Aston-Martin plant Lagonda-Comeback Anfangen, wo Tesla aufhört

Aston-Martin will den Rolls-Royce für die Generation Smartphone bauen und reaktiviert dafür mit Lagonda eine fast vergessene Marke. Das ist mühsam, aber vielleicht gar nicht so dumm.

Aston Martin

Es war, als wäre ein Ufo gelandet. Die Limousine, die Aston Martin am 12. Oktober 1976 einem kleinen Kreis von Journalisten präsentiert, war ihrer Zeit um Jahre voraus. Kantig. Im Innenraum sprengten Details wie ein Computercockpit sowie Bedientafeln mit Drucktasten statt Reglern und Schaltern die gängigen Vorstellungen davon, wie ein Auto auszusehen hatte. 42 Jahre später wiederholt sich auf dem Genfer Salon 2018 offenbar die Geschichte.

Mit der Studie Vision Concept zeigt der britische Hersteller Aston Martin ein Auto, das die Toleranz der Luxuskundschaft an ihre Grenzen bringen dürfte. Wohl auch, weil die Pläne diesmal noch ein bisschen hochtrabender sind.

Aston-Martin-Chef Andy Palmer hat mit dem schwarzen Keil, der von außen an einen kantig geschliffenen Onyx-Block erinnert und innen eine Luxuslounge ohne Lack und Leder, aber trotzdem mit jeder Menge Plüsch ist, viel vor. Es geht ihm nicht nur darum, seine Vision eines ebenso elektrischen wie autonomen Luxusliners zu veranschaulichen. Der Viersitzer soll zum Leitbild für eine ganz neue Luxusmarke werden.

Eine moderne Alternative zu Rolls-Royce

Palmer will nicht weniger schaffen als eine moderne Alternative zu Rolls-Royce und Bentley: Hightech statt Handarbeit, Batterie statt Barock lautet das Motto. Etikettiert werden soll das Paket mit einem Namen aus der Mottenkiste, aber einem sehr klangvollen: Lagonda - von vielen Menschen vor allem mit jenem futuristischen Aston-Keil von 1976 verknüpft, denn der hieß so.

Gegründet wurde Lagonda allerdings schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Seit 1947 gehört die Marke zu Aston Martin, 1964 wurde sie als eigenständige Marke eingestellt und nur noch gelegentlich wie 1976 als Modellname verwendet. Seit 2015 fertigt Aston Martin in Handarbeit eine viertürige Limousine namens Aston Martin Lagonda Taraf in Handarbeit, allerdings in sehr überschaubarer Stückzahl, weswegen die Marke bei den meisten Menschen in Vergessenheit geraten ist.

"Jetzt soll sie als erste und bislang einzige Luxusmarke für die Generation Smartphone ihr Comeback feiern", sagt Palmer. Erzkonservative Fahrzeuge wie ein Bentley Mulsanne oder ein Rolls-Royce Phantom verkauften sich seiner Meinung nach nur deshalb so gut, weil es keine moderne, progressive Alternative gibt. Palmer will deshalb bei Preis und Positionierung dort anfangen, wo Tesla derzeit aufhört: 200.000, eher 300.000 Euro wird das Einstiegsmodell deshalb kosten.

Es wird ein SUV!

Starten soll das Projekt 2021 mit einem - wie könnte es derzeit anders sein - SUV, das die Plattform des kommenden Aston Martin DBX nutzt und mit ihm zusammen in einer neuen Fabrik in Wales gebaut wird. Ein Jahr drauf komme dann eine Limousine im Stil der Studie. Beide Modelle wird es ausschließlich mit Elektroantrieb geben, verspricht Palmer und nennt dafür nicht nur ökologische Gründe. Für ihn ist das auch eine Frage von Prestige und vor allem von Platz. So sei die Studie zwar kürzer als ein Rolls-Royce Ghost, biete aber wegen des fehlenden, großvolumigen Verbrennermotors mehr Raum als die Langversion des Phantom - "das ist ein Vorteil, den wir auch in der Serie nutzen wollen".

Dennoch räumt Palmer ein, dass seine Entwickler mit dem Schaustück für den Genfer Salon ziemlich weit gesprungen sind: Weder die Solid-State-Batterien, die billiger sind, mehr Kapazität bieten und schneller geladen werden können als die üblichen Lithium-Ionen-Zellen, noch den Autopiloten wird Aston Martin zum Neustart der Marke anbieten können. Palmer will sein Schaustück trotzdem nicht als wirre Spinnerei verstanden wissen, sondern als konkretes Versprechen auf die Zukunft. Selbstbewusst klopft er auf ein dickes Aktenbündel - den Kooperationsvertrag mit Daimler, der einem kleinen Player wie Aston Martin den Zugriff auf ein großes Regal mit viel innovativer Technik und Palmers Prognosen eine gewisse Glaubwürdigkeit gibt.

Trotzdem dürfte es schwer sein, zwischen 3000 und 4000 Kunden pro Jahr für eine Marke zu finden, deren Name außer vielleicht ein paar passionierten Petrolheads kaum ein Besserverdiener in den letzten Jahrzehnten je in den Mund genommen hat: "Egal wie charmant ihr Erbe auch ist, die Marke Lagonda ist noch toter, als es Bugatti bei der Übernahme durch VW gewesen ist," unkt der Kölner Automobilexperte Paolo Tumminelli.

