert und zumindest Unfälle durch enorm lange Lenkzeiten ausgeschlossen.

Außerdem müssen Busse schon seit den neunziger Jahren zum Beispiel mit ABS, einer Anti-Schlupf-Regelung und Geschwindigkeitsbegrenzern ausgerüstet sein.

Sicherheitsexperte Hübner plädiert außerdem für den Einsatz von automatischen Feuerlöschsystemen. Doch bislang ist eine verpflichtende Einführung kein Thema. Die EU müsste sich zunächst auf eine einheitliche Technik einigen. Und bis zur Einführung dürften noch mal mehrere Jahre vergehen.

Durch die bereits beschlossenen Änderungen könnten die Unfallzahlen tatsächlich zurückgehen. Die Abstandskontrolle etwa ist sinnvoll. Schließlich war eine zu geringe Distanz nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2011 - neuere Zahlen liegen noch nicht vor - mit 12,4 Prozent Ursache Nummer eins bei Busunfällen in Deutschland.

Bis sich die Gesetzesänderungen positiv auf die Statistik auswirken, dürfte es allerdings noch etwas dauern. Bis sich solche und andere neu eingeführte Ausstattungsmerkmale in der Busflotte flächendeckend durchgesetzt haben, dauert es nach Hübners Einschätzung mindestens zehn Jahre.

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