Die Wiederbelebung birgt Risiken - und Chancen

Zwar sieht er durchaus einen Vorteil darin, den sorgfältig polierten Sportwagenkern der Marke nicht zu verwässern und die weniger sportlichen Modelle wie Limousinen und Geländewagen lieber unter einem anderen Dach führen. Doch hält er das für eine unnötig verschwenderische Angelegenheit und nennt Beispiele des Scheiterns: "Die Etablierung von Automarken kostet sehr viel Aufwand. Man denke nur an Maybach, oder auch an Dino, die weder von den Kunden noch von den Händlern so richtig verstanden wurden - beide Marken endeten als reine Modellbezeichnung innerhalb von Mercedes-Benz und Ferrari." Das Geld könnten sich die Briten sparen und lieber mit dem Trend gehen, ist er überzeugt: Wenn nun Maserati den "Maserati of SUV", Rolls-Royce ein "high-sided vehicle" und Lamborghini einen Urus ins Angebot aufnehmen, gebe es für Aston Martin eigentlich keinen Grund für Skrupel.

Der Marketing-Professor Franz-Rudolf Esch sieht das ein bisschen anders: "Aston Martin war im Vergleich zum Wettbewerb lange zu einseitig aufgestellt. Mit dem Lagonda bietet sich die Chance zur weiteren Differenzierung des Produktportfolios, nicht zuletzt auch als Antwort auf Wettbewerber." Und da der Lagonda immer ein extrem teures Auto war, könne dadurch die Exklusivität noch zusätzlich unterstrichen werden. "Last but not least kann durch den viertürigen Lagonda die Stückzahl der produzierten Fahrzeuge angehoben werden, ohne eine Überdehnung der Marke Aston Martin selbst zu riskieren," sagt Esch.

Zwar weiß Andy Palmer selbst, dass es kein leichtes Unterfangen wird, eine weithin unbekannte Marke wiederzubeleben und als glaubwürdige Alternative zu Rolls-Royce und Bentley zu etablieren. Doch er orientiert sich an Bentley. Die einstige Rolls-Royce-Schwester wurde auch erst mit der Übernahme durch VW aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Außerdem dient ihm dieser Schritt als Schutz für die Kernmarke Aston Martin, die auch künftig Fahrerautos mit Verbrennungsmotor und mit Lenkrad bauen soll. Bei Lagonda dagegen sei es schon immer mehr ums Ankommen gegangen als um das Fahren um des Fahrens willen, sagt Palmer. "Lagonda-Kunden sind es gewohnt, sich fahren zu lassen - egal ob von einem Chauffeur aus Fleisch und Blut oder von Computerchips."



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schlauchschelle 09.03.2018
1. Nunja, wenn der neue Lagonda
die gleiche "Fehlerfreiheit", "Zuverlässigkeit" und "Verarbeitungsqualität" wie der Lagonda von 1976 bietet -> ist die Generation Smartphone schnell woanders eingestiegen xD. However, ich wünsche ihnen Erfolg und Gelingen, auch wenn es wieder ein SUV ist, in einer alternden, steifer werdenden Gesellschaft (ja, auch die Generation Smartphone wird alt) bleiben wohl kaum Alternativen. Da auch ältere Menschen 250+ fahren und Kurven bügeln wollen, müssen die SUV Sportwageneigenschaften haben, vom Gefühl der Überlegenheit, Entschuldigung, Sicherheit ("ich sitze über Dir") nicht zu reden. Da sich über Geschmack stundenlang Diskutieren lässt, lasse ich dies außen vor. We'll c ^_- ...
dth1978 09.03.2018
2. Lagonda
Ein Traumauto meiner Kindheit. Optisch setzt die Studie da wohl gänzlich auf ein anderes Design. Leider waren die Dinger technisch eine Katastrophe...
Süddeutscher 09.03.2018
3. Top differenzierender Beitrag
Sehr erhellend. Danke auch für die Gegenüberstellung der Expertenmeinungen. Persönlich finde ich die Entscheidung hochgradig spannend und pfiffig! Aston Martin kann mit Lagonda und den bestehenden Produkten zur coolsten Automarke werden! Das Know How haben sie, das Selbstbewusstsein sowieso.
lobivia 09.03.2018
4. Lagonda? Elektronik? Smartphone?
Elektronik? Das könnte böse Erinnerungen wecken, schließlich ist der letzte Lagonda aufgrund seiner "innovativen Elektronik" krachend gescheitert.
acitapple 09.03.2018
5.
Da stellt sich mir gerade wieder die Frage, warum Interieur meist potthäßlich sein muss. Die Engländer haben diesbezüglich einen sehr guten Geschmack, jedoch vermögen auch sie es nicht, das phantastische Design der Studien in die Serie zu integrieren. Natürlich sind bei der Vorstellung der Prototypen alle begeistert, in der Serie greift man dann aber auf das Material der Masse zurück. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Studie des Boxster. Die hätte ich mir sogar gekauft, wenn sie nur mit 50PS auf den Markt gekommen wäre. Das Serienmodell hatte dann aber gar nichts mehr von der Faszination, nur noch Langeweile. Komisch, aussen kann man Autos mannigfaltig stylen, aber der Innenraum, dem man als Fahrer ja die meiste Zeit ausgesetzt ist, wird vernachlässigt. Höchstens Sitzbezüge oder irgendeine Leiste kann man auswählen.
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